Medienkolumne

Medienjournalist Christian Bartels wirft jede Woche einen ausgeruhten Blick auf die deutsche Medienlandschaft.

Historytainment

Historytainment
Gute Historienfilme zu drehen, ist eine Kunst. Geschichts-"Dokumentationen" vor allem mit Reenactments zu füllen, ist nichts als überflüssig.

Geschichts-Dokus gibt es viele. In den öffentlich-rechtlichen Sendern mit ihrem Bildungsauftrag sind es mehr, zum Beispiel auch in speziellen Youtube-Playlists (ZDF: "Alles, was in der Menschheitsgeschichte spannend ist, bekommt Ihr hier"). Zählt man die notorischen U-Boote- und Panzerschlachten-Dokus hinzu, sind es im Privatfernsehen auch nicht wenige; es gibt ja sogar den Pay-TV-Kanal History Channel. Inhaltlich wird die ganze Breite zwischen Zeitgeschichte und Steinzeit abgebildet. Themen aus der jüngeren Vergangenheit liegen näher, besonders die Nazizeit. Die alten Römer sind aber auch oft Thema, und an barocken Perückenträgern wie dem französischen Sonnenkönig oder August dem Starken mangelt es ebenfalls nicht. Das ist schön, schon weil es aus allen Epochen Interessantes zu erzählen und zu zeigen gibt.

Es sieht auch alles ähnlich aus und klingt ähnlich. Die Tonebene prägt die Filme. So wie dröhnende Musik Schnitt und Kamerabewegungen bestimmt, gibt der meist allwissende Kommentar in raunendem Tonfall (für den gerne Hollywoodstar-Synchronsprecher angeheuert werden) vor, was zu sehen ist. Oft handelt es sich um Reenactments – von heutigen Darstellern in Original-Ambiente nachgestellte Szenen. Als Live-Ereignis an geschichstträchtigen Orten entfaltet so etwa Wirkung (über die auch diskutiert werden kann). Im Fernsehen erinnert es vor allem an Spielfilme, aber an keine guten.

Wie Stummfilmschauspieler

Wenn in Römer-/Germanen-Dokus vorwiegend Kleindarsteller in zeitgenössischen Rüstungen und auf Pferden zu sehen sind, wie in "MrWissen2go – Die Varusschlacht", ist das in Ordnung. Viel Bildmaterial liegt aus dem ersten Jahrhundert nach Christus nicht vor, bewegtes schon gar nicht. Vermutlich wurde niemand neu ausstaffiert, sondern ins mit Reenactments prallvolle Archiv gegriffen.

Doch wenn in es in "Das Duell der Raketenmänner" zu ungefähr demselben Soundtrack um Wernher von Braun geht – braucht es dann einen Schauspieler, der beim Raketenerfinden verbissen dreinblickt, während rasch ein schwarzweißer Nazi-Aufmarsch überblendet wird? Meist reden die Reenactment-Akteure nicht bzw. sind wegen Offkommentar und Musik nicht zu hören. Sie agieren eher wie Stummfilmschauspieler, sollen sich also um umso ausdrucksstärkere Blicke bemühen. Wenn Darsteller mit großen Namen spielen und Dialoge bekommen, wie 2018 Sylvester Groth als Kaiser Wilhelm II., macht es die Sache kaum besser.

Gewiss war der Kaiser-Schnurrbart authentisch gezwirbelt, so wie Kleidung, Waffen und übrige Utensilien (wie die Schreibmaschine, auf die der von Braun-Darsteller tippt ...) epochenecht anmuten, obwohl sich das selten gründlich ansehen lässt. Die Filme sind mindestens so schnell geschnitten wie übliche Krimis, was es wiederum erleichtert, computergenerierte Hintergründe und Übersichtsaufnahmen reinzumontieren. Zurzeit fahren Geschichts-Dokus eine audiovisuelle Überwältigungsstrategie. Alles Zweidimensionale, Fotos und Landkarten, werden mit 3-D-Effekten aufgepeppt. Mit den größten Anteil am Materialmix haben Spielfilm-artige, von Regisseuren mit Darstellern inszenierte Szenen. Das kann unterhaltsam sein, hat mit Dokumentation aber wenig zu tun hat.

