"Eine Kirche als Hort aller Hoffnung"

Porträt Klaus Hoffmann

Foto: Malene

Voller "Sehnsucht": Klaus Hoffmann

"Eine Kirche als Hort aller Hoffnung"
Vor kurzem hat der Liedermacher und Chansonnier Klaus Hoffmann sein neues Album mit dem Titel "Sehnsucht" veröffentlicht, gerade hat er eine groß angelegte Konzerttournee angetreten. Im Interview erzählt er von seinen Sehnsüchten und dem Kind in sich, macht sich Gedanken über Kirche und Religion, nimmt Stellung zur Situation in Afghanistan und erklärt, warum Lieder auch Gebete sind.

Ihr aktuelles Album heißt "Sehnsucht". Im Titelstück heißt es: "Ich hab' Sehnsucht… kein Hafen weit und breit…!" Gab es eine Zeit, in der das eine verlockende Aussicht war, auf offener See, ohne Ankerplatz zu sein?

Klaus Hoffmann: Verlockend sicher. Nach "irgendwohin" zu fahren war in den Sechzigern sehr verlockend. Bloß ganz weit und über alle Grenzen hinweg. Das war ja der Inbegriff der Suche. Aber nach dem Tod meines Vaters (ich war zehn Jahre alt) fühlte ich mich ohnehin haltlos - und suchte doch auch immer nach einem Hafen. 

Was wären für Sie persönlich denn solche "Häfen" in Ihrem Leben?

Hoffmann: Im Jetzt sein. Bei mir sein, mein Innerstes anerkennen und Frieden mit mir selbst haben: ein guter Hafen. Aber ich bin nicht in der furchtbaren Situation wie die Flüchtlinge in der Welt, die fliehen, hungern, frieren müssen und außer sich sind.

Im Video zur Aznavour-Adaption "Mein Herz ist ein Kind" begegnen Sie scheinbar Ihrem jüngeren Selbst. Ist das nicht nur das einsame Herz, sondern auch eine Begegnung des älteren Selbst mit dem jüngeren? Was halten die beiden jeweils voneinander? Und: Hat das auch mit Sehnsucht zu tun?

 

Hoffmann: Es ist ein Grundgedanke in meinen Liedern. Dem eigenen Kind zu begegnen, mich dem anzuvertrauen, der ich mal war und der in mir ist. Ich nannte es immer "den eigenen Füßen folgen". Im Grunde war und ist es das Kind in uns, das wir vertreiben, verjagen, disziplinieren, stumm machen, weil der Erwachsene es nicht erträgt.

Sie zitieren gerne den griechischen Spruch: "In meinem Herzen ist kein graues Haar." Ist das Alter trotzdem ein Thema, das Sie beschäftigt?

Hoffmann: Eher der Tod. Von Anbeginn, ja. Altern, natürlich, in dieser Zeit der Verjüngungen und Versuche, alles Leben zu glätten. Aber der Tod ist es, der mich ängstigt, so auch das Sterben. Ich gewöhne mich langsam an den Gedanken, endlich zu sein. Liebe hilft.

In "Mein Herz ist ein Kind" gibt es auch nahezu gebethafte Passagen ("Gott hilf mir, dass ich dich find'…"). Können Lieder für Sie auch Gebete sein und umgekehrt?

Hoffmann: Natürlich sind Lieder auch Gebete. Manchmal auch recht dumme Einsichten und Bitten, aber sie können eben auch Trost spenden, Mut machen, in Kontakt treten. Ohne meine Lieder wäre ich verstummt, noch ehe ich meine Stimme gefunden hätte.

Sie sind schon auf dem Kirchentag aufgetreten und weichen religiösen Thematiken nicht aus. Welchen Bezug zu Glaube und Religion haben Sie? Und: Hat sich das im Laufe der Zeit verändert?

