O du süße Wartezeit!

Kirche überraschend
O du süße Wartezeit!
In Großauheim versüßen die Pfarrerinnen die Wartezeit an der Bahnschranke.

Großauheim. Bahnschranke. Seit Jahrzehnten stapeln sich die Autos, wenn die Schranke zu ist. Immer wieder ist das Warten an der Schranke Ortsgespräch. Viele sind genervt von der Unterbrechung ihres Weges, wenn schon wieder ein Zug Vorfahrt hat. Oder vielleicht noch ein zweiter. Oder dritter. Oder ein langer Güterzug. Ach, Sie können sich das ungefähr vorstellen. Wer in Deutschland Automobile in ihrer Fahrt behindert, muss mit schlimmen Konsequenzen rechnen. Das gilt auch für Bahnschranken. Manche nehmen’s gelassen hin, aber es ist doch einfach viel zu schön, sich aufzuregen.

Und nun treten auf: zwei fröhliche Pfarrerinnen im Talar mit einem Schild: „Ich versüße dir die Wartezeit! Wenn du magst, öffne das Fenster.“

Etwa die Hälfte der Wartenden nahm das Angebot tatsächlich an, berichtet Katharina Scholl, die die Aktion mit ihrer Kollegin Margit Zahn erfunden hat. Und bekam dann mit einem freundlichen Lächeln etwas Süßes überreicht – zusammen mit einem kleinen Kärtchen:

Wenn's mal wieder länger dauert ...

Verlieb dich ins Warten:

  • Schau in den Himmel

  • Lass dir ein Stück Schokolade auf der Zunge zergehen

  • Sieh in den Rückspiegel und lächle dir zu

Sollte die Schranke noch unten sein, wiederhole die Schritte in beliebiger Häufigkeit.

Viele kurze Gespräche entstanden an den Autofenstern. Natürlich, so berichtet Katharina Scholl, waren nicht alle davon positiv. Aber genau dafür sind wir als Pfarrerinnen und Pfarrer ja auch da, finde ich: Zuzuhören. Aufzunehmen, was den Menschen gefällt und was nicht. Kritik auszuhalten und, wo sie berechtigt ist, auch anzunehmen. Vor allem aber: Auf die Menschen zuzugehen. Da, wo sie sind. Mit dem, was sie beschäftigt, und wenn’s eine geschlossene Schranke ist. So muss Kirche sein, finde ich. Und so ist sie auch oft: fröhlich, den Menschen zugewandt, mitten im Leben.

PS: Dieser Artikel wurde vollständig in einem ICE der Deutschen Bahn geschrieben, wenn auch wegen Verspätung des vorherigen Zuges nicht im ursprünglich geplanten. Wie viele Schranken für meine Reise geschlossen wurden und wie viele Menschen deshalb warten mussten, ist mir nicht bekannt. Genießen Sie Ihre Zeit – wo auch immer Sie gerade warten müssen!

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Sonja Thomaier ist neues Mitglied im Team von "kreuz und queer" und stellt sich im ersten Blogbeitrag als nicht-binäre Bielefelder:in vor.
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