Hochzeit auf libanesisch: Silikonbrüste und entführte Bräute

Hochzeit auf libanesisch: Silikonbrüste und entführte Bräute
Das Fundament der konservativen arabischen Gesellschaft, die Ehe, steckt in der Krise. Im Libanon ist zu beobachten, wie eine zunehmend lockere Sexualmoral und wirtschaftliche Schwierigkeiten die traditionellen Rollenbilder infrage stellen.
17.09.2010
Von Anne-Beatrice Clasmann

Auf halsbrecherisch hohen Absätzen balancieren drei superschlanke junge Frauen durch ein In-Lokal im Zentrum von Beirut. Eine von ihnen hat unnatürlich groß wirkende Brüste und eine auffallend niedliche Nase. Ihre Beine stecken in knallengen Designer-Jeans. Ihre Freundinnen tragen aufwendiges Make- up und Cocktail-Kleider.

Für ihren Schönheitskult sind die Menschen in diesem Teil der arabischen Welt bekannt. Der Aufwand, den einige junge Libanesinnen um ihr Aussehen treiben, geht jedoch weit darüber hinaus. "Das ist ein knallharter Wettbewerb, bei dem es darum geht, einen Ehemann zu finden, der es der Frau erlaubt, das Image ihrer Familie zu wahren", sagt der Soziologe Akram Succaria von der Libanesischen Universität.

Dass dieser Wettbewerb in den vergangenen Jahren härter geworden ist, liegt unter anderem an der in einigen Kreisen zunehmend lockeren Sexualmoral und daran, dass mehr junge Männer als Frauen nach der Ausbildung im Ausland arbeiten. Die Auswanderung hat einen Frauenüberschuss geschaffen. Und dieser hat dazu geführt, dass die Suche nach einem passenden Ehemann in Beirut inzwischen genauso schwierig ist wie in der Single-Metropole New York.

Im Libanon gibt es nur religiöse Hochzeiten

Man schätzt, dass auf sechs heiratswillige junge Männer zehn Frauen kommen, die nach einem Partner für's Leben suchen. Vor einer Ehe mit einem Ausländer schrecken die Frauen oft zurück, weil sie ihre Staatsbürgerschaft nicht an die Kinder weitergeben können. Gegen diese Diskriminierung gegenüber den Männern protestieren Feministinnen seit geraumer Zeit ohne Erfolg.

Außerdem dürfen Libanesen in ihrem Land nur religiös heiraten, eine Zivilehe gibt es nicht. Wenn also ein Muslim eine Christin oder ein Druse eine Muslimin heiraten will, dann muss die Ehe im Ausland geschlossen werden. Wie Israelis, die in ihrem Land das gleiche Problem haben, heiraten manche Libanesen deshalb zum Beispiel auf der nahe gelegenen Insel Zypern.

"Als libanesischer Mann hat man eine große Auswahl", erklärt Maher Fergali (29). Der angehende Ingenieur aus dem christlichen Bergdorf Bdadun möchte gerne heiraten. Er hat es aber nicht eilig, obwohl er schon eine Wohnung hat, was in einigen Familien als Voraussetzung für eine Heirat gilt. Das durchschnittliche Heiratsalter liegt im Libanon inzwischen bei 31 Jahren für Frauen und 35 Jahren für Männer. Damit heiraten die Libanesen heute rund sieben Jahre später als noch vor zehn Jahren.

"Wenn ein Libanese etwas will, dann ist ihm jedes Mittel recht - das gilt für Männer und für Frauen gleichermaßen", sagt der Soziologe Succaria. Dass sich einige junge Frauen sogar die Lippen oder die Brüste vergrößern lassen, um ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt zu steigern, findet er deshalb nicht weiter erstaunlich: "Die Schönheitsoperation wird dann als Investition verstanden."

"Für den Haushalt eine Frau aus Sri Lanka"

Obwohl das Äußere in der auf Schönheit fixierten libanesischen Gesellschaft eine große Rolle bei der Partnerwahl spielt, ist der Weg über den OP-Tisch nicht immer erfolgversprechend. "Ich steh nicht so auf diese Copy-and-Paste-Frauen, die alle gleich aussehen", sagt Maher Feghali. Er wünscht sich zudem eine Frau, die zum Einkommen der Familie beiträgt: "Ich finde es besser, wenn wir beide arbeiten, und für den Haushalt holen wir uns dann eine Frau aus Sri Lanka."

Sein Freund Georges Daou (27), der aus dem selben Dorf stammt, hat im Gegensatz zu Feghali das Gefühl, dass die Zeit drängt. Seit fünf Jahren sparen er und seine Freundin, damit sie heiraten können. Sie leben beide noch zu Hause bei den Eltern. Trotzdem reicht das Geld noch nicht für eine typische libanesische Hochzeit mit Kleid, Goldschmuck, Blumendekoration und einer großen Feier.

"Wer heiraten will, braucht mindestens 30.000 Dollar", meint seine Schwester Nesrin. "Meine Freundin ist geduldig, sie wartet - noch", sagt ihr Bruder. Doch der gesellschaftliche Druck auf die jungen Frauen ist groß. Wer mit 32 Jahren noch unverheiratet ist, gilt schon fast als schwer vermittelbare "alte Jungfer, die bald keine Kinder mehr bekommen kann". Deshalb entschließen sich manche Frauen schließlich schweren Herzens gegen ihre Jugendliebe und für einen älteren Mann, der eine Wohnung und ein gutes Einkommen hat.

Auf Umwegen zur billigeren Hochzeit

Wenn die Liebe und die Verzweiflung zu groß und die Finanzreserven zu klein sind, greifen manche Paare auf dem Land zu einer List, mit der sie an eine etwas hinterwäldlerische libanesische Tradition anknüpfen: Der Mann brennt mit seiner Angebeteten durch und versteckt sie für einige Zeit im Haus von Verwandten. Vermittler versuchen dann, die Eltern der "Entführten" davon zu überzeugen, dass sie der Ehe rückwirkend doch noch ihren Segen geben - auch ohne teures Hochzeitskleid und Festmahl. Das funktioniert oft, spätestens wenn das erste Enkelkind geboren ist.

Taxifahrer Abu Ali, der aus einem Dorf im Süden des Libanon stammt, kann über derartige Umwege auf dem Weg zur Ehe nur den Kopf schütteln. "Bei den Christen und bei den Sunniten ist die Hochzeit so teuer, bei uns Schiiten ist das anders", sagt der hagere Großvater. "Bei uns ist es normal, dass die Mädchen heiraten, wenn sie 18 Jahre alt sind." "Wenn einer meiner Söhne eine Braut findet, dann gebe ich ihm 2000 Dollar. Das reicht für den Ring, eine Ausgabe des Koran und die Süßigkeiten, die bei der Feier verteilt werden. Dann kann er eine kleine Wohnung mieten und mit seiner Frau glücklich werden."

dpa