"Topf & Söhne": Die Ofenbauer von Auschwitz

"Topf & Söhne": Die Ofenbauer von Auschwitz
Erfurter Ingenieure entwickelten und bauten die Verbrennungsöfen für die NS-Konzentrationslager, in denen Millionen Menschen nach ihrer Ermordung verbrannt wurden. Nach mehr als 65 Jahren öffnet auf dem einstigen Firmengelände ein Erinnerungsort an den Holocaust.

"Stets gern für Sie beschäftigt..." - Der Schriftzug, mit dem die einstigen Firmeninhaber von "Topf & Söhne" ihre Briefe an die SS unterschrieben, zieht sich weithin lesbar um die graue Gebäudefassade nahe des Erfurter Hauptbahnhofs. Er verweist auf die moralische Verantwortung der Firma, in der Ingenieure und Mitarbeiter aus normalen Krematoriumsöfen Anlagen für den von den Nazis initiierten industriellen Massenmord entwickelten und bauten. Am kommenden Donnerstag (27. Januar) eröffnet die Stadt Erfurt in dem sanierten Verwaltungsgebäude die Holocaust-Erinnerungsstätte "Topf & Söhne - die Ofenbauer von Auschwitz". Bund und Land Thüringen fördern das Projekt mit mehr als einer Million Euro.

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"Nirgendwo in Europa wird so exemplarisch die Verbindung von Privatindustrie und dem Holocaust sichtbar", sagt die Historikerin Annegret Schüle, die seit Jahren über "Topf & Söhne" forscht. Es gebe keine Anzeichen dafür, dass die Entwicklung der Verbrennungsöfen auf politischem Druck des NS-Regimes erfolgte. Stattdessen wetteiferten die Ingenieure aus technischem Interesse darum, eine möglichst energiearme und schnelle industrielle Entsorgung von Leichen zu entwickeln. Die Firma baute auch Entlüftungsanlagen für die Gaskammern in Auschwitz.

Die Unternehmer handelten rein wirtschaftlich

"Nachdem erste Geschäftskontakte geknüpft waren, hat die Firma intensiv versucht, ihr Know-how auch beim Bau anderer Konzentrationslager zu vermarkten." Gusseiserne Türen mit dem Firmennamen sind beispielsweise auch in Buchenwald bei Weimar erhalten. "Die beiden Unternehmer und ihre Ingenieure haben aus rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten gehandelt und sich noch nach dem Krieg für ihre bahnbrechenden Ofenkonstruktionen gerühmt", sagt Schüle. Unter den Mitarbeitern sei ein hoher Anteil an Kommunisten und sogenannten Halbjuden gewesen, die von den Firmeninhabern geschützt wurden. Sie stellten sich im Gegenzug nach 1945 schützend vor die Firmenleitung. Spätestens seit 1942 hätten sie jedoch von den Verbrechen gewusst.

Vor diesem Hintergrund dokumentiert die überarbeitete Ausstellung "Techniker der Endlösung" nicht nur Firmengeschichte und die Verbrechen der SS, sondern thematisiert auch die moralische und ethische Verantwortung des Einzelnen. "Dies ist eine universale Geschichte und interessiert die Menschen von Oslo, Kopenhagen bis Brüssel, wo die Ausstellung vor ihrer Rückkehr an ihren historischen Ort mit großer Resonanz zu sehen war", ergänzt der Direktor der KZ-Gedenkstätte Buchenwald, Ricola-Gunnar Lüttgenau.

Sich der Vergangenheit zu stellen muss man lernen

Größtes historisches Zeugnis ist das Verwaltungsgebäude der 1878 gegründeten Firma selbst. Geborgene Reste der Innenausstattung wie das Treppenhaus, Wandfliesen und Fenster sowie alte Fotos geben Einblick in die Arbeitsatmosphäre in den Zeichensälen. Aufgestellt werden auch die per Zufall unter Schutt entdeckten Zeichentische. "Die Ingenieure hatten von ihren Arbeitsplätzen einen freien Blick auf den Ettersberg mit dem KZ Buchenwald und den nahen Güterbahnhof, von dem die Krematoriumsöfen in die Lager transportiert wurden", sagt Historikerin Schüle.

"Die Holocaust-Gedenkstätte ist auch ein Erfolg der Erfurter Bürgerbewegung nach mehr als zehn Jahren", meint Lüttgenau. Erst Mitte der 1990er Jahre sei das Thema Topf & Söhne in der Thüringer Landeshauptstadt nach Jahren des Schweigens überhaupt aufgekommen. Ein Förderkreis habe die Stadtoberen damit konfrontiert, die anfangs eine ablehnende Haltung einnahmen. Jahrelang waren Haus und Gelände zudem von linken Autonomen besetzt.

Der Erfurter Stadtrat bekannte sich erst 2007 zu dem Projekt. Neue Forschungen, die Entdeckung des Firmen-Archivs und der Erfolg der Ausstellungstournee führten dazu, sich der eigenen Geschichte zu stellen. "Das muss man erst lernen", meint der Historiker. "Das Ausland zollt Erfurt dafür Lob und Anerkennung."
 

dpa