Doppelkopf bei schwerem Artilleriefeuer

Stapel von alten Fotos mit Unterstand einer Frontpfarrers im ersen Weltkrieg (Montage).

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Eine "Unterstands-Wohnung" eines evangelischen und katholischen Militärgeistlichen der deutschen Armee im Ersten Weltkrieg an der Ostfront.

Doppelkopf bei schwerem Artilleriefeuer
Tagebuchaufzeichungen eines Pfarrers im Ersten Weltkrieg
Der evangelische Pfarrer Siegfried Eggebrecht zog Ende 1914 als Feldgeistlicher in den Ersten Weltkrieg. Ausführlich führte er Tagebuch und stand in regelmäßigem Kontakt mit seiner Verlobten und späteren Ehefrau Gertrud. Diese Aufzeichnungen liegen dem Deutschen Tagebucharchiv in Emmendingen vor. Evangelisch.de dokumentiert das erste Kriegsjahr in Ausschnitten.
11.08.2014
Siegfried Eggebrecht, zusammengestellt von Juliane Ziegler
evangelisch.de

12. August 1914

Heute Abend war Kriegsbetstunde, die Kirche war sehr voll, fast nur Frauen. Man merkt, dass wir siegen "müssen" und hat Mut aufgrund unserer äußeren Wacht. Es greift noch nicht tief, man hat zuwenig Ernsthaftes vom Krieg gemerkt. Aber bald kommen wohl die Verwundeten. Heil deutschem Mut! Ich denke an die, welche im Felde sind. 

14. August 1914

Heute früh kamen hier die ersten Verlustlisten heraus, die mich sehr erschütterten. So viele Namen schon allein von Offizieren, die ich genau kenne. Dass der Krieg viele Opfer fordert, weiß man, aber wenn man "persönliche" Namen liest, ist's doch stets wieder etwas Unfassbares.

21. August 1914 

Am Morgen des heutigen Tages habe ich gearbeitet und war wieder einmal zum Baden. Auf dem Wege dorthin las ich vom Tode des Papstes. Es ist, als ob die Welt aus den Angeln gehen sollte. Dann kamen die Bestätigungen der Absichten Japans und die wirklich heldenhafte Antwort des dortigen Gouverneurs. Solange solcher Antwort auch die entsprechenden Taten folgen, werden sie uns nicht zermalmen können. Am Nachmittage kamen die Siegesbotschaften von Belgien. Nun ist das Dutzend Kriegserklärungen voll!

"Endlich, endlich ist mein sehnlichster Wunsch erfüllt!"

30. August 1914

Von 45 Jahren bis zum blutjungen Burschen von 17 ½ sind an Leuten dazwischen. Und die Kerle stehen in der Sonnenglut und üben und alle beseelt nur das Gefühl: Du musst mit! Es ist erhebend diesen Eifer zu sehen!

7. Oktober 1914

Gott hält unser aller Geschick in liebender Hand. Er will unser Bestes. In mir schlummert vieles, das gern herausmöchte. O dass doch Frieden für uns alle würde. Die Zeit sieht so entsetzlich grausig aus. Von meinen Freunden fielen wieder verschiedene. Das Elend, die Not, das Grauen lastet auf allen schwer. Es war wohl am Anfang zuviel Vertrauen noch auf uns. 

11. Dezember 1914

Endlich, endlich ist mein sehnlichster Wunsch erfüllt! Wenn Frauen sich denken könnten, wie quälend das ist, in der Heimat zu sein "fern vom Schuß". Da draußen, da ist die Welt, ist Leben, wird Geschichte gemacht, und man muss daheim sitzen! Zwiespältig ist das Gefühl.

Man träumte bei Gertrud von Schlacht und Grauen. Vorstellungen, Vorsätze, Wünsche, Bilder kreuzten sich. In gehörten Erlebnissen setzte man sich selber an die Stelle dessen, der das mitgemacht hatte. Das Religiöse stelle man sich leicht vor. Begeisterte Truppen. Man selber in Begeisterung das "zündende" Wort findend.

