"Kirchendämmerung": Warum die Kirche an Vertrauen verliert

"Kirchendämmerung": Warum die Kirche an Vertrauen verliert
In seiner provokanten Streitschrift "Kirchendämmerung" spürt Friedrich Wilhelm Graf den Gründen für die Vertrauenskrise der Kirchen nach. Er kritisiert die protestantische "Wellness-Religion", sieht aber auch Hoffnung. Die Zukunft beider großer Kirchen entscheide sich an den Pfarrern und Pfarrerinnen.

Für heftigen Unmut hatte Friedrich Wilhelm Graf unter Studenten sowie in der Kirchenhierarchie im Oktober gesorgt. Der Theologieprofessor hatte auf einer Konferenz in Dresden über die Qualität des Theologennachwuchses gelästert. "Von einem Professor, der selbst junge Menschen ausbildet, hätte ich das nicht erwartet", reagierte der bayerische Landesbischof Johannes Friedrich verärgert.

Auf noch mehr Widerspruch darf sich der 63-Jährige gefasst machen, wenn seine am Mittwoch erschienene Streitschrift in Kirchenkanzleien und Ordinariaten die Runde macht. Unter dem Titel "Kirchendämmerung - Wie die Kirchen unser Vertrauen verspielen" analysiert Graf darin gewohnt scharfzüngig Fehlentwicklungen in den beiden Volkskirchen, in erster Linie allerdings der evangelischen Kirche.

Mülltrennung und Schöpfung statt Schuld und Sünde

Was schief läuft in den "sichtbaren" Kirchen, fasst der Theologe in sieben Untugenden zusammen: Sprachlosigkeit, Bildungsferne, Moralismus, Demokratievergessenheit, Selbstherrlichkeit, Zukunftsverweigerung und Sozialpaternalismus.

Fast im Stil der Kirchenkritik aus dem atheistischen Lager kommt der liberale Theologe (Bild links) zu dem provozierenden Schluss: "Die deutschen Kirchen sind stark vermachtete und verfilzte Organisationen mit viel Pfründenwirtschaft zur Alimentierung von Funktionären, die gern unter sich bleiben und miteinander in einem verquasten Stammesidiom kommunizieren, das für Außenstehende unverständlich bleibt - der ideale Nährboden für Schweigekartelle und Wagenburgmentalität."

Wer Grafs Einsprüche in den Medien regelmäßig verfolgt, der trifft auf viel Bekanntes. Etwa sein deutliches Unbehagen über die Abseitsstellung, in der er die theologischen Fakultäten im Fächerkanon der Universitäten sieht. Im staatkirchenrechtlich eingehegten "Theotop" habe die akademische Theologie enorm an Deutungskraft eingebüßt, urteilt er über die eigene Zunft. Selbstherrlichkeit in der "Klerikerkaste", Trivialisierung der christlichen Botschaft, autoritärer Moralismus, politreligiösen Populismus und pathetische Werterhetorik wirft Graf den Kirchen vor.

Der Theologieprofessor reitet nicht immer neue Steckenpferde, wenn er den Einzug von religiös halbseidenen Praktiken und antimoderne Tendenzen in den Kirchen anprangert. In der angesagten protestantischen "Wellness"-Religion, die um einen "Wohlfühlgott" kreise, werde der Stachel des Negativen der christlichen Botschaft ignoriert. Mülltrennung, Nachhaltigkeit und Schöpfung hätten sperrige Begriffe wie Schuld und Sünde verdrängt.

Polarisierung schadet der katholischen Kirche

Übel genommen wird Graf gewiss, wenn er seiner Kirche attestiert, ihre religionskulturelle Prägekraft eingebüßt zu haben und der Vielfalt protestantischer Frömmigkeitsformen nicht mehr zu genügen. Graf gilt als herausragender evangelischer Theologe, mischt er sich doch - nicht selten in provozierendem Ton - in gesellschaftliche Debatten ein. Als erster Theologe erhielt er 1999 den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Im selben Jahr folgte er Trutz Rendtorff nach auf dem Lehrstuhl für systematische Theologie und Ethik in München.

Die römisch-katholische Kirche sieht der evangelische Theologe in einer Vertrauenskrise, die nicht nur den Missbrauchsfällen geschuldet ist. Für den Vertrauensverlust, den die Austrittszahlen bestätigen, macht er die Polarisierung zwischen Anhängern der konziliaren Kirche und restaurativen Kräften verantwortlich. Dem päpstlichen "Antiprotestantismus", der evangelischen Kirchen das Kirchesein abspricht, bescheinigt Graf einen aus Beschwörungsformeln gespeisten "Exlusivitätsanspruch".

Der Protestantismus braucht gutes Bodenpersonal

Auf kühne Reformprozesse, wie sie in der EKD mit dem Impulspapier "Kirche der Freiheit" angesichts rückläufiger Mitgliederzahl und sinkender Finanzkraft in Gang gesetzt wurden, gibt Graf nicht allzuviel. "Wachstum gegen den Trend" hält er für eine Illusion. Dreh- und Angelpunkt für Reformen im kirchlichen Protestantismus ist für den Theologieprofessor der gebildete und theologisch kompetente Gemeindepfarrer.

"An ihren Pfarrern und Pfarrerinnen entscheidet sich die Zukunft der evangelische Kirche", folgert Graf. Und zum Wohlgefallen des Pfarrerverbandes empfiehlt er höhere Gehälter, attraktive Arbeitsbedingungen und Entlastung von Verwaltungsaufgaben. Doch so ganz ohne Hoffung ist der Autor nicht. Denn auch er bekennt, "dass es für die deutsche Gesellschaft besser ist, wenn es überzeugende Kirchen gibt".

epd