Flüchtlinge in Berlin: "Wollen Teil der Gesellschaft sein!"

Flüchtlinge besetzen Kirche in Berlin-Kreuzberg

Foto: epd/Christian-Ditsch

Im Kampf für ein Bleiberecht haben Flüchtlinge in Berlin eine Kirche besetzt. Etwa 120 Flüchtlinge hätten am Donnerstagabend (11.09.2014) während einer Abendandacht die St. Thomas-Kirche im Stadtteil Kreuzberg betreten, um dort ihr Quartier aufzuschlagen.

Flüchtlinge in Berlin: "Wollen Teil der Gesellschaft sein!"
Viele der Flüchtlinge vom Berliner Oranienplatz haben nur dank kirchlicher Initiativen ein Obdach gefunden. Während der Senat durch interne Streitigkeiten blockiert wird, versucht ein Kirchenkreis, Geld und freiwillige Hilfe zu organisieren.

"Wir wissen, woher wir kommen, aber wir wissen nicht, wohin wir gehen sollen." Als der 22-jährige Nasir Khalid aus Nigeria vor zwei Jahren nach Deutschland kam, hatte er eine lebensgefährliche Reise hinter sich. In seiner Heimat, wo die islamistische Terror-Gruppe Boko Haram wütet, hatte Khalid seine Eltern verloren und war mit seinen Geschwistern zur Großmutter geflüchtet. Als deren Haus eines Tages in Flammen stand, beschloss Khalid, das Land zu verlassen: "Ich hatte Angst um mein Leben."

Zuerst ging er unter lebensbedrohlichen Umständen nach Libyen; als dort die Bombardements gegen das Gaddafi-Regime begannen, flüchtete Khalid auf einem der Schlepper-Boote über das Mittelmeer bis auf die italienische Insel Lampedusa. Aufgrund der dramatischen Versorgungslage im dortigen Auffanglager schlug er sich weiter durch, bis nach Hamburg. Im Herbst 2012 schließlich schloss er sich dem Flüchtlingscamp auf dem Berliner Oranienplatz an, um für seine Rechte zu demonstrieren, für eine Reform des europäischen Asylrechts, die Erlaubnis zu arbeiten und das Recht auf Bildung - bisher ohne Erfolg: Als das Camp im April dieses Jahres durch Polizeikräfte geräumt wurde, war Khalid obdachlos.

"Im September kamen plötzlich etwa 100 Flüchtlinge zu uns in die Andacht ", erzählt Pfarrerin Claudia Mieth von der evangelischen Kirchengemeinde Sankt Thomas am Mariannenplatz in Berlin-Kreuzberg. "Sie weigerten sich, die Kirche zu verlassen und wir merkten schnell, dass wir bis zum Abend keine gemeinsame Lösung finden würden. Das Thema Flucht kam uns so nah, dass wir wussten, dass es um Einzelschicksale geht und um eine Frage der Menschenwürde." Umgehend organisierte die Pfarrerin mit dem Kirchenkreis Berlin Stadtmitte provisorische Unterkünfte für die Obdachlosen: Gemeindesäle, Obdachlosenheime, private Unterkünfte, Sozialräume für Friedhofsmitarbeiter oder beheizte Zelte. Bis heute bietet der Kirchenkreis Berlin Stadtmitte 85 Flüchtlingen Verpflegung und ständig wechselnde Unterkünfte.

270 Euro brauchen die Kirchen pro Flüchtling und Monat

"Uns geht es gut, wir fühlen und sicher und werden gut versorgt. Das Taschengeld reicht aus, und wir haben sogar Monatskarten für die öffentlichen Verkehrsmittel", sagt Nasir Khalid. "Ich möchte der Kirche dafür Danke sagen", fügt er auf Englisch hinzu. Im Januar geht der Deutschunterricht weiter, täglich drei Stunden. Khalid ist heute einer der Sprecher der 85 Flüchtlinge, derer sich die Kirche angenommen hat. "Wir wollen nicht das deutsche Sozialsystem belasten, sondern lernen und arbeiten, um Teil der Gesellschaft zu sein", betont der junge Mann. Almosen zu empfangen sei entwürdigend. "Viele von uns haben mentale Probleme, weil sie nicht wissen, wie es weitergeht. Wir wollen aktiv sein und ein normales Leben führen!"

Superintendent Peter Strock vom Kirchenkreis Berlin Stadtmitte mit dem Sprecher der Flüchtlinge, Nasir Khalid

Zweihundertsiebzig Euro pro Monat kostet die Unterbringung der Flüchtlinge in kirchlichen Notunterkünften. "Die Unterbringung in privaten Haushalten hat sich als schwierig für beide Seiten herausgestellt", sagt Pfarrer Jürgen Quandt. Der ungleiche Tagesablauf, aber auch unterschiedliche kulturelle Gebräuche machten das Zusammenleben auf Dauer zu einer Herausforderung für beide Seiten. Quandt setzt sich seit den 80er Jahren unter anderem über das Netzwerk "Asyl in der Kirche" für Flüchtlinge ein.

Er kritisiert vor allem das unentschlossene Vorgehen der Berliner Senatsverwaltung. "Die Vereinbarung mit den Flüchtlingen am Oranienplatz wurde de facto nicht umgesetzt." Integrations-Senatorin Dilek Kolat hatte den Flüchtlingen bei der Räumung des Camps im April 2014 eine intensive Einzelfallprüfung ihrer Asylanträge zugesichert und wollte sich für die Abschaffung der Residenzpflicht und eine schnellere Erteilung der Arbeitserlaubnis starkmachen. Nach der Räumung erklärte Innensenator Frank Henkel dann die schriftliche Abmachung aufgrund von Kompetenzüberschreitung für nicht rechtsverbindlich.

"Brauchen Perspektiven für Arbeit und Bildung"

"Die Flüchtlinge sind aufgrund senatsinterner Streitigkeiten in die Obdachlosigkeit geschickt worden", kritisiert Quandt. "Es geht um Überlebende eines Massensterbens auf dem Mittelmeer. In Berlin ist der Senat verantwortlich. Außerdem brauchen wir schnellstmöglich eine Reform des europäischen Asylrechts, das nicht auf der Umverteilung von Menschen, sondern von Kosten basiert." Die reichen Länder der EU müssten entsprechend mehr Geld in die Flüchtlingsaufnahme investieren.

Doch jetzt steht erst einmal der Winter bevor. Da die kircheneigenen Unterkünfte auf Dauer für die Gemeindearbeit benötigt werden, hat der Kirchenkries Berlin Stadtmitte jetzt eine Patenschafts-Initiative ins Leben gerufen. Die Patenschaft für Unterbringung und Verpflegung eines Flüchtlings mit dem Nötigsten kostet neun Euro am Tag, 63 Euro pro Woche, 270 Euro im Monat und 1000 Euro für alle vier Wintermonate.

Jürgen Quandt  von "Asyl in der Kirche" betont, dass es trotz aller Schwierigkeiten auch gute Ansätze gibt. Gemeinsam mit der Industrie-und Handelskammer Berlin hat der Berliner Senat jetzt die Initiative "Flüchtling ist kein Beruf" ins Leben gerufen. In einer Kreuzberger Jugendhilfestation haben fünf afrikanische Flüchtlinge ihre Ausbildung als Tischler begonnen. "Ein richtiger Ansatz, meint Quandt. "Wir brauchen Perspektiven für Arbeit und Bildung unabhängig vom rechtlichen Status."