14. Dezember 1914

Wir sprechen von Krieg und das Gespräch nimmt unwillkürlich über den Unterhaltungston hinaus eine Wendung zu ernsten, persönlichen Dingen. Frag einen Vater im gegebenen Augenblick nach seinen Kindern und wer wird hier draußen ein Leuchten in seinen Augen, das dir tief in die Seele dringt.

Manchmal vergisst man hier völlig, dass man so nahe der Linie ist, wo man kämpft. An das Wenige, das einem zunächst unheimlich vorkam, gewöhnt man sich ja schnell.

Der Krieg bildet eins in sehr erschreckender Weise aus: den Egoismus und da durch bestimmte Maßnahmen dieser noch gesteigert wird, so treten Erscheinungen zutage, die einen anfangs abstoßen, bald aber einfach ziemlich gleichgültig lassen, wenigstens äußerlich. 

Wie Siegried Eggebrecht hielten viele ihre Kriegserlebnisse fest. Josef R. gestaltete ein persönliches Erinnerungsbuch.

17. Dezember 1914

Die Franzosen rufen zu Recht: Quel malheur, c'est la guerre, genau wie 1870. Aber diesmal mit noch mehr Berechtigung als damals. Es ist unser Wille, Frankreich zu vernichten auf wirtschaftlichem Gebiet; es systematisch auszusaugen.

Als ich von den Höhen kam, also auf dem Heimritt, hatte ich folgendes Erlebnis. Ich kam von den Eindrücken, welche das Sehen der Kampfstellungen in mir erweckt hatte, innerlich auf Krieg gestimmt, da liegt mit einem Male das schon zum Teil zerschossene Dorf zu meinen Füßen und klar und stark tönt's mir entgegen: "O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit". Die Töne wollten mich übermannen, Kriegsgedanken traten dazwischen, es ist, als wollten sie Sieger bleiben; fort weichliche Gefühle – aber stark und klar tönen die Stimmen weiter: "Welt ging verloren, Christ ward geboren, freue, freue dich o Christenheit".

Gestern eine, heute fünf, morgen zwei Beerdigungen

10. Januar 1915

Mein Revolver schoss sehr gut, ich hab auch mein Schießen wirklich noch nicht verlernt. Wir schossen auf dem alten französischen Scheibenstand, der's sich wohl auch nie hätte träumen lassen, dass auf ihm deutsche Kugeln pfeifen würden.

14. Januar 1915

Gestern beerdigte ich einen, heute 5 bereits gestern Verstorbene, für morgen sind bereits 2 angesagt, doch weiß man niemals, ob es dabei bleibt. 

Heute war der Kaiser ganz in unsrer Nähe. Er hat die Truppen besucht, die innerhalb unsrer Division in hinterer Linie liegen. Die Mannschaften waren bei ihrer Rückkehr ganz aus dem Häuschen. Er hat die Leute, die Eiserne Kreuze trugen, am Rockknopf gefasst und sie gefragt, wo sie sich's verdient hätten. Darauf ist einmal folgende Antwort gekommen: "Ich habe 3 Turkos gefangen genommen und Verwundete zurückgebracht". Er: "Wie hast Du denn das gemacht?" – "Ich hab sie in die Fresse geschlagen, Majestät." – "Recht so, mein Sohn"…

Januar 1915

In der Scheune mit zerfetztem Dach liegt auf dem halb verfaulten Heu die Leiche, man hat ihr die Stiefel ausgezogen und eine Zeltplane darum gelegt. Zwei Gruppen von Kameraden kamen aus dem Graben. Nass und lehmbespritzt im halbdunklen Raum stehen wir, die Kugeln schwirren über uns hinweg, ab und zu schlägt eine Granate schwer ins Tal. Was soll man da sagen? Es lastet alles so schwer, was soll man sagen, wenn man selbst ganz erschüttert unter all der Trostlosigkeit steht?! Was helfen da Worte von Ehre und Vaterland?  