Hoffmann: Ich glaube schon, dass sich das bei mir verändert hat. Religionen, was weiß ich schon davon? Wenn Sie meine evangelisch-protestantische Verklemmungserziehung ansehen, so brauchte ich lange, um das, was man unter Höflichkeit und Respekt voreinander, als Wertschätzung vor dem Menschen schlechthin zu verstehen hat, für mich richtig zu erkennen. Dazu gehört sicher Selbstbewusstsein, das ich mir mühsam erarbeitet habe. Die Kunst ist zutiefst religiös in der Achtung allen Seins. Auf jeden Fall hat sich mein kindliches Gottesbild im Laufe der Zeit verändert. 

Und wie stehen Sie zur Kirche? 

Hoffmann: Skeptisch bis vorwurfsvoll, wenn ich an die Gewalt und Vergewaltigungen an Kindern und Jugendlichen denke, die von Priestern und scheinheiligen Kirchenvertretern in heiligen Gewändern begangen werden. Und an das Anhäufen von Reich- und Besitztümern bei den Kirchen - bei gleichzeitigem Ignorieren der Realitäten der Gläubigen.   

"Wir brauchen keine Machtverwalter, keine erhobenen Zeigefinger in goldenen Talaren."

Braucht man denn Ihrer Meinung nach trotzdem eine Kirche? Und wie könnte die idealerweise aussehen?

Hoffmann: Doch, wir brauchen eine Kirche, als Hort aller Hoffnung, offen für jedermann und -frau. Fern von jeglichen Dogmen und Macht. Ein Hinwendungsort und ein Nest für alle, die wir fallen. Aber keine Machtverwalter, keine erhobenen Zeigefinger in goldenen Talaren, die Gottes Wort nutzen, um die, die noch suchen, in die Schranken zu weisen.

Sehen Sie da vielleicht auch einen Unterschied, zum Beispiel zwischen evangelischer und römisch-katholischer Kirche, oder auch zwischen der Gemeinde vor Ort und sowas wie der "Amtskirche"?

Hoffmann: Egal, ob evangelisch oder katholisch, ob Buddhisten oder Muslime - es zählt für mich eines: Liebe. Das soll es sein, so könnte es sein....

Sie haben ein besonderes Verhältnis zu Afghanistan, haben auch über Ihre früheren Erlebnisse dort geschrieben und sich zum Beispiel für afghanische Kinder engagiert. Wie sehen Sie die Lage dort heute?

Hoffmann: Mein Engagement ist sehr dürftig. Ich habe in zwei Romanen meine Reisen nach Afghanistan beschrieben: Einmal als romantischer Hippie (der ich leider nie wirklich war) und einmal als Suchender, als Lernender. Es waren Reisen, die mich zu den Ärmsten der Armen geführt haben - und wir suchten dort tatächlich so etwas wie das Paradies.

"Es ist ein Widerspruch, ich hasse jede Art von Gewalt, aber es muss dort geholfen werden."

Wie stehen Sie zu dem zu Ende gehenden Militäreinsatz in Afghanistan?

Hoffmann: Wir müssen helfen! Die Bundeswehr muss dort bleiben. Es ist ein Widerspruch, ich hasse jede Art von Gewalt, aber es muss dort geholfen werden. Mit beratender Entwicklungshilfe, um später nicht mehr gebraucht zu werden. So stelle ich mir das vor.

Sie sind im geteilten Berlin aufgewachsen. Vor kurzem sind die Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag des Mauerfalls gewesen. Wie haben Sie die Ereignisse erlebt, damals und auch heute?

Hoffmann: Heute ist es besser. Damals hatte ich nur Angst, dass sich die Falschen vereinen, dass die Spießer, die uns hüben wie drüben immer drangsaliert haben, die besseren Deutschen werden würden. 

Noch einmal zurück zum Titel ihres aktuellen Albums - "Sehnsucht": Haben Sie konkrete, bislang unerfüllte Sehnsüchte und Träume für die Zukunft?

Hoffmann: Ich habe vor kurzem den wunderbaren Film "Das Salz der Erde" von Wim Wenders im Kino gesehen: Der ist ein Kunststück, weil sich dort viele Künste treffen. Diese Sehnsucht, wieder hinaus in die Gärten der Welt zu gehen, den Blick über den Tellerrand  zu öffnen - auch für all das Furchtbare, was wir Menschen uns antun - diese Sehnsucht pocht immer noch in mir. Sie wird mich wohl lebenslang bewegen.

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