War Martin Luther Linkshänder?

Eine Playmobil-Figur von Martin Luther mit dem Federkiel in rechten Hand steht einer Playmobil-Figur von Martin Luther mit dem Federkiel in der linken Hand gegenüber.

Foto: Sarika Feriduni/evangelisch.de

Links oder rechts - in welche Hand muss die Schreibfeder beim Playmobil-Luther, um historisch korrekt zu sein?

War Martin Luther Linkshänder?
In welche Hand muss die Schreibfeder des Playmobil-Luther? Eine Anruferin fragte beim Service-Telefon der EKD nach, ob Martin Luther Links- oder Rechtshänder war. Wir haben Antworten und Indizien gesammelt.

Cora Klemp macht den Pappkarton auf, holt die kleine Figur aus der Plastikverpackung, setzt ihr die schwarze Plastikkappe auf und legt den Umhang um. Doch dann die Frage: Soll die kleine Luther-Figur auf ihrem Schreibtisch die Feder in die rechte oder linke Hand bekommen? War Martin Luther Linkshänder? Oder schrieb er mit rechts?

Diese Frage treibt Cora Klemp um, als sie aus dem Urlaub zurück ist und ihre Chefin ihr einen der beliebten Playmobil-Figuren Martin Luthers als Willkommensgruß auf den Schreibtisch stellt. Klemp arbeitet im Kirchenkreis Bielefeld, unter anderem in der Erwachsenenbildung als Verwaltungsmitarbeiterin und Qualitätsmanagementbeauftragte. Auf das Reformationsjubiläum 2017 arbeiten sie und ihre Chefin schon seit einiger Zeit zu – auch deshalb hat Klemp sich eine der kleinen Lutherfiguren gewünscht.

Der Blick auf die Verpackung verrät: Der Reformator trägt die Feder in der rechten, das Buch in der linken Hand. Doch wie realitätsnah ist schon ein Verpackungsmotiv? Klemp greift zum Telefonhörer und ruft das kostenlose Servicetelefon der EKD an. "Da frage ich doch mal Fachpersonal ganz weit 'oben' – nämlich in der EKD, die müssten das doch wissen", denkt sie. Sie selbst ist anerzogene Rechtshänderin, die schnelleren Reflexe hat sie aber mit links. Vielleicht ist ihr das Thema auch deshalb ein persönliches Anliegen.

Wenn, dann umerzogen

Ihr Anruf beim EKD-Servicetelefon zieht weite Kreise: Mitarbeiter des EKD-Kirchenamtes diskutieren in der morgendlichen Telefonkonferenz, ob Luther wohl mit rechts oder links geschrieben habe, evangelisch.de bittet seine Nutzer, ihre Meinung zu äußern. Per Facebook geht der Aufruf an alle Fans der Seite: "War Luther Rechts- oder Linkshänder? Schickt Eure Beweise an evangelisch.de. Helft uns, die vielleicht wichtigste Frage für 2017 zu beantworten!" Die Nutzer schicken fleißig Indizien, verschiedene Gemälde des Reformators beispielsweise, die andere Nutzer gleich anzweifeln: Die Maler seien keine Zeitgenossen Luthers gewesen und könnten daher keine realitätsgetreue Handhaltung nachzeichnen, lautet das häufigste Argument.

Mirko Gutjahr von der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt verwies auf Nachfrage ebenfalls darauf, dass Luthers Mitmenschen ihn seinerzeit nicht als Linkshänder beschrieben. Auch zeitgenössische Darstellungen Luthers würden nicht helfen, die Frage nach Luthers Schreibhand zu beantworten. Dort schreibe er zwar meist mit rechts, aber diese Bilder hätten nicht den Anspruch, wirklichkeitsgetreue Abbilder zu sein. Zudem seien viele Bilder schlicht Kopien von einschlägigen Vorlagen, allen voran den Porträts aus der Cranachwerkstatt. Ein weiteres Argument, das die Fachleute zu bedenken geben: Sobald Künstler Gemälde oder andere graphischen Vorlagen auf Holzschnitte oder Kupferstiche kopieren ist Vorsicht angezeigt, denn durch das "Abkupfern" wurde die Originalvorlage meist seitenverkehrt reproduziert.

Andere Kommentatoren weisen darauf hin, dass Luther vermutlich umerzogen worden wäre, hätte er tatsächlich mit der linken Hand geschrieben. Nicht ganz ernst gemeinte Posts nennen Indizien wie "Rechtshänder. Sein linkes Nasenloch war größer". Eine Nutzerin setzt sich sogar extra ein Ausflugsziel, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen: "Werde am Wochenende mal nachforschen, bin nämlich aus der Lutherstadt/Eisleben. Wird Zeit, mal wieder ins Museum zu gehen...", schreibt sie in einem Kommentar. Überwiegender Eindruck der Diskutierenden: Luther war Rechtshänder. Die Verfechter der Gegenseite – sprich die Linkshänderfraktion – argumentieren beispielsweise: "Ich tippe ja auf umerzogenen Linkshänder. Linkshänder sind ja wissenschaftlich bewiesen schlauer als Rechtshänder."

