„Ein Sohn ist uns gegeben und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter.“ Na, woran denken Sie, wenn Sie dieses (leicht verkürzte) Zitat aus dem Propheten Jesaja hören? Selbst, wer „nur“ gelegentlich an Weihnachten die Kirche besucht, dürfte diese Bibelstelle im Ohr haben: Als einen von vielen prophetischen Texten, die wir heute als Ankündigung der Geburt Jesu Christi deuten und jedes Jahr an Weihnachten gerne wieder hören:
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst. (Jesaja 9, 5)
In den USA jedoch ist manches anders. Für die MAGA-Bewegung rund um Präsident Donald Trump ist offenbar das ganze Jahr Weihnachten, ein wenig wie in der genialen satirischen Kurzgeschichte „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ von Heinrich Böll, in der Weihnachten zum Leidwesen der Familie nie endet. So machte auf Facebook das Foto eines großen Werbebanners die Runde, das diesen Text mit einem Bild von Trump verbindet.
Trump – der neue Messias? Das scheint dieses Banner anzudeuten. Dazu kommt ein kurzer Text rechts unten „Joint heirs, Romans 8,17“. Dort im Römerbrief schreibt Paulus, wir seien „Miterben“ Christi und Gottes Hausgenossen. Offenbar sehen sich die Initiatoren dieses Banners selbst – und Trump – in der Nachfolge Christi. Dass diese Nachfolge keine triumphale Nachfolge ist, sondern auch Leiden und Tod beinhaltet – das blenden sie natürlich gerne aus.
Der Satz, den wir auf Christus deuten, wird plötzlich politisch umcodiert, als sei Trump der neue Messias. Eine Aussage über Christus wird auf einen Menschen übertragen.
Das, so klar müssen wir es benennen, ist eine eindeutige Grenzüberschreitung. Ein Mensch bekommt hier eine Heilsbedeutung, die ihm nicht zusteht. Die Mitte unseres Glaubens – Christus – wird verschoben.
Leider ist es ja oft so in der Geschichte der Menschheit: Religion wird immer wieder dafür genutzt, eine bestimmte politische Richtung zu legitimieren und ihre Autorität zu unterstreichen. Und die Bedeutung einer einzelnen Nation wird gerne überhöht – auch das kennen wir von den USA.
Die Unterscheidung von Gott und menschlicher Herrschaft verwischt.
Doch hier müssen wir ganz klar sagen:
Alle weltliche Herrschaft ist relativ. Kein Politiker trägt Heil. Und kein Staat ist das Reich Gottes.
Punkt.
Das heißt nicht, dass Trump-Anhänger keine Christ:innen sein können. Aber es ist ein gefährlicher Pfad, der sich hier andeutet: Wo politische Loyalität religiöse Züge annimmt, wird sie zur Konkurrenz für den Glauben. Trump ist nicht der Messias. Und keine Partei, keine Regierung auf der Welt kann unseren Glauben für sich vollständig vereinnahmen.
Hier könnte der Text eigentlich zu Ende sein – aber ein Detail des Fotos fällt dann doch noch ins Auge: Das Banner gehört ausgerechnet einer Werbefirma namens „Reagan“.
Eine kleine Pointe der Geschichte. Denn Ronald Reagan liebte religiöse Sprache. Die „Stadt auf dem Hügel“, die Berufung Amerikas: das waren seine Bilder. Aber vermutlich hätte er sich gehütet, selbst Teil dieser Bilder zu werden.
Auch Reagan hat also Glaube und Politik miteinander verbunden, doch gibt es gravierende Unterschiede zwischen Ronald und Donald.
Für Reagan war Religion eher der integrierende, moralische Rahmen seines Handelns. Bei aller Härte seiner „Reaganomics“ gerade für die Ärmeren, versuchte er dennoch, zu versöhnen, zu verbinden. Trump (bzw. seine Fans) dagegen personalisiert und instrumentalisiert Religion, nutzt sie zur Legitimation der eigenen Person und zur Abwertung aller Andersdenkenden.
Reagan nutzte gern religiöse Bilder. Trump rückt sich selbst ins Bild und verdrängt dabei stellenweise sogar Jesus Christus. Glaube wird Teil der politischen Inszenierung. Die eigentliche christliche Botschaft wird unwichtig. Hier hat sich etwas in den USA massiv verschoben.
Gleichzeitig wird christlicher Glaube dazu missbraucht, die Macht zu verherrlichen. Etwas, das wir aus der menschlichen Geschichte leider zur Genüge kennen: Das „Ärgernis des Kreuzes“, der Tod Jesu, alles das wird weggewischt. Trauer, Leiden und Zweifel haben keinen Platz in einer Siegestheologie und -politik, die nur den Triumph sieht. Auch die Zuwendung zu den Leidenden, den Armen, den Heimatlosen – alles das bleibt dabei auf der Strecke.
In den meisten Fällen der Geschichte ist diese Vereinnahmung von Religion durch die Politik nicht gut ausgegangen. Und auch Bölls Weihnachtsgeschichte endet nicht gut.
Jesus jedenfalls – den werden wir eher auf der Seite derer finden, die unter solch überhöhten Regierungen leiden. Dazu möchte ich jetzt auch einfach eine Bibelstelle zitieren. Scheint ja gerade Konjunktur zu haben. Matthäus 25, 35 ff:
Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.



