Evangelische Kirche im ethischen Waffen-Dilemma

Evangelische Kirche im ethischen Waffen-Dilemma
Zu deutschen Waffenlieferungen in den Irak gibt es in der evangelischen Kirche unterschiedliche Positionen. EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider hält sie für gerechtfertigt, und auch sein Vorgänger Wolfgang Huber spricht sich für den Einsatz von Waffengewalt aus. Margot Käßmann oder Friedrich Schorlemmer dagegen lehnen militärisches Engagement entschieden ab.

Der anglikanische Erzbischof von York, John Sentamu, betet seit vergangenem Sonntag stündlich für den Frieden. In seine Gebetswache schließt der Geistliche die weltweiten Konfliktherde ein, die von "Militarismus, Götzendienst, Diktaturen und Armut" geprägt sind. Auch die Kirchen in Deutschland sorgen sich um die von der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) bedrohten Menschen im Irak.

Die Christen im Irak seien "höchst gefährdet", mahnte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, bereits im Juni. Doch in der Debatte darüber, ob Deutschland Waffen an die Kurden im Nordirak liefern soll, um die Terrormilz "Islamischer Staat" zu stoppen, sind führende Protestanten durchaus uneins. Auch unter katholischen Bischöfen, sowie in den politischen Parteien gibt es in dieser Frage unterschiedliche Auffassungen.

Kurz vor der Kabinettsentscheidung über deutsche Waffenlieferungen zeigte nun Schneider Verständnis für einen solchen Schritt. Das Evangelium gebiete zwar Gewaltverzicht, sagte der Ratsvorsitzende dem "Tagesspiegel". Dem Evangelium zu folgen, bedeute aber nicht "zuzusehen, wie andere gequält, geköpft, versklavt werden".

Der oberste Repräsentant der evangelischen Kirche bewegt sich damit zwischen den Flügeln Radikalpazifismus und Realpolitik friedensethisch auf einer mittleren Linie, auf die sich auch der Rat der EKD bei seiner Sitzung im September verständigen könnte.

Konzept vom gerechten Frieden

Profiliert vertreten wird diese Position von dem evangelischen Sozialethiker und früheren Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber. "Unsere Verantwortung für den Frieden kann im äußersten Notfall den Einsatz von Waffengewalt einschließen", argumentiert Huber in einem "Zeit"-Interview. Mit Verweis auf den Nordirak fordert der Theologieprofessor: "Wir müssen dem 'Islamischen Staat' das Handwerk legen. Aber wir müssen auch tragfähige, friedensfähige politische Strukturen aufbauen." Die Folie dabei ist das Konzept des gerechten Friedens, wie es die EKD 2007 formulierte und das Gewalt als letztes Mittel nicht ausschließt, wenn zuvor alle gewaltfreien und diplomatischen Lösungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind.

In ähnlicher Richtung äußerten sich angesichts der religiösen Säuberung im Irak ebenfalls EKD-Synodenpräses Irmgard Schwaetzer und der Berliner Bevollmächtigte Martin Dutzmann. Dabei wird keinesfalls ausgeblendet, dass Waffenlieferungen an die irakischen Kurden nicht ohne Risiken sind. "In der einen Waagschale liegt ein drohender Genozid, in der anderen die Gefahr eines letztlich unkontrollierbaren Gebrauchs von Waffen", gibt Dutzmann zu bedenken. Bei dieser Abwägung neige sich in seinen Augen die Waagschlage in Richtung Nothilfe, folgert der ehemalige Militärbischof.

Doch es fehlt auch nicht an Stimmen prominenter Protestanten wie Margot Käßmann und Friedrich Schorlemmer, die militärisches Engagement entschieden ablehnen. So empfiehlt der Wittenberger Theologe Schorlemmer einen Weg von Gewaltverzicht und konfliktfähiger Feindesliebe, "statt Waffen zu liefern, von denen wir nicht sagen können, wo sie morgen landen".

Neue Debatte nötig

Auch Käßmann hält Waffenlieferungen an die Kurden für den "falschen Weg". Von Deutschland seien vielmehr Friedensoptionen gefragt und keine Waffenlieferungen. Zudem müsse sich die Bundesregierung fragen lassen, ob sie bisher genügend für die Stabilisierung des Irak und humanitäre Hilfe getan habe.

Ohne Bezug auf konkrete Konflikte regten der evangelische Militärbischof Sigurd Rink und der EKD-Friedensbeauftragte Renke Brahms kürzlich eine Debatte über die Ethik rechtserhaltender Gewalt an. Bei schwersten Menschenrechtsverletzungen und Genoziden sei 'Wegschauen' keine Option. Die Alternative dazu sei allerdings nicht allein die militärische Option, formulieren die beiden Geistlichen in einem gemeinsamen Diskussionsbeitrag.

Militärische Gewalt schaffe keinen Frieden, höchstens Raum für Politik, um mit zivilen Mitteln friedensschaffende Prozesse in Gang zu setzen. "Militärische Maßnahmen müssen daher in ein umfassendes friedens- und sicherheitspolitisches Konzept eingebettet sein", werben Brahms und Rink. Sie reagieren damit auf die Debatte über mehr deutsches Engagement in internationalen Konflikten, die Bundespräsident Joachim Gauck angestoßen hat. Gauck erfuhr dafür auch Widerspruch von evangelischen Pfarrern.
 

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