Abendmahl divers

Abendmahl divers

Es ist schon eine Weile her, dass ich den letzten Beitrag zu der kleinen Serie über das Abendmahl in diesem Blog geschrieben habe. Dabei gibt es dazu noch eine ganze Menge zu berichten über seltsame Auswüchse der Hygiene-Ansprüche, Verwirrungen bei der Austeilung, verlorengegangene Hostien...

Für heute möchte ich von einer Gemeinde erzählen, die ich vor kurzem besuchte. Diese Gemeinde hat die Frage „Trinken oder Tunken“ auf eine Weise gelöst, wie ich sie noch nie vorher erlebt hatte. Bisher dachte ich immer: Ist doch wunderbar. Wer Angst vor Ansteckung hat, der tunkt halt einfach seine Hostie in den Wein und muss auf diese Weise nicht seine Lippen mit dem hochinfektiösen Rand des Weinkelches in Berührung bringen, was den sofortigen gefühlten Malariatod zur Folge hätte. Ist doch eigentlich ganz vernünftig.

Doch weit gefehlt: Schließlich können Bakterien und Viren ja möglicherweise auch schwimmen. Das weiß keiner so genau, denn sie machen kein Seepferdchen oder andere Schwimmabzeichen. Jedenfalls ist der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, dass auch mitten im Kelch Krankheitserreger schwimmen könnten, die sich gemeinerweise dann an den getunkten und bis dahin völlig sterilen Hostien festsetzen. Auf der anderen Seite bestehen Hostien aus gebackenem Teig; als solche sind sie in der Lage, hochgefährliche Brösel im Abendmahlswein zu hinterlassen, die möglicherweise von Abendmahlstrinkern verschluckt werden könnten, was im Extremfall zu Erstickungsanfällen führen könnte.

Eine geradezu ausweglose Situation. Tunker können nicht gefahrlos tunken, Trinker nicht gefahrlos trinken. Was tun?

Die Gemeinde wusste Rat. Und eigentlich hätte ja jeder schon drauf kommen müssen: Man nehme einfach zwei Kelche. Nacheinander gehen zwei Personen mit je einem Kelch herum. Vom ersten wird getrunken, beim zweiten darfst du tunken. Wie schön: Alle lebensgefährlichen Situationen sind mit einem kleinen Kniff im Handumdrehen abgewendet. Puh. Endlich wieder gefahrlos Abendmahl feiern.

Doch muss ich nun schon noch anmerken: Ich finde, das ist nicht ganz konsequent zu Ende gedacht. Was ist mit denen, die gar keinen Wein zu sich nehmen dürfen oder wollen? Sollte man ihnen nicht auch Traubensaft anbieten? Natürlich auch wahlweise zum Trinken und zum Tunken. Also:

Vom ersten wird getrunken, beim zweiten darfst du tunken. Als drittes kommt der Traubensaft, nach Saft zum Tunken ist's geschafft.

Aber – ist das nicht auch noch viel zu kurz gedacht? Was ist mit denen, die die Säure im Traubensaft nicht vertragen? Ich finde, es muss auch noch eine säurefreie Saftvariante angeboten werden. Natürlich zum Trinken und zum Tunken. Und wo wir schon dabei sind: Es gibt Menschen, die vertragen keinen Rotwein, andere keinen Weißwein. Und in Franken kann man eigentlich auch nicht nur eine Sorte Wein anbieten – Müller-Thurgau, Silvaner und Bacchus ist da schon das Mindeste. Beim Rotwein kenne ich mich nicht so aus, aber zwei, drei Sorten sollten es da schon auch sein. Ja, und natürlich noch Rosé. Ist ja zur Zeit total in, den Trend darf man nicht übersehen.

Vor meinem geistigen Auge sehe ich nun also eine riesige Schlange von Abendmahlsausteiler/innen die Reihe der das Abendmahl Empfangenden entlanggehen. Um das Ganze übersichtlich zu halten, geht jeder Sorte noch eine Person mit einem Schild vorneweg, ähnlich wie bei Faschingsumzügen. Aber natürlich viel würdevoller, das ist schon klar.

Ist das nicht eine wunderbare Art, die ganze Gemeinde am Abendmahl zu beteiligen? Priestertum aller Gläubigen, ganz neu gedacht. 60 Austeiler stehen 20 Abendmahlsteilnehmern gegenüber. In vielen Gemeinden ist das schon mehr, als normalerweise in die Kirche gehen. Gemeindeaufbau durch Diversifizierung des Abendmahls. Eine bahnbrechende Idee. Und diese kleine Gemeinde hat's erfunden. 

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