Missbrauchsopfer klagen Papst in Den Haag an

Missbrauchsopfer klagen Papst in Den Haag an
Wenige Tage vor dem Deutschland-Besuch von Papst Benedikt XVI. werden Forderungen nach Konsequenzen aus den Missbrauchsfällen in katholischen Einrichtungen lauter. Das Netzwerk "Survivors Network of those Abused by Priests" (SNAP) reicht vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag eine Klage gegen Papst und Vatikan wegen des systematischen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen ein.

Der Papst müsse als Oberhaupt der katholischen Kirche endlich die Verantwortung für die Straftaten an Kindern übernehmen, sagte der Sprecher des "Eckigen Tisches", einer Initiative von Missbrauchsopfern aus Jesuiten- und katholischen Einrichtungen, Matthias Katsch, am Mittwoch in Berlin. "Wir wünschen uns keine weiteren Entschuldigungen, sondern ein echtes Gesprächsangebot."

Im Gegensatz zu einer Audienz könne ein Gespräch mit dem Papst der Auftakt sein, um das Thema Hilfen und Entschädigungen für Opfer abschließend zu regeln. Dabei reiche Bedauern nicht aus. Vielmehr müsse Benedikt XVI. sagen, wie in Zukunft Missbrauchsfälle ausgeschlossen werden können, betonte Katsch. Zugleich forderte er die Offenlegung der Personalakten von mutmaßlichen Tätern in der katholischen Kirche und kritisierte den bisherigen Umgang mit den Opfern, 18 Monate nach den ersten Berichten über Missbrauchsfälle in katholischen Schulen.

Klageschrift gegen vier Vatikan-Spitzen

Katsch begrüßte auch die am Vortag eingereichte Klage eines weltweiten Betroffenen-Netzwerkes vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gegen Papst und Vatikan wegen des systematischen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen. Wie das Netzwerk "Survivors Network of those Abused by Priests" (SNAP) am Mittwoch in Berlin erklärte, ist dem Strafgerichtshof am Dienstag mit Unterstützung des in New York ansässigen Zentrums für Verfassungsrechte (Center for Constitutional Rights/CCR) eine rund 20.000-seitige detaillierte Klageschrift überreicht worden. Darin seien etwa 1.000 Missbrauchsfälle aus aller Welt aufgelistet.

In der Klageschrift werden Papst Benedikt XVI. und drei weitere Verantwortliche des Vatikans der Tolerierung und Ermöglichung der systematischen und weit verbreiteten Vertuschung von Vergewaltigung und Sexualverbrechen an Kindern durch Bischöfe, Priester, Diakonen und Nonnen beschuldigt. Diese Männer arbeiteten mit Straflosigkeit und ohne Rechenschaftspflicht, erklärte CCR-Anwältin Pamela Spees. Sie seien als Vorgesetzte verantwortlich.

SNAP-Präsidentin Barbara Plaine betonte, mit der Anrufung des Internationalen Strafgerichtshofes wolle das Netzwerk verhindern, dass noch ein einziges Kind weltweit einer Vergewaltigung oder einem sexuellem Übergriff durch einen Priester zum Opfer fällt.

Mehr "Transparenz und Nachprüfbarkeit"

Der "Eckige Tisch" sprach sich für mehr "Transparenz und Nachprüfbarkeit" bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle aus. Die Initiative will sich aber nicht an den Demonstrationen gegen den Papst beteiligen. Dafür sei die Zahl der Missbrauchsopfer, die sich trauen, öffentlich aufzutreten, zu klein, sagte Katsch.

Auch an der Klage in den Haag ist der "Eckige Tisch" nicht beteiligt. Papst Benedikt besucht vom 22. bis 25. September Deutschland. Bisher ist unklar, ob er dabei auch mit Missbrauchsopfern zusammentreffen wird.

epd