Polizei 2.0: Der Norden fahndet per Social Media

Polizei 2.0: Der Norden fahndet per Social Media
Die Polizei Hannover fahndet seit über einem halben Jahr bei Facebook. Polizeibehörden überall in Deutschland sind nachgefolgt oder planen es. Obwohl Datenschützer warnen und die Rechtslage ungeklärt ist. Eine Fahndungsmethode, die auch gesellschaftlich viel verändert.

Der Mann hat ein verschwollenes schiefes Gesicht, fettige lange Haare, eine tätowierte Sternschnuppe am Hals und schaut mit dem unpersönlichen Blick nach vorn, den fast alle Menschen auf Polizeifahndungsfotos tragen. Das Phantombild eines noch unbekannten Täters. Die Polizei Hannover sucht ihn, weil er eine 35-jährige Rollstuhlfahrerin vergewaltigt hat. Dafür steht sein Bild auch bei Facebook. Mit der Bitte, den Hinweis im Web zu verbreiten – im Social Media-Sprech: "zu teilen". Und sich bei der Polizei zu melden, wenn man ihn erkennt. Aber bitte nicht über die Kommentarfunktion.

"Daumen hoch" sorgt für Irritationen

Es gibt trotzdem fast 200 Kommentare: Abscheuäußerungen, Wegsperrwünsche – oft mit der Zusatzinformation "geteilt in HB" (Hansestadt Bremen) oder "geteilt im Heidekreis". Und viele Daumen zeigen nach oben. "Darüber haben sich natürlich schon viele beschwert", sagt Stefan Wittke, Polizeisprecher und Initiator des Facebook-Projekts – des ersten deutschen offiziellen seiner Art. "Dass man die Daumen hochhält und man beim Lesen dann ja denken könnte, die Leute finden die Tat gut. Aber das ist halt Facebook, das können wir nicht ändern."

Die Polizei Hannover fahndet schon seit Mitte Februar per Facebook nach Tätern und Vermissten. Zusätzlich zur üblichen Öffentlichkeitsfahndung über Zeitungen, Rundfunk und der Webseite der Polizei. "Es werden nur Inhalte auf die Seite geschrieben, die sowieso veröffentlicht werden", betont Wittke. Er kennt die Diskussionen über den Datenschutz bei Facebook und die Angst vieler davor, dass das Internet nicht vergisst und dass das durch Facebook irgendwie noch mehr so ist.

"8:0 für Facebook"

Hannover ist ein Pilotprojekt, die erste deutsche Polizeibehörde, die einen konstanten Facebook-Fahndungsauftritt betreibt. Seit dem 31. August ist das Projekt offiziell abgeschlossen und liegt zur Begutachtung beim niedersächsischen Innenminister. Die Facebook-Fahndung in der Landeshauptstadt geht dennoch weiter. "Wir sind in einem Zwischenstadium", sagt Wittke. Weil die Fahndungsmethode so erfolgreich war, wolle man bis zur endgültigen Entscheidung weitermachen. Acht Fahndungserfolge hatte die Polizei durch die Facebook-Seite, die mittlerweile knapp 33.000 Fans hat. Im Vergleichszeitraum gab es durch Zeitungen und Rundfunk keine. 8:0 für Facebook also. Wittkes Erklärung: "Facebook-User sind jung und Kriminelle sind jung. Das erhöht die Trefferquote."

Zwei vermisste Kinder wurden per Facebook wiedergefunden, ein Junge meldet sich von selbst, bei einem Mädchen meldeten sich die Freunde, bei denen sie untergetaucht war. Eine U-Bahnprüglerin konnte identifiziert werden und auch Männer, die in Wolfsburg Autos gestohlen hatten. "Den Autodiebstahl hätten die Zeitungen hier in Hannover gar nicht abgedruckt", sagt Wittke. "Zu unspektakulär, dafür dass es nicht in Hannover war." Facebook-User erkannten die Diebe an einer Tankstelle nahe Hannover und meldeten sich bei der Polizei.