Nicht nur bei den Facebook-Nutzern rauchen die Köpfe: Auch das EKD-Servicetelefon selbst recherchiert. Eine Mitarbeiterin fragt den Kieler Kirchenhistoriker Johannes Schilling. Doch sogar der Experte hat die Frage nach Luthers Schreibhand noch nicht wissenschaftlich beleuchtet. Seine klare Tendenz lautet: Luther war Rechtshänder. Die Argumentation des Experten: Der Duktus seiner Handschrift spricht dafür. Außerdem sei Luther meist mit Buch und einer freien, meist zeigenden Hand abgebildet, – das sei in der Regel die Rechte. Der Lutherfachmann ergänzt augenzwinkernd: "Einen Linkshänder würde ich, bei aller Achtung von Minderheiten, bis zum positiven Erweis aus Luther nicht machen (wollen)."

Und wie sieht die Stiftung Luthergedenkstätten die Faktenlage? Sie schreiben auf Nachfrage gleich zu Beginn: "Diese Frage ist nicht klar zu beantworten. Luther selbst gibt darauf – obwohl wir aus seinen Selbstzeugnissen sehr viel über seine Person und noch mehr über seine Befindlichkeiten erfahren – leider keine Auskunft." Weiter heißt es: Der einzige Hinweis auf eine mögliche Händigkeit ist sein in den Tischreden kolportierter Ausspruch: "Kaiser-Recht ist anders nichts, denn was menschliche Vernunft lehret; aber das geistlich Recht ist, was der Papst setzt, fartzet und träumet. Jch wollt die linke Hand drüm geben, daß die Papisten müßten ihre Canones halten. Jch meine, sie würden schreien mehr denn uber den Luther!" (WA TR 6, 6862). Warum die Linke? Wäre der Ausdruck, seine "rechte Hand dafür zu geben" nicht stärker gewesen? War ihm die linke Hand vielleicht wichtiger?

Bibel erwähnt Linkshänder als überlegene Kämpfer

Anders als noch vor wenigen Jahrzehnten, sei die Linkshändigkeit im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit aber noch kein Stigma gewesen, schreibt die Stiftung. Doch wurde die linke Hand damals, wenn sie denn einmal Erwähnung fand, durchaus negativ konnotiert. Die Regel: Wer Salz verschüttet, werfe besser einige Salzkörner über die linke Schulter, da dort der Teufel lauere, nennt die Stiftung als Beispiel. Auch Gott selbst werde ja die Gerechten zu seiner Rechten versammeln. Und in der Bibel heißt es: "Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Gehet hin von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! (Mt 25, 41)

Die linke Hand werde seit jeher mit einigem Aberglaube belegt: Eide waren ungültig, wenn sie mit der linken Hand geschworen wurden. Allerdings konnte man mit der linken Hand auch bösen Zauber abwehren: Bäcker in Schwaben drückten mit den Fingern der linken Hand in das letzte Brot, das sie in den Ofen geben, um es vor Verzauberung durch Hexen zu schützen. Auch bestimmte Heilkräuter müssen nach mancher Überlieferung mit der linken Hand gepflückt werden, damit sie wirken, führen die Experten beispielhaft an.

Und was sagt die Bibel zu Linkshändern? Die Stiftung Luthergedenkstätten führt zwei Stellen an, in denen Linkshänder dadurch gegebenenfalls einen Vorteil im Kampf hatten. An einer Stelle heißt es: "Die Israeliten schrien zum Herrn um Hilfe, und wieder gab er ihnen einen Befreier, Ehud, den Sohn Geras, vom Stamm Benjamin, einen Linkshänder" (Richter 3,15) und anderswo: "Im ganzen Stamm Benjamin gab es 700 Männer, die sogar mit der linken Hand Steine schleudern konnten und nie ihr Ziel verfehlten." (Richter 20,16).

Das Fazit der Fachleute: Linkshändigkeit war kein Makel, doch sie wäre bei Luther vermutlich aufgefallen und von seinen Zeitgenossen kolportiert worden. Es ist demnach möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich, dass Luther Linkshänder war.

Manche Fragen klingen also auf den ersten Blick einfach, sind aber wohl nicht so einfach zu beantworten. Mal sehen, ob es bis 2017 noch weitere Indizien gibt, mit welcher Hand Luther seine bekannten Thesen verfasst hat. Für den Playmobil-Luther auf dem Schreibtisch von Cora Klemp gilt wie für alle anderen ohnehin: Er kann die Schreibfeder in jeder Hand halten. Die Spielfigur erhebt schließlich keinen Anspruch auf historische Genauigkeit.