Liebe Karina...
was für ein Tag heute für uns, der 1. September! Aus dem Tag, an dem der Krieg 1939 begann, machten wir einen Anti-Kriegs-Tag. Meine Großväter waren beide im Krieg. Ihre Wunden habe ich als Kind ehrfurchtsvoll berührt. Später habe ich verstanden, dass es nur die sichtbaren Wunden waren. Meine Großmütter waren beide ebenso im Krieg - in Flucht und Not und Verstecken. Welches Gewicht ihre Erinnerungen für immer hatten!
Heute denke ich, wenn wir jedes Jahr den Jahrestag des Kriegsendes feiern, dass der Krieg eigentlich immer noch nicht zu Ende ist. Wir kämpfen noch immer mit den Schatten dieses Krieges. Die verlorenen, gestorbenen, vermissten Eltern, Onkel, Großväter und Urgroßmütter sitzen immer noch unsichtbar an manchen Tischen. Wunden haben sich vererbt und das Nichtdarüberreden hat Ungeheuer von Verletzung und Hass in Seelen gezeichnet. Und dieser Krieg, gilt seit 80 Jahren als beendet. In meiner Familie lebt schon die vier Generation in dieser Nachkriegs-zeit. Und mein Land wird und wird nicht frei von diesem Unheil.
Du hast diese Kriegsschatten in Odessa jeden Tag in Deinem Leben. Erzählst Du mir, was Deine verletzte Stadt für Dich ist, was sich geändert hat durch diesen Krieg, was Du vermisst und was Frieden für Dich wäre?
Liebe Bettina...
Odessa ist für mich ein Ort voller Erinnerungen und Emotionen – Heimat, Schönheit, aber auch die ständige Präsenz des Krieges. Jede Straße, jedes Geräusch erinnert mich daran, wie kostbar Sicherheit und Freiheit sind.
Im Gegensatz zu früher bin ich heute vorsichtiger, bewusster und dankbarer für kleine friedliche Momente. Ich lerne, jeden Augenblick zu schätzen und das Leben intensiver wahrzunehmen.
Am meisten vermisse ich die Leichtigkeit des Alltags, das unbeschwerte Lachen der Kinder, spontane Treffen mit Freunden und die kleinen Freuden, die früher selbstverständlich waren.
Menschen, die nie einen Krieg erlebt haben, können kaum verstehen, wie sich Angst, Unsicherheit und Hoffnung gleichzeitig im Alltag mischen. Wie kostbar jedes friedliche Lächeln wird, wenn man gelernt hat, dass nichts selbstverständlich ist.
Wenn es wirklich schlimm ist, helfen mir die Nähe meiner Familie, kleine Rituale im Alltag, das gemeinsame Lachen und die Arbeit – alles, was Stabilität und Halt gibt.
Wenn ich mir vorstelle, dass wieder Frieden ist, dann sehe ich lachende Kinder auf den Straßen, volle Klassenzimmer, bunte Feste und das tiefe Gefühl, endlich wieder frei atmen zu können. Frieden bedeutet für mich nicht nur das Ende des Krieges, sondern die Rückkehr zu Freude, Leichtigkeit und Hoffnung.
Liebes Du, die/der das gerade liest oder hört….
Sicherheit und Freiheit sind unendlich kostbar. So sehr. Vergiss nicht.
Liebe Karina...
ich wünsche mir mit Dir zusammen lachende Kinder und bunte Feste, frei atmen zu können, Sicherheit, Freiheit, Freude und Leichtigkeit für Dein Land. Ich wünsche es Euch so sehr, dass das Leben blühen kann und das Schwere weicht.
1. September: Anti-Kriegs-Tag.
Ach, Gott, erbarme Dich.
#challenge: Kriege ablehnen, wütend sein über alle Gewalt, mitwünschen, dass Frieden wird, die Freiheit festhalten!
Karina Beigelzimer wohnt in Odessa (Ukraine) und arbeitet dort
als Lehrerin, Journalistin und Reiseleiterin. Danke für Deine Antwort!