Helfen, bevor sich die Krise zuspitzt

Helfen, bevor sich die Krise zuspitzt
Die Zahl der Selbsttötungen ist in Deutschland zuletzt wieder angestiegen. Im Jahr 2009 brachten sich 9.617 Menschen in der Bundesrepublik um, davon waren 7.229 Männer. Weltweit sterben jedes Jahr rund eine Million Menschen von eigener Hand. Elke Schubert-Buick und Sigrid Dziurzik arbeiten im Gemeindedienst im Evangelischen Johanneswerk in Bielefeld und sind für das Projekt "Lebenslinien – Krisenbewältigung im Alter" zuständig. Anlässlich des internationalen Tags der Suizidprävention beantworten die beiden Expertinnen Fragen über Ursachen und Prävention.

Freitod, Selbstmord, Selbsttötung, Suizid – es gibt viele Begriffe, aber darf man diese überhaupt benutzten?

Sigrid Dziurzik: Viele Menschen sagen einfach Selbstmord – aber das ist fachlich falsch. Ein Mord ist ein Gewaltverbrechen, ein Straftatbestand, man kann sich nicht selbst ermorden.

Elke Schubert-Buick: Auch der Begriff Freitod ist nicht korrekt. Jemand, der Suizid begeht, hat meistens eine tiefe innere Not. Diese Menschen wissen nicht mehr weiter, sind verzweifelt; für diese Menschen ist ihre Situation ausweglos. Korrekt sind die Begriffe Selbsttötung und Suizid.

Warum haben besonders ältere Menschen das Gefühl, dass ihr Leben keinen Sinn mehr macht?

Dziurzik: Mit dem Eintritt in das Rentenalter erleben viele einen deutlichen Bruch, sie müssen sich als Person neu definieren. Verluste oder Krankheit, damit einhergehend das Gefühl der Einsamkeit, die Abhängigkeit von anderen Menschen – das sind große Probleme im Alter.

Wie sieht das statistisch aus? Sind es faktisch mehr ältere Menschen, die Suizid begehen?

Schubert-Buick: Menschen ab 60 machen 26 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Aber zirka 40 Prozent aller Suizide werden von Menschen ab 60 begangen. Prozentual sind Selbsttötungen in dieser Altersgruppe also überdurchschnittlich hoch. Dieser Anteil ist seit Jahren fast konstant. Bedenkt man den demografischen Wandel, gibt es in den kommenden Jahren nicht nur mehr ältere Menschen, sondern auch mehr Suizide im Alter. Da müssen wir gegensteuern.

Gibt es Anzeichen, auf die Angehörige achten können, um zu sehen, ob sich jemand in einer Krise befindet?

Dziurzik: Betroffene Menschen ziehen sich zurück, sehen bedrückt aus, vieles hat keinen Wert mehr für sie. Manche sagen auch ganz konkret, dass sie keine Lust mehr auf ihr Leben haben.

"Es ist wichtig, Verständnis zu haben"

Was ist dann der erste Schritt?

Schubert-Buick: Zuerst sollte man als Angehöriger das Gespräch suchen. Es ist wichtig, Verständnis für das Gegenüber zu haben, es ernst zu nehmen. Kommentare wie, „das wird schon wieder“ helfen nicht. Man muss verstehen, warum jemand solche Gedanken hat und ihm zuhören.

Wann benötigt jemand professionelle Hilfe?

Dziurzik: Wenn man als Angehöriger merkt, dass man nicht an die betroffene Person herankommt, sollte man überlegen, ob dieses anderen vertrauten Personen gelingen könnte. Das könnten beispielsweise der Hausarzt oder der Pfarrer sein. Besteht bereits eine akute Selbstgefährdung, ist der Sozialpsychiatrische Dienst der Stadt und abends, nachts sowie am Wochenende der Krisendienst zuständig. Unser Anliegen ist es jedoch, schon einzugreifen, bevor sich eine Krise überhaupt zuspitzt.

Was kann man jemandem sagen, der keinen Sinn mehr im Leben sieht, weil er bettlägerig und unheilbar krank ist?

Schubert-Buick: Diese Personen glauben häufig, mit ihrer Situation andere Menschen zu belasten und ziehen sich deshalb zurück. Das kann man versuchen zu verhindern und der Person vermitteln, dass man da ist und ihr zur Seite steht.

Dziurzik: Man kann sagen, dass die Person ihren Schmerz ruhig mitteilen und man ihn dann gemeinsam aushalten kann. Auch kann man sagen: „Ich bleibe bei Dir. Deine Situation ist nicht zu ändern, aber ich bin an Deiner Seite.“

In der Öffentlichkeit wird nicht viel über Suizide gesprochen, aus Angst vor Nachahmungstaten. Sie wollen über Suizid aufklären. Was ist Ihr Anliegen?

Schubert-Buick: Die Nachahmer sind Menschen, die schon vorher über Suizid nachgedacht haben. Das Problem ist die Dramatik, mit der die Suizide öffentlich dargestellt werden. Wir wollen die Menschen erreichen, bevor sie so verzweifelt sind, sich einsam und in die Enge getrieben fühlen.

Dziurzik: Über das Thema zu sprechen, über Ursachen und eben besonders über Hilfeangebote, ist etwas anderes. Suizid entsteht häufig aus der Einsamkeit heraus.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dziurzik: Gesprächs- und Beratungsangebote für ältere Menschen, die ihnen unbürokratisch und schnell Hilfe und Entlastung bieten. Und Menschen, die zuhören und das Thema Suizid nicht tabuisieren.


Elke Schubert-Buick (links) und Sigrid Dziurzik (rechts, Fotos: Christian Weische) arbeiten für das Projekt "Lebenslinien – Krisenbewältigung im Alter", das von der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe getragen wird.