Wo noch von Hand geläutet wird

Reinhold Krause (links) und sein Sohn Florian Krause im Glockenstuhl der Kirche von Sputendorf.

Foto: Anett Kirchner

Reinhold Krause (links) und sein Sohn Florian im Glockenstuhl.

Wo noch von Hand geläutet wird
Aus Tradition und Überzeugung: im kleinen brandenburgischen Ort Sputendorf, südlich von Berlin, läuten Reinhold Krause und sein Sohn Florian die Kirchglocken von Hand.

Reinhold Krause schließt die Kirchentür auf. Er und sein Sohn Florian Krause nehmen ihre Basecaps ab. "Das gehört sich doch so, oder?" Sie lächeln und erklären dann, dass der Aufgang zum Turm eigentlich hier neben dem Eingang sein müsste. Aber nein. Weil in dem Vorraum ursprünglich eine beheizte Winterkirche gebaut werden sollte, gibt es keinen direkten Aufgang zum Glockenturm. So gehen sie über die Orgelempore. Knirsch. Knirsch. Hellblaue Holzstufen führen hinauf. Jetzt muss es schnell gehen. Wieder dreht sich ein Schlüssel im Schloss. Die Holztür zum Dachstuhl quietscht. Das Geräusch wird jedoch bald von dem hellen Klang der Kirchenglocken übertönt. Auf geht's. Es ist Sonnabend, 18 Uhr, in Sputendorf - einem kleinen Ort südlich von Berlin.

Hier in der für diese Gegend so typischen Feldsteinkirche wird noch wie einst von Hand geläutet; ehrenamtlich. Der Vater hat es vom Vater gelernt und dieser wiederum von seinem Vater. Florian Krause, 34 Jahre alt, übernimmt diese Tradition nun in der vierten Generation. Mit großer Freude, wie ihm anzumerken ist. Ein breites Lächeln zieht sich über sein Gesicht und auch die Augen leuchten hinter der Brille, wenn er an dem Seil zieht, das über ein so genanntes Joch eine Etage höher zu der größeren der beiden Glocken führt.

Mit viel Feingefühl und Konzentration ist er bei der Sache. Fast scheint es, als ob er innerlich tanze. Immer darauf bedacht, einem bestimmten Rhythmus zu folgen. Denn Glockenläuten bedeutet nicht einfach an dem Seil ziehen und fertig. "Dann macht es nur Bimm", erklärt er. Richtig sei jedoch: "Bimm, Bamm". Wenn also die Glocke zu einer Seite hoch schwingt, muss der Klöppel zweimal jeweils gegen die linke und die rechte Glockenwand schlagen.

Und damit es am Ende wirklich schön klingt, braucht es jahrelange Übung und Erfahrung. Zwei bis drei Jahre habe es bei Florian Krause gedauert. Er war etwa 16, als er zum ersten Mal hier läuten durfte. Sein Vater, der an diesem Sonnabend die kleinere Glocke läutet, ist dankbar, dass der Sohn diese Tradition fortführt. Nicht selbstverständlich, in der heute so technikgeprägten Zeit.

Der Läutner glockt mal laut, mal leise

Stellt sich schnell die Frage nach dem warum? Einerseits des Geldes wegen, denn ein elektrisch betriebenes Geläut ist teuer und die Gemeinde hier im ländlichen Brandenburg hat wenig Geld. Andererseits aus Überzeugung. "Wenn sich keiner mehr findet, der die Glocken läutet, ist die Kirche tot", sagt Reinhold Krause ein wenig pathetisch. Er bemerke sofort, ob ein Mensch oder eine Maschine läute.

