Donald Trump liest die Bibel

Präsident Trump liest die Bibel.
America reads the bible/Youtube
Nationales Bibel-Lese-Event
Donald Trump liest die Bibel
Im Rahmen von „America reads the bible“ las auch US-Präsident Trump einen Bibeltext. Doch der hat es in sich...

Die USA werden 250 Jahre alt! Ein wahrhaft großes Ereignis einer Demokratie, die gerade allerdings, sagen wir, eine leichte Schieflage hat. Dennoch: Es ist ein Grund zu feiern!

Die Aktion „America reads the bible“ wollte auf ihre eigene Weise dazu beitragen: Eine Woche lang wurde in den Bibel gelesen. Einmal komplett durch, von 1. Mose 1,1 bis Offenbarung 22,21. Von Sonntag, 19. April, bis Samstag, den 25. April 2026. Mit hunderten Beteiligten aus Politik, Kirche und vor allem aus dem konservativ-evangelikalen, teils national-religiösen Umfeld.

Das Ganze wurde bewusst als geistliche Rückbesinnung auf die „christlichen Wurzeln“ der Nation inszeniert. Ein öffentliches Zeichen des Glauben und Einladung zur Erneuerung – oder doch eher eine politisch aufgeladene Inszenierung, die die Bibel für ein bestimmtes politisches Selbstverständnis vereinnahmt? Zumal man schon die Grundthese von den christlichen Wurzeln durchaus in Frage stellen kann.

Ein Höhepunkt, ja Schlüsselmoment am Dienstag: Donald Trump höchstpersönlich trägt einige Verse bei! Er liest 2. Chronik 7, 11-22. Das ist nicht einfach irgend etwas: Was er liest, ist fast schon so etwas wie das Manifest der nationalen evangelikalen Bewegung. Seit Jahrzehnten wird dieser Bibeltext bei „National Days of Prayer“ gelesen und ganz selbstverständlich auf die USA bezogen. Im Zentrum steht der Vers 14: 

„Wenn dann mein Volk, über das mein Name genannt ist, sich demütigt, dass sie beten und mein Angesicht suchen und sich von ihren bösen Wegen bekehren, so will ich vom Himmel her hören und ihre Sünde vergeben und ihr Land heilen.“

Klingt ja so einfach: Wir müssen nur beten und demütig sein, dann kommt Gott und heilt unser Land. Das berührt sicher viele, die sich in der Krise und Spaltung ihres Landes nach Heilung und einfachen Lösungen sehnen.

Und ausgerechnet dieser für die Bewegung so zentrale Text wird von Präsident Donald Trump vorgetragen! Ruhig und präsidial sitzt er da, die Hände über einer Bibel gefaltet, den Text liest er offensichtlich von einem Teleprompter. Was für eine Botschaft! Gott wird unser Land heilen! Alles wird gut!

Dass die 2. Chronik ein ganz anderes Land meinte, nämlich das Israel des Königs Salomo, knapp 3000 Jahre früher – egal. Das es hier um den Bund Gottes mit seinem Volk Israel geht – wurscht. „Das Volk“ ist jetzt eben die USA. Und die Botschaft ist klar und einfach: Nationale Buße bewirkt göttliche Heilung des Landes. Aus einem Bundesversprechen wird eine Art religiöser Nationalismus.

In stärker politisierten Kontexten bei der Christian Right wird das dann auch so gedeutet, dass die USA sich von „Fehlentwicklungen“ wie den Abtreibungsgesetzen, LGBTQ-Rechten und so weiter abwenden müssten, um wieder zu nationaler Stärke zu gelangen. Als könnte man Gott mit „richtigem Handeln“ dazu zwingen, die Welt zu heilen (mal abgesehen davon, dass wir uns schon nicht einig sind, was dieses richtige Handeln sein soll).

Doch dann kommt der Vers 19. Trump liest in seinem typischen Tonfall ungerührt weiter. Doch inhaltlich kippt der Ton, ohne dass die, die es hören sollten, das wahrnehmen. Denn da steht nicht nur Trost, sondern eine radikale Warnung. Die Verse 19 bis 22 sprechen von Götzendienst und den Konsequenzen für das Land. Klassisch denkt man da vielleicht an fremde Religionen, doch für die Bibel können Götzen auch anderes sein: Macht, Nation, Erfolg, Führerfiguren. Wer diesen Text politisch liest, müsste ihn eigentlich in beiden Richtungen ernst nehmen. Nicht nur: „Wenn wir beten, heilt uns Gott“. Sondern auch: „Wenn wir Unrecht tun, kann unser System zerbrechen.“ 

Und da wird es schon fast ironisch: Ein politisch-religiöses Event, das Gott öffentlich beschwört, könnte genau dort in Gefahr sein, Gott für andere Zwecke zu benutzen. Der vom Präsidenten gelesene Text selbst stellt genau die Bewegung infrage, die ihn laut liest. Er selbst, der Präsident, liest ungerührt die Worte des Gerichts: „Dies Haus, das ich meinem Namen geheiligt habe, werde ich von meinem Angesicht verwerfen und werde es zum Sprichwort machen und zum Spott unter allen Völkern.“ 

Nochmal zurück zu Salomo. Der großartige, machtvolle, bis heute berühmte König. Alles gelang ihm, Tempel und Palast sind vollendet. Doch schließlich endete er selbst im Götzendienst. Seine Macht, sein Reichtum: Alles das hatte ihn verführt. Das Großreich Israel zerfiel nach seinem Tod in zwei Teile. Die alte Größe erreichte es nie wieder. Ob das den US-Nationalisten so bewusst ist? Ob sie auch diesen Teil der Lesung auf die USA beziehen?

Deshalb: Der Text ist, finde ich, gut gewählt. Aber er meint das genaue Gegenteil dessen, was religiöse Nationalisten durch die Jahrtausende immer daraus gemacht haben. Er meint nicht: „Gott ist auf unserer Seite!“ Sondern er stellt die Frage: „Sind wir noch auf Gottes Seite?“ Und das – das wäre eine Frage, die wir nur in Demut stellen können.

Es ist leicht, sich besser zu fühlen als die MAGA-Bewegung. Doch auch wir stehen nicht über ihnen. Diese Frage gilt uns allen: Sind wir noch auf Gottes Seite?

Schwer, das zu beantworten. Demut vor Gott könnte ein Anfang sein.

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