Der Bischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Ernst-Wilhelm Gohl, sieht in der religiösen Gleichgültigkeit vieler Menschen eine der großen Herausforderungen für die Kirche in den nächsten Jahren. "Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten daran gewöhnt, dass unser Dienst Anerkennung in der Gesellschaft erfährt", sagte er am Samstag in seiner Predigt anlässlich der Eröffnung der 17. Synode der Evangelischen Landeskirche in Württemberg in Stuttgart laut Redemanuskript.
"Viele denken bis heute so", sagte Gohl weiter: "Aber eine schweigende Mehrheit ist wenig bis gar nicht interessiert oder lehnt sogar unseren Dienst ab." Im Alltag habe man es oft gar nicht mehr mit "feurigem Atheismus" zu tun, sondern "einer Gleichgültigkeit und dem Gefühl, dass nichts im Leben fehlt, wenn Gott fehlt."
Der Bibeltext aus 2. Korinther 6 erinnere aber auch daran, dass christlicher Dienst in anderen Teilen der Welt nur unter großer Lebensgefahr getan werden könne. Die Situation dieser verfolgten und bedrängten Christen seien in der vergangenen Synode deutlich thematisiert worden. Man habe gemeinsam für die Glaubensgeschwister in Nigeria, China, Syrien und anderen Orten gebetet und versucht, sie nach Möglichkeiten zu unterstützen, sagte Gohl: "Im Vergleich zu ihnen leben wir hier in geradezu paradiesischen Zuständen. Das macht mich nachdenklich. Und ein größeres Maß an Demut täte uns gut."
Kompromisse keine Schwäche, sondern Stärke
Er wies darauf hin, dass das württembergische Kirchenparlament besonders divers sei, da es das Einzige innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sei, in dem die Kirchenmitglieder ihre Landessynodalen direkt wählen. Hier sei der Kompromiss besonders wichtig, der keine Schwäche, sondern eine Stärke sei. Er sei der Überzeugung, dass Jesus Christus als das tragende Fundament der Kirche die stabilste Basis sei, auf der unterschiedlichste Perspektiven miteinander Lösungen finden.
Der christliche Glaube ist nach Ansicht des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne) eine Bereicherung für die Gesellschaft: "Der christliche Glaube verleiht unserer ganzen Gesellschaft grundsätzliche Dimensionen, Kultur, Humanität, Transzendenz und besonders Vertrauen", sagte er am Samstag in seinem Grußwort. Aufgabe der Kirchen sei es, "die Gesellschaft in unseren Zeiten des Umbruchs zu begleiten, mit tiefgründigen Impulsen, die einen klaren Wertekompass mit Lebensklugheit und konstruktiver Kritik verbinden."
Kretschmann: Mit Grundgesetz und Evangelium
Der Ministerpräsident beobachtet in Baden-Württemberg einen großen Säkularisierungsschub innerhalb von kürzester Zeit: "Allein in meiner Amtszeit als Ministerpräsident, also in 15 Jahren, ist der Anteil der Christen in Baden-Württemberg von 70 auf gut 50 Prozent zurückgegangen."
Zunehmend mehr Menschen verstünden die christlich imprägnierte Kultur, die Kirchen, die Kunstwerke und Symbole nicht. Für die Kirchen habe der Säkularisierungsschub konkrete Folgen wie sinkende Finanzmittel, weniger Mitarbeitende und weniger Möglichkeiten. Hier sei von den Synodalen Kreativität gefragt. "Ich möchte Ihnen zum Ende meiner Amtszeit und zu Beginn Ihrer Amtszeit als Synode zurufen: 'Nehmen Sie sich als aktive Christen in Ihrer Verantwortung für die Kirche und die Gesellschaft ernst.'"
Nach sechs Jahren als Synodalpräsidentin ist Sabine Foth vom synodalen Gesprächskreis "Offene Kirche" auch von der neuen, 17. Landessynode wieder zur Präsidentin gewählt worden. Für das Amt der stellvertretenden Präsidentschaft wurden Martin Brändl ("Lebendige Gemeinde") sowie Oliver Römisch ("Kirche für morgen") und Lisbeth Sinner ("Evangelium und Kirche") gewählt. Auch die Vorsitzenden der Geschäftsausschüsse und eine Reihe von Gremienvertretungen wurden am Samstag gewählt.
Das Kirchenparlament, die Synode, leitet laut Kirchenverfassung gemeinsam mit dem Landesbischof und dem Oberkirchenrat die Landeskirche, entscheidet über die Verwendung der Kirchensteuern, beschließt Gesetze und wählt bei Bedarf einen neuen Landesbischof oder eine -bischöfin. Die Landessynode wird alle sechs Jahre direkt von den Kirchenmitgliedern gewählt. (0536/28.02.2026)


