Der virtuelle Tod

Eine Frau kniet in einem großen leeren Raum auf dem Boden.

Foto: Getty Images/Knowlesie

Deutschland spricht 2019
Der virtuelle Tod
"Wir haben als Gesellschaft noch keine Rituale entwickelt"
Es ist vier Jahre her, da starb unerwartet einer der besten Freunde von Jörg Eisfeld-Reschke. Damals beobachtete der heute 30-Jährige zum ersten Mal ein Phänomen: "Seine Facebook-Seite wurde ein Ort, den viele seiner Bekannten zum Trauern nutzten." Auch er besucht bis heute die Seite des Freundes: "Sein Grab ist viele Kilometer entfernt. Auf Facebook haben wir früher viel kommuniziert. Es ist ein schöner Ort zum Erinnern."

Aber es gibt auch andere Beispiele: "Lass es krachen!" schrieb ein Facebook-Freund auf die Seite von Martin Seiter (Name geändert) an dessen 31. Geburtstag. Da ist Martin bereits seit zwei Jahren tot. Der Gratulant hat davon offensichtlich nichts mitbekommen. "So eine Nachricht tut weh, auch wenn sie nicht böse gemeint ist", sagte Martins frühere Verlobte Linda.

Das Thema "Tod und Internet" hat Eisfeld-Reschke nicht mehr losgelassen. Im Jahr 2010 gründete er das Institut für Kommunikation in sozialen Medien in Berlin (ikosom). Er beobachtet, wie wenig Erfahrung Menschen mit dem Themenfeld haben - obwohl alle drei Minuten ein Facebook-Nutzer in Deutschland stirbt. "Jeder weiß, dass in der Zeitung die Seiten mit den Todesanzeigen kommen. Auf Facebook und Twitter erwarte ich nicht, vom Tod eines Menschen zu erfahren. Viele sind dann überfordert und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Wir als Gesellschaft haben dafür noch keine Rituale entwickelt", sagt der Wissenschaftler.

Das bestätigt auch der Weltanschauungsbeauftragte der Evangelischen Landeskirche in Baden, Gernot Meier. "Wenn die Großeltern sterben, ist klar, was man tut. Wenn nun ein junger Mensch bei einem Motorradunfall verunglückt, sind durch das Internet neue Orte entstanden, an denen man seine Trauer ausdrücken kann."

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, bei Facebook auf den Tod eines Freundes oder Angehörigen zu reagieren. Das Profil kann gelöscht oder in eine Erinnerungsseite umgewandelt werden. Oft tauschen dann Freunde und Familie Erinnerungen oder Trost aus. Viele Menschen wählen, wenn sie trauern, auch eine Kerze oder ein Kreuz als Profilbild. Das macht den Schmerz für alle sichtbar.

Meier vermutet, dass bereits eine Veränderung stattgefunden hat: Während der Tod in den letzten Jahrzehnten immer weiter aus der Gesellschaft verbannt worden sei, scheine er auf Portalen wie Facebook wieder in ihre Mitte zurückzukehren. Veränderungen im Ablauf der Trauer beobachtet der Theologe jedoch nicht: "Es gibt immer noch die typischen Phasen: Von herzzerreißend über nicht wahrhaben wollen, verrückte Dinge tun bis zu dem Punkt, an dem man sich wieder eingliedert."

Auch vertraute Rituale auf Facebook

Wie vertraute Rituale auch auf Facebook gelebt werden könnte, zeigte Sheryl Sandberg, die Geschäftsführerin des Internet-Konzerns. Als ihr Mann Dave Goldberg Anfang Mai mit 47 Jahren starb, schrieb sie vier Tage später auf ihrem Profil zum ersten Mal öffentlich über ihre Trauer. Einer großen Weltöffentlichkeit gab Sandberg Einblicke in ihr Seelenleben und rührte damit viele Menschen.

Sie schrieb, bis nach 30 Tagen die jüdische Trauerzeit Schloschim vorbei war - der Abschluss der religiösen Trauer für einen Ehepartner. "Dave, ich werde dich immer ehren und deine Kinder so erziehen, wie sie es verdient haben. Ich verspreche dir, alles zu tun, um das Beste aus Option B herauszuholen. Und obwohl der Schloschim vorbei ist, trauere ich Option A immer noch nach", schrieb Sandberg.

"Unser gemeinsames Leben dort festhalten"

Dass es schwer ist, sich nach einem großen Verlust wieder mehr dem Leben zuzuwenden, hat Linda erlebt: Immer wieder kehrte sie auf das Facebook-Profil ihres Verlobten zurück, hinterließ Nachrichten, Lieder und Gedichte. "Ich hatte das Gefühl, unser gemeinsames Leben dort festhalten zu können", erinnerte sie sich.

Die Gefahr, dass der Trauerprozess nicht abgeschlossen wird, gebe es allerdings auch ohne das Internet, sagt Eisfeld-Reschke: "Aber während das bislang vor allem im stillen Kämmerlein stattfand, ist es heute öffentlicher geworden. Das ist irritierend für andere, weil man es plötzlich wahrnimmt."