Bei einem Menschen sei der Klang ganz individuell; mal laut, mal leise, nicht immer gleichmäßig – ebenso, wie sich der Glockenläuter gerade fühle. "Da steckt Leben und Geist drin", erklären die beiden. Genau wie in einer Kirche, die ein lebendiger Ort sein sollte, an dem in erster Linie das Wort Gottes verkündet werde; die nicht etwa nur als Museum oder als Konzerthaus diene. Und so erklingen die Glocken von Sputendorf immer sonnabends um 18 Uhr und läuten traditionell den Sonntag ein. Etwa drei Minuten lang. "Es ist ein schönes Gefühl, zu wissen, dass in diesem Moment alle mithören", beschreibt Reinhold Krause. Auch zu Hochzeiten, an Neujahr, vor den Gottesdiensten und bei wichtigen Jahrestagen werden die Glocken geläutet. Und: wenn ein Gemeindemitglied stirbt. Am nächsten Tag um 8 Uhr erklingt dann die Sterbeglocke: Drei Mal für fünf Minuten.

Florian (links) und Reinhold Krause läuten die Glocken in Sputendorf.

Die Familie Krause lebt in der sechsten Generation in Sputendorf. Der kleine Ort mit etwa 500 Einwohnern, davon 100 evangelische Christen, wurde 1375 erstmals urkundlich erwähnt. Die Kirchengemeinde Sputendorf ist wie viele dörflich geprägte Gemeinden dieser Region nicht mehr eigenständig. Sie gehört zum Pfarrsprengel Güterfelde im Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf der Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

Die Dorfkirche stammt aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Der mit Brettern beschlagene Fachwerkturm wurde später hinzugebaut. Hier im unteren Geschoss des Turmes, hinter zwei lamellenartigen Schallluken aus Holz, ist der Glockenstuhl untergebracht. Die ehemals bronzenen Glocken wurden im Ersten Weltkrieg eingeschmolzen und durch zwei Stahlglocken ersetzt. Diese stammen aus dem Jahr 1921, sind etwa 90 und 80 Zentimeter hoch und wurden von Ulrich Weule in Apolda gegossen.

Mit seinen 63 Jahren hat Reinhold Krause keine Mühe, die schmale Holzleiter hinauf in den Glockenstuhl zu klettern. Oben ist wenig Platz. Durch die Lamellenfenster scheint die Sonne und projiziert kunstvolle Schatten auf den Fußboden. Außer ein Kugellager und jeweils zwei Messingpfropfen für einen wärmeren Klang in den Innenwänden der Glocken sei alles noch original, erzählt er und zeigt eine tiefe Schramme in einem Holzbalken oben an der Decke. Hier sei das Joch eines Tages mit voller Wucht eingeschlagen, als jemand das Seil während des Läutens plötzlich losgelassen habe.

"Das zeigt, welche Kraft eine Glocke hat, wenn sie ins Schwingen gerät." Und in diesem Moment schwingt auch in seiner Stimme ein gewisser kraftvoller Ton. Man spürt, wie viel ihm dieses Ehrenamt bedeutet: "Wenn eine Glocke erklingt, zeigt sie den Menschen: Hier steht eine Kirche!" Sie ruft zum Gebet oder zu einem besonderen Ereignis – früher wie heute. Davon ein Teil zu sein, macht ihn stolz.

Früher gaben die Glocken den Takt der Zeit vor

Als Reinhold Krause zehn Jahre alt war, nahm ihn sein Vater zum ersten Mal mit und zeigte ihm das Glockenläuten. "Ich war beeindruckt", erinnert er sich. Seitdem gehört es zu seinem Leben. Seitdem hat sich aber auch viel geändert.

Früher bestimmte der Glockenklang den Tagesablauf der Menschen. Früh, mittags und abends wurde geläutet. Die Glocken gaben eine zeitliche Orientierung. Und sie läuteten zum Beispiel auch, wenn ein Feuer ausgebrochen war. "Wir wussten, dass etwas passiert ist, wenn die Glocken eine viertel Stunde lang erklangen", erzählt er. Heute gebe es dafür andere Kommunikationswege. Und doch sehnen sich die Menschen offenbar nach den althergebrachten Ritualen. "Wir merken es zum Gottesdienst an Heilig Abend, wenn die Plätze in unserer kleinen Kirche nicht reichen", schildert er. Und deshalb ist sich Reinhold Krause in einem ganz sicher: die Glocken von Sputendorf werden nicht verstummen. Es wird sich immer jemand finden, der sie läutet.