Andere Polizeiinspetkionen machens nach

Bei Polizeisprecher Wittke stehen sowieso die Telefone nicht mehr still wegen Facebook, sagt er. "Aus ganz Deutschland rufen Polizeiinspektionen an, weil sie auch per Facebook fahnden wollen." Die Polizei in Mecklenburg-Vorpommern hat sein einigen Wochen einen Facebook-Auftritt á la Hannover, ebenso die Kriminalpolizei Bremerhaven.

Dabei gibt es durchaus Probleme. Vor allem mit dem Datenschutz. "Die Profildaten aller Nutzer und Besucher dieser Facebook-Seiten laufen auf einen Server in den USA. Was dort mit den Daten passiert, darauf haben die Polizeibehörden keinen Einfluss", sagt Thilo Weichert vom Unabhängigen Datenschutzzentum Schleswig-Holstein. "Das ist mit unserem Rechtssystem gar nicht vereinbar." So sehen das auch einige seiner Kollegen – wie und ob die Facebookfahndung in Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern weitergehen kann, ist daher unsicher.

Es passieren auch Fehler

Und nicht nur die Datenspeicherung des US-amerikanischen Großkonzerns ist für die deutsche Polizei unlenkbar und undurchsichtig. Auch andere Regeln des sozialen Netzwerks sind unverhandelbar – und bei der Suche nach Verdächtigen, die eben doch unschuldig sein können, schwierig. Wie die Kommentarfunktion, die sich nicht abschalten lässt. Schreiben User hier Namen hinein, ist eine Hetzjagd auf vermeintliche Täter nicht unwahrscheinlich. Auf der Startseite und hinter jedem Eintrag erinnert die Polizei Hannover, Hinweise nicht auf die Facebook-Seite zu posten. "Es ist noch nie passiert", sagt Wittke. "Die Leute sind da selbst sehr sensibel für."

Bei einer Facebook-Fahndung der Frankfurter Polizei im Mai standen aber doch schon einmal die Fotos möglicher Zeugen einer tödlichen Disco-Prügelei für eine halbe Stunde samt vollem Namen auf der Seite. Haben immer mehr Menschen mögliche Täterbilder via Facebook auf ihren Smartphones, steigt der Druck auf die Täter, hoffen die Fahnder. Auf alle anderen steigt er aber auch.

"Das braucht Zeit"

"Das Verhältnis von Polizei zur Gesellschaft ändert sich durch die Anwendung von Sozialen Netzwerken", sagt Sebastian Denef vom Fraunhofer Institut Angewandte Informationstechnik, das an einer europaweiten Studie zum Wandel der Polizeiarbeit arbeitet. "Die Polizeiarbeit wird transparenter, rückt näher an die Bevölkerung heran und der Ton ändert sich." In Deutschland würden die sozialen Netzwerke bei den Polizeien zurzeit sehr intensiv diskutiert. "Sie sind der Trend", sagt Denef. "Sie sind aber eine große Veränderung – datenschutzrechtlich, aber auch was die Polizeikultur angeht. Das braucht Zeit."

In den Nachbarländern gibt es schon mehr Polizeiarbeit im Mitmachweb, zeigen Denefs Daten. In den Niederlanden twittert die Polizei Zeugenaufrufe und nimmt Hinweise im Microbloggingdienst entgegen. Außerdem werden die Bürger per Instant Messaging über die Sicherheitslage in ihrem Wohngebiet informiert. Auch in Großbritannien hat sich die Polizei über Soziale Netzwerke und Twitter stark mit der Bevölkerung vernetzt. "In den Ländern gibt es aber traditionell mehr Nähe zwischen Polizei und Gesellschaft", sagt Denef. "In Deutschland gibt es viel Distanz und wenig Transparenz – das passt schlechter ins Web 2.0." Weil Polizei zudem Ländersache ist und das Rechtsverhältnis zu Facebook in der Diskussion, bleibt Facebook-Fahndung wohl vorerst Pionierarbeit.


Miriam Bunjes ist freie Journalistin in Dortmund.