Forschungsprojekt zum Missbrauch auf halber Strecke

Das Forschungsprojekt im Auftrag der katholischen Kirche zum sexuellen Missbrauch durch Priester hat noch viel Arbeit vor sich. Erste Zwischenergebnisse zeigen schon jetzt: Die Erkenntnisse können schmerzhaft für die Institution werden.

Die Täter sind hauptsächlich männlich, deren Opfer auch: Beim sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche zeigen sich im Vergleich mit anderen Institutionen Besonderheiten. Dies belegen erste Zwischenergebnisse des großangelegten Forschungsprojekts, das die Deutsche Bischofskonferenz und die 27 Bistümer 2014 in Auftrag gegeben haben. Besonders brisante Teile des Projekts wie die Auswertung von Personal- und Strafakten stehen noch bevor. Aber schon eine erste Analyse bereits vorhandener Erkenntnisse zum Missbrauch legen nahe, dass die Ergebnisse schmerzhaft werden können.

Aus dem Projekt um den Psychiater Harald Dreßing und den Kriminologen Dieter Dölling wurden jetzt Ergebnisse der Metaanalyse bereits vorhandener Studien zum Thema Missbrauch vorgelegt. 53 Untersuchungen haben die Wissenschaftler übereinandergelegt und daraus quantitative Erkenntnisse gewonnen, davon beschäftigten sich 40 allein mit Missbrauch in der Kirche.

Keineswegs harmlos

Die Analyse zeigt, dass die Täter innerhalb der Kirche wie in anderen Institutionen auch hauptsächlich männlich sind. Bei den Opfern gibt es aber Unterschiede: Während in nicht-kirchlichen Institutionen häufiger weibliche Betroffene (55 Prozent) verzeichnet wurden, sind die Opfer bei Taten in der Kirche überwiegend männlich (79 Prozent).

Ein weiteres Ergebnis der Forscher ist, dass drei Viertel der Taten in der katholischen Kirche sogenannte Hands-on-Handlungen sind, bei denen das Opfer also mindestens angefasst wurde. Das bewegt sich auf gleichem Niveau wie bei Missbrauchsfällen in anderen Bereichen, zeigt damit aber auch, dass die Taten in der Kirche keineswegs harmloser sind. Am häufigsten ging es dabei um Anfassen oberhalb (23 Prozent) und unterhalb (21 Prozent) der Kleidung. In 17 Prozent der Fälle kam es zu Geschlechts-, in zwölf Prozent zu Oralverkehr. Damit gebe es bei fast einem Drittel der Taten eine erhebliche Schwere, sagte Dölling bei der Vorstellung der Ergebnisse in Berlin.

Die Analyse zeigte zudem, dass die Taten am häufigsten in der Privatwohnung eines Priesters, Diakons oder anderen Mitarbeiters der Kirche stattfanden, gefolgt von der Schule als Tatort. Fast einem Drittel der Täter (30 Prozent) wurde anhand psychologischer Untersuchungsmethoden emotionale oder sexuelle Unreife bescheinigt, bei 22 Prozent wurde eine Persönlichkeitsstörung ausgemacht.

Ergebnisse zu den von den Forschern selbst erhobenen Daten werden wohl noch bis Ende 2017 auf sich warten lassen. Dreßing sagte, das Projekt werde voraussichtlich die gesamte Laufzeit ausschöpfen müssen. Erstmals sollen die Forscher dabei umfänglich Einblick in Personalakten, auch in Geheimarchive der Diözesen bekommen. Bei der Erfassung sind die Forscher auf Mitarbeit der Bistümer angewiesen. Bislang habe man alle Daten bekommen, manchmal allerdings erst nach längerem Warten, sagte Dreßing.

Vorwurf: Entschädigung statt Aufklärung

Die katholische Kirche hatte sich mit dem Zugang zu den Akten lange schwer getan. Ein erstes Forschungsprojekt mit dem Kriminologen Christian Pfeiffer war gescheitert, weil dieser der Kirche vorwarf, seine Forschung zensieren und kontrollieren zu wollen. Das Angebot der Kirche, Opfer finanziell zu entschädigen, wurde zudem lange als Strategie verstanden, sich der Aufklärung nicht zu stellen. 1.700 sogenannte "Anträge auf Anerkennung des Leid" liegen laut Bischofskonferenz inzwischen vor.

Bestandteil des Forschungsprojekts sind außerdem Interviews mit Betroffenen und die Auswertung von Strafakten über Täter aus dem kirchlichen und nicht-kirchlichen Bereich. An diesem Montag sollte außerdem eine Online-Umfrage an den Start gehen, in der Betroffene anonym über erlittenes Auskunft geben können.

Mit diesem Mix von Methoden ist das Forschungsprojekt nach den Worten der federführenden Wissenschaftler ein Novum. Dreßing verspricht daher auch herausragende Erkenntnisse: Am Ende werde man Kennzahlen über das quantitative Ausmaß des Missbrauchs in der katholischen Kirche, Erkenntnisse über Strukturen und Dynamiken, sowie die Sichtweise der Betroffenen haben.