16. Januar 1915

Predigt gearbeitet und gelernt. Trostbriefe. Es häuft sich die Schwierigkeit auf Schwierigkeit. Jetzt ist jeder "Trostbrief" eine Qual – nein, das ist zuviel gesagt – aber eine schwere Last für mich. Gewiss für manchen wird rein das Äußere schon etwas Beruhigung bringen, denn wenn ich an die kalte Art denke, mit der nach vorgeschriebenen Formular die Lazarette den Tod mitteilen, dann überläuft es mich kalt. Der Gestorbene hat für den Arzt und daher auch für das Lazarett zumeist kein Interesse. 

Die Hauptaufgabe und die Schwierigkeit fängt beim rechten Trost an und da möchte man erst einmal schweigen, statt gleich das grobe Geschütz der christlichen Trostworte herkömmlicher Art aufzufahren. Wenn man verschiedene Trostbriefe hintereinander zu schreiben hat, dann lässt man sich zu leicht gehen und schert sie alle über einen Kamm. 

27. Januar 1915, Kaisers Geburtstag

Klares schönes Frostwetter. An der Front dürfen keine Gottesdienste stattfinden, weil man Überraschungen durch den Franzmann fürchtete. 

Gottesdienst in der recht gut besuchten Kirche von Guny. Predigt über 1 Petr. 2 V 17. "Habt die Brüder lieb, fürchtet Gott, ehret den König!"

Granatsplitter beim Baden

30. April 1915

Gestern nachmittag Beerdigung, Abendmahlsfeier in Selens nun bin ich schon wieder bei der Predigt zum Sonntag und Beerdigung heute nachmittag. Ein Gefreiter von der Artillerie Munitionskolonne wurde bei seiner Schmiedearbeit von Granatsplittern getroffen. Ein schöner Soldatentod.

9. Mai 1915

In Quilly-Berlinval zzl. für Morsain, wo wegen Artilleriebedrohung jeder Gottesdienst ausfallen muss. In der Höhle von Vezaponin. Ich versuche ganz, ganz persönlich zu sein, und stelle mich mit unter meine Zuhörer. Nur zu "Menschen" sprechend, gepredigt über: Betet ohne Unterlaß. Gott macht aber immer, dass auf ein vermeintliches Plus-Konto ein deutliches Minus-Konto folgt.

Wie soll man das Evangelium predigen? Man sagt oft, allen Menschen gemeinsam "erbaulich predigen" Aber dies Ideal beruht auf einer Schematisierung der Menschenseele. Das Evangelium ist ein und dasselbe für jeden Menschen, ob er nun den Waffenrock trägt oder Generalshosen. Aber die Predigtauslegung ist nicht identisch mit dem Evangelium, sondern sie ist die Form seiner Darbietung.

6. Juni 1915

Gottesdienst auf der Division. Mittags dort geblieben. Doppelkopf bei schwerem Artilleriefeuer. Gegen Abend zum Baden in der Badeanstalt bei Selens. Der Granatsplitter der unmittelbar neben mir beim Abtrocknen von einer Fliegerbeschießung in den Sand fliegt.

1886 in Halberstadt geboren, beginnt Siegfried Eggebrecht 1906 sein Theologiestudium. Er hat gerade sein zweites Staatsexamen in Theologie gemacht, als der Erste Weltkrieg ausbricht. Eggebrecht lässt sich als Felddivisionspfarrer ausbilden und geht am 14. Dezember 1914 nach Chauny, Frankreich. Über die vier Kriegsjahre hinweg führt er ausführlich Tagebuch und schreibt regelmäßig an seine Frau Gertrude. Diese Aufzeichnungen liegen dem Deutschen Tagebucharchiv vor.

Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete Eggebrecht als Pfarrer, bald wird er Superintendent. Er starb 1984 im Breisgau.