Vorzeigekirchen zum Thema "Nachnutzung" sind es nicht gerade, die am Samstagvormittag den Schlusspunkt der dreitägigen Münchner Fachtagung "Gotteshaus, Denkmal, Kostenfaktor" bilden. Von der millionenschwer umgebauten "Diakoniekirche" im Hasenbergl über den sanierungsbedürftigen Betonbau von St. Mauritius in Moosach bis hin zur trutzigen Auferstehungskirche im Westend: Alle drei Exkursionsziele haben ihre eigenen Probleme, vom fehlenden Nutzungskonzept bis zum fehlenden Geld. Gemeinsam ist allen: Sie werden für liturgische Zwecke kaum noch benötigt, und sie stehen unter Denkmalschutz.
Rund 10.600 Kirchen gibt es derzeit in Bayern, 1.784 auf evangelischer Seite, 8.810 auf katholischer, dazu kommen zahlreiche Kapellen. Von den protestantischen Gotteshäusern stehen 1.317 unter Denkmalschutz, bei den katholischen Sakralgebäuden sind es über 6.500, das entspricht einem Anteil von jeweils rund 74 Prozent.
Weil Prognosen zufolge die Mitgliederzahl und die Steuereinnahmen bis spätestens 2060 um knapp die Hälfte schrumpfen, fehlt den Kirchen aber künftig das Geld, um den Bauunterhalt für all diese Gebäude zu leisten. So wird die bayerische Landeskirche ab 2027 nur noch etwa die Hälfte der Kirchen bei Baumaßnahmen mit 25 Prozent bezuschussen, und zwar jene, die im laufenden Planungsprozess die Kategorie "A" erhalten. Ähnlich ist es beispielsweise im Erzbistum Bamberg, einem von sieben katholischen Bistümern in Bayern: Ein Drittel der Kirchen und zwei Drittel der Pfarrheime seien hier nicht mehr zuschussfähig, erklärte die zuständige Hauptabteilungsleiterin, Petra Postler.
Also müssen Ideen her, wie der Immobilienbestand reduziert oder - mit neuen Geldgebern - anders genutzt werden kann, denn laut Postler kostet selbst eine leerstehende, abgesperrte Kirche "etwa 10.000 Euro im Jahr". Die Denkmalpflege ist bei Überlegungen zur Nachnutzung allerdings oft der rosa Elefant im Raum, das zeigte sich auch bei der Fachtagung, die die Katholische Akademie Bayern und die Evangelische Akademie Tutzing organisiert hatten. Der Denkmalschutz müsse "akzeptieren, dass Kirche moderne, zeitgemäße Formen braucht", merkte etwa der evangelische Oberkirchenrat Florian Baier in seinem Vortrag an. Eine "praxisnahe, bewegliche Denkmalpflege, die nicht auf dogmatischen Grundsätzen beharrt", wünschte sich Marinus Kohlhauf, Diözesanbaumeister im Erzbistum München und Freising.
Denkmalpflege hat Verfassungsrang
In seinem Impuls betonte Mathias Pfeil, Generalkonservator am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, jedoch vor allem den "Verfassungs- und Gesetzesauftrag" der Denkmalpflege im Freistaat. "Wir müssen Gebäude auf die Denkmalliste nehmen, wenn sie die Kriterien erfüllen", erklärte er. Dass die Akzeptanz dafür gerade bei Betonbauten der 1960er Jahre gering ist, könne er nachvollziehen: "Als Architekturstudent habe ich selbst gedacht: Wow, wie hässlich. Jetzt schreib ich's auf die Liste." Es brauche einfach eine gewisse Zeit, um die architektonische Qualität eines Gebäudes zu erkennen.
Doch was erstmal geschützt ist, kann baulich nicht mehr so leicht verändert werden. Der Denkmalpflege sei bewusst, so Pfeil, dass das künftige Überangebot an Kirchen und Klöstern "inhaltlich und wirtschaftlich sinnvolle Nutzungskonzepte" brauche. Allerdings könne man den Schutzauftrag für Kirchengebäude und -ausstattung nicht außer Acht lassen. Um bei diesen Fragen weiterzukommen, seien deshalb "gemeinsame Leitlinien für Kirchenumnutzung, rechtliche Anpassungen, die Mut belohnen, und die Denkmalpflege als Partner, nicht als Bremse" nötig, sagte der Generalkonservator. Für den nötigen Austausch soll jetzt eine vom Kunstministerium installierte Arbeitsgruppe "Kirchen" sorgen, die künftig alle zwei Monate tagt.
Klar ist, dass weder katholische noch evangelische Gemeinden in den nächsten zehn Jahren am Immobilienthema vorbeikommen. Für die nötigen Beteiligungsprozesse braucht es einen langen Atem: "Gebäudeplanung ist ein Marathon, kein Sprint", sagte Tagungsteilnehmer Stefan Neukamm, seit über 20 Jahren Chef der kirchlichen Immobilien im Dekanat München.
Doch gerade deshalb ist auch in scheinbar verfahrenen Situationen nichts verloren: Das Kulturzentrum im Hasenbergl, so ist beim Tagungs-Ortstermin zu hören, platzt aus allen Nähten - vielleicht ein möglicher Nutzer für die Diakoniekirche? In St. Mauritius, wo das Wasser von der Decke tropft, ist die Verwaltungsleiterin zuversichtlich, dass sich in absehbarer Zeit Partner für das marode Gotteshaus finden. Und in der Auferstehungskirche stehen die Aktiven mit dem Kochformat "meet and eat" und der Jazz-Reihe "Westend Vibes" längst in den Startlöchern für eine pulsierende Stadtteilkirche - wenn Denkmalpflege und Geldgeber mitspielen.



