Kollarkoller

Kollarkoller

Oh Mann. Diese steifen Kleriker. Nee, so ein Kollarhemd, das zieh ich niemals an, wozu auch? So dachte ich bis vor kurzem. Ach ja, Kollar: Das ist dieser kleine weiße Streifen oben am Kragen vom Hemd, den viele Kleriker tragen. Besonders häufig natürlich in Filmen. In der freien Wildbahn laufen die meisten natürlich auch nicht so rum. Und ich schon dreimal nicht, nee. So steif und altmodisch bin ich nicht.

Mittlerweile merke ich: Das konnte ich mir auch leisten. Als Dorfpfarrer war ich sowieso allen bekannt, da war das alles überhaupt kein Problem. Schon ohne Kollar wurde ich eher zu oft gegrüßt als zu wenig. Selbst im Urlaub in Holland im Supermarkt. Nun habe ich eine neue Stelle in der Stadt – und bin auf einmal praktisch inkognito. Kein Mensch kennt mich hier. Und ich merke: In bestimmten Situationen kann so ein Kollarhemd einfach nur Klarheit schaffen. Keine langen Erklärungen, keine Namensschilder, keine kleinen dezenten Kreuze irgendwo am Revers – einfach nur ein Kollar und es ist klar: Das ist ein Pfarrer oder so was ähnliches. Ob in der Kirche, wenn ich Besucher anspreche oder bei offiziellen Empfängen: Das Symbol ist einfach bekannt.

Darum besitze ich nun eines und schreibe auch diesen Artikel im Kollarhemd, das gerade seinen zweiten Einsatz hinter sich hat: Bieranstich auf dem Schweinfurter Volksfest, ich als Vertreter des evangelischen Dekans. OK, man kommt sich irgendwie erst einmal ein wenig overdressed vor, auch wenn etliche der geladenen Gäste im Anzug da waren (bei dem Wetter aber dann doch eher im kurzen Hemd). Am „Kirchentisch“ bin ich bekannt, kein Problem, gute Unterhaltung mit dem katholischen Dekan. Doch als der neue Oberbürgermeister die „hohe Geistlichkeit“ begrüßt, nennt er als engagierter Katholik „seinen“ Dekan selbstverständlich beim Namen, stutzt, weil er mich daneben sitzen sieht. Man kann seine Gedanken förmlich lesen: „Eindeutig: Ein Geistlicher, aber wer um Himmels willen ist das?“ Als Neuling gibt er gerne zu, dass er den Namen nicht weiß, beim dritten Zurufen hat er ihn dann so ungefähr verstanden.

Nun bin ich auch nicht unbedingt der Typ, der dringend darauf besteht, bei jeder Veranstaltung mit Namen begrüßt zu werden. Aber es war der Aufhänger für ein nettes Gespräch mit dem neuen OB, der schließlich in einer todesmutigen Aktion endete: Wir beide (und noch zwei Begleiter aus der Stadtverwaltung) auf dem „Transformer“, dem (zweit-)übelsten Herumwirbelgerät des ganzen Volksfestes. OB mit geistlichem Beistand. Eine Freifahrt für den Kollarträger. Ziemlich durchgedreht und verwirbelt geleite ich ihn anschließend zu seiner sorgenvoll dreinschauenden Frau. Nix passiert! Außer dass ich neue Kontakte geknüpft habe, die mir ohne dieses Kollar nicht gelungen wären. Steif und altmodisch? Nein. Manchmal muss man einfach über den eigenen Schatten springen, um neue Wege gehen zu können. Mit Kollar oder ohne.

 

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