Angst vor einem Stück Stoff?

Kopftuch in der Schule

Foto: epd-bild/Werner Krüper

Angst vor einem Stück Stoff?
Wie eine muslimische Lehrerin mit dem Kopftuchurteil umgeht
Mit seinem Urteil vom 13. März 2015 hat das Bundesverfassungsgericht das Kopftuchverbot für Lehrerinnen an Schulen gekippt. Schulen können jedoch nach wie vor ein Kopftuchverbot verhängen, wenn nach ihrem Ermessen der Schulfrieden beeinträchtigt wird. Kübra Arslanoglu, eine muslimische Referendarin aus Neuss, erzählt, wie ihr Kopftuch im Schulalltag wahrgenommen wird.

Frau Arslanoglu, Sie machen Ihr Referendariat in Nordrhein-Westfalen, dort war bisher das Kopftuch für Lehrerinnen verboten. Wie kam es dazu, dass Sie trotzdem eines tragen konnten?

Kübra Arslanoglu: Im Referendariat darf man das Kopftuch gar nicht verbieten, da das Referendariat noch zur Ausbildung gehört und man noch das freie Berufswahlrecht hat. Erst nach dem Referendariat würde das Verbot gelten. Dennoch weiß ich aus meinem Bekanntenkreis, dass viele Schulleiter ihre Referendarinnen aufgefordert haben, das Kopftuch abzulegen, da es den Schulfrieden störe. Ich habe aber das Glück, dass meine Schule gar kein Problem damit hat, dass ich ein Kopftuch trage.

Wissen Sie denn schon, wie Ihre Schule jetzt mit dem Urteil umgehen wird?

Arslanoglu: Meine Schule befindet sich gerade in Auflösung, hier wird eine Gesamtschule einziehen. Da wollte ich eigentlich auch hospitieren, aber da habe ich schon am Anfang gespürt, dass die Schuldirektorin nicht so begeistert davon war, dass ich ein Kopftuch trug und dann habe ich das Hospitieren auch gelassen. Das ist wirklich eine ganz individuelle Sache, wie man das Kopftuch wahrnimmt und wie man damit umgeht.

"Man sollte Raum schaffen, um die Menschen kennen zu lernen"

Haben Sie denn Hoffnung, noch eine Schule zu finden, die Ihnen erlaubt, das Kopftuch zu tragen?

Arslanoglu: In NRW habe ich keine große Hoffnung. Ich komme ursprünglich aus Schleswig-Holstein, habe dann in Hessen studiert und mache jetzt in NRW mein Referendariat. Ich trage also viele Mentalitäten in mir. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass in NRW sehr viele Menschen mit einem muslimischen Hintergrund leben und sich viele Menschen dadurch bedrängt fühlen. Das kann ich nicht beurteilen. Aber ich werde mich natürlich bewerben und ich habe auch wirklich Hoffnung, weil ich einfach denke, dass die Schule ein Abbild der Gesellschaft ist. Das sieht man in der Schülerschaft sehr deutlich und dementsprechend sollte die Lehrerschaft das auch repräsentieren. Deswegen gehe ich da sehr positiv ran und denke, falls es nicht in NRW klappen sollte, klappt es sicherlich woanders.

Ist das Urteil dabei hilfreich?

Arslanoglu: Im ersten Moment habe ich mich gefreut, weil man als angehende Lehrerin mit Kopftuch ständig damit konfrontiert wird. Es wird dann gesagt: "Du hast ja eh keine Berufschancen, wieso machst du das?" Ständig kommen solche Fragen, obwohl man doch für diesen Beruf brennt und das wirklich leidenschaftlich verfolgt. Das hat mich natürlich sehr demotiviert und dann aber dieses Urteil zu lesen weckt wieder Hoffnung und stärkt einen und gibt wieder Kraft. Aber dann habe ich auch die Leserkommentare gelesen und das hat mich wiederum sehr erschreckt, weil ich das einfach sehr erschütternd fand. Da haben viele Menschen - ich sag das jetzt einfach so -  wirklich "Hass". Dass sie wirklich so einen Hass oder so viel Angst vor einem Stück Stoff haben, das kann ich nicht ganz nachvollziehen, weil ich finde, dass es wichtig ist, was eine Lehrperson im Kopf hat und was eine Lehrperson den Schülern vermittelt und nicht, wie diese Person aussieht. Mir ist es auch völlig egal, ob ein Lehrer tätowiert ist oder ob er homosexuell ist, das ist jedem selbst überlassen. Es zählt am Ende nur das, was diese Person lehrt und was diese Person für eine Persönlichkeit in sich trägt.

Was hat denn Ihre jetzige Schule Ihnen gesagt?

Arslanoglu: Um ehrlich zu sein, wurde gar nichts über mein Kopftuch gesagt. Ich selbst bin zu einigen Kollegen gegangen und habe gefragt, wie sie das denn wahrnehmen. Viele haben dann auch wirklich sehr ehrlich geäußert, dass sie doch anfangs so ihre Bedenken gehabt hätten, aber nachdem sie mich kennen gelernt hatten und auch offen Fragen stellen konnten, hätten sich diese Ängste und diese Befürchtungen in Luft aufgelöst. Das ist es halt: Man sollte diesen Raum schaffen, um die Menschen kennen zu lernen und, wenn man merkt, dass diese Person fehl am Platz ist, kann man ja immer noch sagen: "Schau mal, ich glaube, Du solltest dir vielleicht was Anderes suchen, wir sind nicht ganz zufrieden mit dir." Aber von vornherein zu sagen: "Nein, nur durch dieses Stück Stoff lassen wir dich nicht rein", finde ich falsch.

Wie haben ihre Schüler auf ihr Kopftuch reagiert?

Arslanoglu: Meine Schule hat einen hohen Migrationsanteil und es gab viele Schüler, die sich sehr gefreut haben, die in mir auch ein Vorbild sehen. Viele haben auch offen gesagt, dass sie sich sehr freuen, dass endlich auch mal jemand "von ihnen" unterrichtet, die auch ihre Probleme versteht und auch ihren kulturellen Hintergrund kennt. Es gab auch Schüler, die am Anfang sehr neugierig waren und mich nicht einordnen konnten, aber, wie gesagt, nach dem man dann ins Gespräch kam, nachdem ich sie unterrichtet habe, war das völlig egal, wie ich aussah.

Eine Sache liegt mir sehr am Herzen: Das Urteil legt ja fest, dass, wenn man davon ausgeht, dass der Schulfrieden gestört wird, dass man dann eine Lehrerin mit Kopftuch verweigern darf. Das finde ich sehr problematisch. Das Urteil freut mich, aber dieser Schulfrieden ist eben nicht definiert, das heißt, man kann nach Lust und Laune sagen: "Sie stören den Schulfrieden und Sie stören ihn nicht." Ich finde man sollte wirklich versuchen, diesen Begriff klar zu definieren, damit man den Frauen auch die Chance ermöglicht, aus diesem Urteil einen Nutzen zu ziehen.