Katinka Billau war zehn Jahre alt, als Ärzte ihr sagten, ihr Sehvermögen würde immer schlechter werden. "Ich erinnere mich an Klinikaufenthalte und viel Warten", sagt die 37-Jährige im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Trotzdem sei es keine traumatische Erfahrung gewesen. "Meine Eltern haben mich gut aufgefangen." Sie machten die Behinderung nicht zum Hauptthema ihres Lebens. "Stattdessen vermittelten sie mir, dass ich viel mehr bin als meine Sehbehinderung."
Heute ist Billau Pfarrerin im Probedienst in der evangelischen Gemeinde "Zum guten Hirten" in Karlsruhe-Rintheim. Die 37-Jährige arbeitet in Teilzeit, denn sie hat einen sechsjährigen Sohn und eine zweijährige Tochter. Eigene Kinder konnte sie sich mit ihrer Augenkrankheit lange nicht gut vorstellen. Sie war der Meinung, Mama-Sein gehe mit ihrer Einschränkung nicht.
Schwangerschaft und Stillzeit verschlechterten Sehvermögen
Billau kann zwar Silhouetten erkennen, aber keine Schriftzüge oder Details. Wegen ihrer Krankheit hat sie weniger als zwei Prozent Sehkraft. Laut Definition des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes gilt sie damit als blind. "Ich dachte, ich sehe doch noch nicht einmal Flecken auf dem T-Shirt oder Hautausschläge, wie soll ich mich um ein Kind kümmern können."
Dann lernte die gebürtige Freiburgerin ihren heutigen Ehemann kennen. Er kommt aus einer großen Familie, sie auch. "Dass wir Kinder bekommen, fühlte sich dann ganz natürlich an", sagt Billau. Körperlich waren Schwangerschaft und Stillzeit für sie so belastend, dass sich ihr Sehvermögen in unerwartetem Maß verschlechterte.
"Aber Mama-Sein ist für mich sehr erfüllend", erzählt sie. Das Ehepaar unterstützt sich in allem, Nachbarn und Freunde helfen, und Billau geht auch alleine mit den Kindern hinaus. "Ich schaue, dass ich - in Absprache mit den Kindern - Strategien finde", erzählt sie.
Gegen Blindenstock wehrte sie sich lange
So hatte ihr Sohn mit vier Jahren Freude daran, ihr die Zahlen für die Ankunftszeiten der Straßenbahnlinien vorzulesen. Wenn ihre Tochter mit dem Laufrad zu weit wegrennt, nimmt sie es ihr weg. Und wenn ihr Sohn sie mit Absicht in Pfützen lotst, gibt es ein ernstes Gespräch.
Einen Blindenstock hat Billau erst seit einem halben Jahr. "Ich hatte mich lange dagegen gewehrt, weil ich damit meine Behinderung vor mir hertrage", erzählt sie. Als Person des öffentlichen Lebens habe sie sich aber dafür entschieden. Es war ihr zu unangenehm, wenn sie als Pfarrerin Leute verwechselte oder nicht erkannte. "Nun ist offensichtlich, warum mir das passiert", sagt sie. Zudem leuchte es ihr auch ein, dass sie mit Blindenstock im Straßenverkehr sicherer unterwegs sei.
Ihren Glauben hat sie "mit der Muttermilch aufgesogen." Wegen ihrer Krankheit hatte sie jedoch Phasen der Wut. "Aber meine Behinderung hat mich auch geformt", erklärt Billau. Sie musste während ihrer Schulzeit fleißiger und disziplinierter sein. "Immer aufmerksam zuhören und Texte mit Lupen lesen."
Hilfe im Glauben
Heute denke sie, dass ihr schlechtes Sehen auch eine Hilfe im Glauben, im Leben ist. "Ich bin verletzlich und abhängig", sagt sie. Sie könne nicht losmarschieren und die Welt erobern. Stattdessen müsse sie voller Vertrauen sein, dass Gott ihr hilft, die richtigen Wege, Dinge und Menschen zu finden.
"Und genau genommen, tappen wir doch alle etwas im Dunkeln", führt sie weiter aus. Jeder Mensch müsse morgens aufstehen und darauf vertrauen, unbeschadet durch den Tag zu kommen. "Bei mir ist es nur offensichtlicher, dass ich Hilfe und Führung von oben brauche."
Zahlreiche Bibelstellen kann sie auswendig
Billau studierte in Marburg, Jerusalem und Heidelberg. Pfarrerin wurde sie durch die Ermutigung der Evangelischen Landeskirche in Baden. Ihre Gottesdienste hält sie überwiegend frei, viele Bibelstellen kann sie auswendig. Am Computer helfen Programme, die alles vorlesen.

