"TikTok ist wie der Wilde Westen"

Influencerin Marie Joan kostümiert und geschminkt
epd-bild/Marie Joan
Influencerin "Marie Joan" möchte aufklären.
Influencerin "Marie Joan"
"TikTok ist wie der Wilde Westen"
Kinder und Jugendliche werden auf YouTube, Instagram oder TikTok mit kurzen Videoclips geflutet. Inhalte richtig einzuordnen und mögliche negative Folgen abzuschätzen, ist schwierig. Marie-Joan Schmidt möchte ihren Followern dabei helfen.

Fast 500.000 Abonnenten auf YouTube, über 750.000 Follower auf Instagram und über eine Million bei TikTok: Die deutsche Influencerin Marie-Joan Schmidt hat sich in den vergangenen Jahren eine beachtliche Community aufgebaut. Seit 2020 ist sie in den sozialen Medien aktiv. Sie spricht humorvoll über weibliche Lust, sexuelle Selbstbestimmung, Feminismus und Beziehungen. Mit der Zeit hat sich ihr Themenspektrum erweitert: Sie hinterfragt Internettrends, die sie problematisch findet - zum Beispiel "Rage Bait". Das ist eine Masche, die manche Influencer nutzen, um hohe Klickzahlen zu generieren. Sie verbreiten gezielt provokante Inhalte, um Wut (englisch: "rage") und Empörung hervorzurufen.

Schmidt will zeigen, wie diese Trends Gefühle von Kindern und Jugendlichen manipulieren. "Ich möchte niemand sein, der nur über aktuellen Gossip redet. Ich versuche, mit meinem Content Medienkompetenz zu vermitteln, indem ich aktuelle Trends oder Social-Media-Inhalte in einen größeren Kontext einordne. Da kommt in mir die Pädagogin durch", sagt sie. Zwar verdient sie ihr Geld im Internet, sie hat aber auch Frühförderung mit dem Schwerpunkt Frühe Kindheit und Entwicklungsstörungen studiert.

In ihrem Video erklärt Schmidt die Problematik, wenn vor allem junge Nutzer provokante Meinungen der Influencer ernst nehmen und sie nicht als Masche erkennen. Als Beispiel zeigt sie einen Influencer, der Frauen respektlos behandelt und jungen Zuschauern vorlebt, dass ein solches Verhalten in Ordnung sei. "TikTok ist wie der Wilde Westen. Da gehen Gerüchte um. Gerade, wenn man jung ist oder nicht aus der Branche, kann man oft nicht einschätzen, was nun stimmt und was nicht."

Dass Inhalte auf Social Media einen negativen Einfluss auf das Verhalten oder die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen haben können, zeigen mehrere Studien. Heidi Igl, Chefärztin der LWL Kinder- und Jugendpsychiatrie in Dortmund, hält es für wichtig, Kindern schon früh Medienkompetenz zu vermitteln. "Eltern sollten ihren Kindern zum Beispiel erklären, dass Influencer inzwischen ein professioneller Beruf ist: Die meisten Influencer bekommen Geld dafür, Produkte vorzustellen. Wenn Rollenbilder in kurzen Clips dargestellt werden, ist das ein Schauspiel, nicht die Wirklichkeit. Das sollte den Kindern klar sein, bevor sie sich solche Videos anschauen."

Kinder sind besonders beeinflussbar

Kinder und Jugendliche seien anfälliger für Beeinflussungen, wie zum Beispiel durch Inhalte oder Werbung auf Social Media: "Bei Kindern und Jugendlichen ist die Persönlichkeit noch nicht so gefestigt, sie ist formbarer. Das ist im Grunde auch richtig so. Denn wir wünschen uns ja, dass es eine lange Phase gibt, in der sich die Persönlichkeit entwickeln kann", sagt Igl. Deshalb bräuchten Kinder und Jugendliche eine Einordnung der Social-Media-Inhalte sowie klare Regeln. "Es ist wichtig, dass alles altersgerecht eingeführt wird: welche Apps man den Kindern erlaubt, welche man reguliert", sagt die Ärztin.

Das geht allerdings nur, wenn sich Eltern mit den Apps und deren Einstellungen und Inhalten beschäftigen. Doch das ist bei den schnelllebigen Trends oft gar nicht so leicht. Deshalb möchte Influencerin Marie-Joan Schmidt mit ihren Inhalten mehrere Generationen ansprechen: "Viele Eltern wissen zum Beispiel gar nicht, was auf Social Media abgeht, weil da zu wenig drüber gesprochen wird und die Kinder auch nicht immer alles erzählen", sagt sie. Eltern sollten hier Interesse zeigen, was die Kinder sich anschauen. Sie dürften nicht davon ausgehen, dass mit einer Begrenzung von zwei Stunden Bildschirmzeit am Tag genug getan ist, um Kinder zu schützen. "Auch in diesen zwei Stunden kann das Kind von Cybermobbing oder Grooming betroffen sein."

Influencer sind eine Chance

Heidi Igl sieht in Influencern, die Medienkompetenz vermitteln, eine Chance: "Im Internet ist der Ort des Geschehens, hier kann man Kinder und Jugendliche gut erreichen." Sie schlägt vor, das zu fördern. "Influencer werden bezahlt, wenn sie Produkte verkaufen. Es könnten auch Influencer unterstützt werden, die Medienkompetenz vermitteln."

Dennoch sehe sie immer noch vor allem die Eltern und Schulen in der Pflicht, Kindern den richtigen Umgang mit dem Handy und Social Media zu vermitteln, sagt Igl. "Dabei denke ich auch an die Vorbildfunktion. Am besten wäre es, wenn Eltern ihren Kindern einen gesunden Umgang mit Internet und Social Media vorleben, auch was ihre eigene tägliche Handyzeit angeht."