Sozialethiker Huber: Keine Gen-Technik ohne Weisheit

Deutschland spricht 2019
Sozialethiker Huber: Keine Gen-Technik ohne Weisheit
Für mehr "Weisheit" bei der Anwendung der neuesten Gentechnik plädiert der evangelische Sozialethiker Wolfgang Huber (74).

Die Rasanz ihrer eigenen Entdeckungen dürfe Wissenschaftler nicht davon abhalten, "nach dem Bild vom Menschen zu fragen, an dem sie sich orientieren", heißt es in einem Beitrag des früheren Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Montagsausgabe) zu den Chancen und Risiken der sogenannten Gen-Schere Crispr-Cas9.

"Auch in Zukunft werden Menschen lernen müssen, mit ihrer Verletzlichkeit umzugehen und ihre Schwäche einzugestehen. Demut bleibt nötig, allen 'Zauberscheren' zum Trotz", fügte das frühere Ethikrat-Mitglied an.

Hinter der komplizierten Abkürzung Crispr-Cas9 steckt ein technisches Verfahren zur Veränderung des Erbguts durch eine Schere, die direkt in der DNA schneiden, löschen oder verändern kann. Der Berliner Altbischof Huber plädierte für eine Abwägung beim Einsatz der neuen Technik. Es spreche ethisch und moralisch einiges dafür, Therapien auf Grundlage von Crispr-Cas9 zu fördern, argumentierte er. Das "Prinzip der Solidarität mit den Leidenden" spreche dafür, solche therapeutischen Möglichkeiten zu entwickeln und einzusetzen.



Huber warnte zugleich vor Eingriffen in die menschliche Keimbahn. Genomchirurgie an Körperzellen sei in ihren Auswirkungen auf das jeweilige Individuum beschränkt. "Eingriffe in die Keimbahn haben, wenn sich daraus Individuen entwickeln, Konsequenzen für alle Nachkommen", unterstrich der Theologieprofessor: So lange solche Risiken nicht ausgeschlossen werden könnten, "ist ein international vereinbartes Verbot gentechnischer Eingriffe in die Keimbahn in einer moralischen Perspektive vergleichbar plausibel wie ein Verbot des Klonens".

Auch die Grenze zwischen der Heilung und der genetischen "Verbesserung" von Menschen spielt Huber zufolge eine entscheidende Rolle. Wenn die Förderung etwa von musikalischer Begabung, sportlichem Vermögen, wissenschaftlicher Exzellenz oder beruflicher Leistungsfähigkeit tatsächlich durch "positive Eugenik" zu erreichen wäre, würde die "gesellschaftliche Ungleichheit durch gentechnische Mittel verstärkt."