Wenn es nicht dröhnt

Rein "dokumentarisches" Material gibt es natürlich nicht. Niemals sind Filmaufnahmen "objektiv", schon weil Kameras immer ausblenden, was sie nicht zeigen wollen. Gerade anhand des vielfältig erhaltenen Propaganda-Bildmaterials der Nazizeit wurde darüber einst auf hohem Niveau gestritten. So wird der dokumentarische "Hitler"-Kinofilm des "FAZ"-Herausgebers Joachim Fest aus den 1970ern praktisch nicht mehr gezeigt, nachdem er scharf kritisiert wurde. Allerdings sind Dokumentarfilme des französischen Regisseurs Claude Lanzmann, der auf Archivbilder konsequent verzichtete, kaum häufiger zu sehen, obwohl Nazizeit-Dokus durch die Programme rotieren. Weil sie den vermeintlichen Sehgewohnheiten nicht entsprechen, also die Sender ihrem Publikum nicht mehr zutrauen, dranzubleiben, wenn auf dem Bildschirm nichts dröhnt?

Epochen der Vergangenheit unterscheiden sich nicht zuletzt dadurch, dass aus unterschiedlichen Zeiten völlig unterschiedliche Zeugnisse erhalten sind. Welche Bilder es noch gibt und warum sie zeigen, was sie zeigen (und was nicht), gehört zur Geschichte dazu. Und fast immer ist das, was erhalten ist, bei genauer Betrachtung aufschlussreich  – Bauwerke besonders, wenn man sie von oben zeigen kann, Waffen, weitere Gebrauchsgegenstände und ihre Ornamente, Bilder römischer Kaiser oder barocker Perückenträger auf Münzen, Bücher und die Illustrationen darin und natürlich Kunstwerke. Solch genaues Betrachten ist in Museen oder auch Kirchen (die oft voller alter Kunstwerke stecken) schwierig, da die Objekte klein sind und hinter Glas geschützt oder sich nicht auf Augenhöhe befinden. Was heißt: Gute Kameras können sie besser und jedes Detail größer und ideal ausgeleuchtet zeigen.

Auf vielen christlichen mittelalterlichen Bildern tummeln sich, nicht nur am Scheideweg zwischen Himmel und Hölle, Dämonen (wie z.B. hier, im Internetauftritt des Kölner Wallraf-Museums), die sowohl viel über ihre Entstehungszeit aussagen als auch an heutige Fantasy-Gestalten anknüpfen. Die sind aber selbst in Geschichtsdokus zum Thema Kirche nur kurz zu sehen, weil auch die vorzugsweise entschlossen dreinblickende Kleindarsteller in Mönchskutten mit Tonsur-Frisuren, Schlachtengetümmel oder wenigstens Kutschfahrten zeigen.

Mehr Purismus für den Journalismus hatte ich, eher rhetorisch, neulich hier gefordert. Mindestens so wichtig wäre er in Geschichts-Dokus. Der ungebremste Einsatz von Reenactments, der sich in den späten 2010er Jahren eingebürgert hat, zeugt von schockierend geringem Vertrauen ins Publikum. Und er unterminiert die Glaubwürdigkeit der dokumentarischen Genres, ganz besonders bei öffentlich-rechtlichen Sendern. Außerdem: Dokumentationen ohne nachgestellte Spielszenen zu produzieren, muss Sender ja nicht davon abhalten, außerdem aufwändige historische Spielfilme oder Serien zu drehen (vielleicht anstelle einiger Krimis). Gute Historienfilme zu drehen ist ohnehin nichts, das sich billig nebenbei erledigen lässt, sondern eine Kunst. Netflix hat übrigens eine deutsche Serie über Römer und Germanen angekündigt.

 

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