„Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben“, so spricht Jesus in seinem bekannten Satz aus Matthäus 16,19 zu Petrus. Leider ist das mit dem Himmelreich ja manchmal nicht so ganz konkret fassbar und erlebbar. Aber eine Gemeinde in den Niederlanden – deren Namen ich aus, sagen wir: versicherungstechnischen Gründen heute verschweige – hat doch eine starke Näherung daran gefunden.
Vor einiger Zeit kam ich mit Mitgliedern dieser außerordentlich lebendigen Gemeinde ins Gespräch. Es ging darum, unter der Woche etwas aus dem Kirchengebäude abzuholen, das – als modernes Gebäude mit wenig touristischer Relevanz – in der Regel verschlossen ist.
„Kein Problem!“ meinten sie. „Bei uns haben alle einen Schlüssel!“ Wie, alle? Tatsächlich: In dieser Gemeinde bekommen alle, die der Gemeinde beitreten, zum Beitritt einen Kirchenschlüssel überreicht. Ohne weitere Diskussion.
Ja gut, inzwischen gibt es ein elektronisches Schloss, und weil die Transponder doch recht teuer sind, ist das alles mittlerweile etwas eingeschränkt. Aber trotzdem: Der Gedanke lässt mich nicht mehr los. Was für ein Vertrauen! Und auch: Was für eine Verantwortung, die allen neuen Gemeindegliedern hier übertragen wird! Ein ganz klares Zeichen: Das ist jetzt mit deinem Beitritt auch dein Kirchengebäude. Du bist nicht nur einfach irgendwie dabei, sondern ein wichtiger Teil der Gemeinde. Du gehörst voll und ganz dazu.
Klar, in den eher freikirchlich organisierten Gemeinden in den Niederlanden haben die, die sich Mitglieder nennen, sowieso eine stärkere Bindung an die Gemeinde als viele hier bei uns im volkskirchlichen Deutschland. Ich stelle mir das vor, wie ich 2000 Schlüssel nachmachen lasse und zwei, drei Jahre lang nach und nach alle Adressen abklappere: „Hallo, ich bin Ihr Pfarrer. Sie kennen mich vermutlich nicht, aber hier ist Ihr Kirchenschlüssel!“
Es wäre ein spannendes Experiment. Vielleicht würde es auch gut funktionieren. Vielleicht bräuchten wir mehr Mut für solche Aktionen. Vielleicht würde es wirklich die Bindung an die Gemeinde erhöhen, wenn am Schlüsselbrett der Kirchenschlüssel hängt. Und überhaupt, wenn die Pfarrperson schon mal vorbeigekommen ist und persönlich einen Schlüssel überreicht hat, und zwar nicht nur irgendwie symbolisch, sondern so richtig in echt. Vielleicht gäbe es sogar weniger Vandalismus in unserer tagsüber geöffneten Dorfkirche, wenn allen diese Verantwortung zugemutet werden würde.
Je länger ich darüber nachdenke, desto besser gefällt mir die Idee. Ob das doch auch bei uns möglich wäre?