Medienkolumne

Medienjournalist Christian Bartels wirft jede Woche einen ausgeruhten Blick auf die deutsche Medienlandschaft.

Altigkeiten in neuen Formen

Altigkeiten in neuen Formen
Das Internet ist nützlich, um neue Nachrichten zu verfolgen. Vieles ältere ist aber ebenfalls verfügbar – und spannend. Zum Beispiel: "Montageromane" über die junge BRD und ihre Kunstszene, ehemalige Bergwerke in 360 Grad, Orgeln zu hören (oder spielen).

Das Netz enthält alle Medien, gibt ihnen den Takt vor und wird selbst von Neuigkeiten getrieben. Newsfeeds und Timelines aktualisieren sich pausenlos, Nachrichtenportale zeigen möglichst oft andere Schlagzeilen an und kommen locker auf über 130 am Tag. Zugleich gehört tendenziell alles, was die Menschheit bisher produziert hat, ebenfalls zum Internet. So etwas war hier schon manchmal Thema (als es etwa um Bücher ging, deren Autoren seit mindestens 70 Jahren tot sind, oder ums "Filmerbe" – wobei Filme angesichts der unglaublichen Menge an neuen Produktionen schnell altern). Genug Aufmerksamkeit, um Trends zu setzen und im Newsfeed oben mitzuschwimmen, erzeugen solche "Altigkeiten" selten. Doch in neuen, oft technisch guten Internetangeboten werden auch sie gebündelt.

Das zeigt sich, unter vielem anderen, auch im Feld der 28 Nominierungen für den Grimme Online Award/ GOA, der kommende Woche vergeben werden wird. [Offenlegung: Ich war Mitglied der Nominierungskommission]. Zum Beispiel beim "Stadtlexikon Stuttgart". Das basiert auf einem aktuellen Stadtplan, hat alte Karten aber auch auf Lager und markiert Punkte im Stadtgebiet, für die sich jemand interessieren könnte. Sie erscheinen aber nur Nutzern, die nach den Themen suchen. "Wir haben lange überlegt, wie heutzutage ... Zugang zu historischem Wissen erfolgen kann, sodass es Vergnügen macht, aber die dargebotenen Informationen fundiert sind. ... Dann hat es Klick gemacht, denn wir konnten die Stadtkarte mit der Idee des Lexikons verknüpfen", sagte die stellvertretende Stadtarchivs-Leiterin Katharina Ernst zum GOA-Blog "quergewebt".

Hegel und "Stuttgart 21"

Ob man nach Spuren des 1770 in Stuttgart geborenen, noch immer wichtigen Philosophen Hegel sucht, nach Künstlern wie Oskar Schlemmer oder nach Bauwerken wie dem eigentlich schönen Hauptbahnhof, dessen ausufernder Umbau unter ökologischen wie ökomonischen Aspekten überregional Negativschlagzeilen macht – es funktioniert ziemlich gut. Bloß zum Neckartor, das als Stadttor längst nicht mehr steht, als Inbegriff für Feinstaubmessungen aber deutschlandweit bekannt ist, findet sich noch wenig. Doch kann so eine interaktive Stadtkarte ohnehin nie fertig sein. Gerade seiner modularen Erweiterbarkeit wegen könnte das Prinzip ein gutes Muster für andere Orte und Regionen sein, würde ich sagen. [Noch eine Offenlegung: Ich reise viel in Deutschland und blogge manchmal dazu.]

Ein anderes Beispiel fürs digitale Erschließen interessanter Vergangenheiten bietet das online rührige und – auch daher – erfolgreiche Städel-Museum. Die Frankfurter gewannen schon 2015 für ein "Digitorial "zu einer Claude-Monet-Ausstellung einen GOA und sind nun mit "Café Deutschland" nominiert. Das Oral-History-Projekt stellt anhand von 75 mit Kunst befassten Menschen zwischen, nur zum Beispiel, Gerhard Richter und Christa Dichgans, die "erste Kunstszene der BRD" vor. Das geschieht nicht allein durch Gespräche in Form von Videos und Audios, sondern auch in der eines "Montageromans", in dem sich Berichte "ergänzen, überlagern und widersprechen". Der Ansatz bietet also sehr viele individuelle Möglichkeiten, ins Thema einzusteigen.

Und dass diese Möglichkeiten voraussichtlich in den kommenden Jahrzehnten erhalten bleiben werden, wenn die naturgemäß betagten Künstler nicht mehr leben werden, aber ihre Kunst mit der aller übrigen Epochen um Ausstellungsflächen konkurrieren wird, trägt zum Wert solcher Projekte bei.

Bergwerk und Blautopf

Was nicht mehr in der Form erhalten ist, in der es fast zwei Jahrhunderte bestand, seit im Dezember in Bottrop das letzte aktive Bergwerk schloss: deutschen Steinkohle-Bergbau. Das war 2018 ein recht großes Medien-Thema, vor allem in Nordrhein-Westfalen. Der WDR, der bereits allerhand unterschiedliche Produktionen zu Themen in 360-Grad und Virtual Reality (VR) herstellte und mit dom360.wdr.de einen GOA gewann, hat dazu glueckauf.wdr.de ins Netz gestellt. Wie schwierig die Produktionsbedingungen waren ("Selbst die eigene Unterhose war unter Tage tabu. Darin eventuell enthaltene Synthetikfasern hätten durch Reibung einen Funkenflug und in der Folge eine Methangasexplosion auslösen können"), erzählen die Macher gerne im "quergewebt"-Gespräch.

Sinnvoller als wenn ARD-"Tagesthemen"-Moderator Ingo Zamperoni in ebenfalls authentischer Kleidung tief unter der Erde mit dem häufig befragten NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet ein weiteres Interview führt (hier, bei 13:20), das er genauso gut auf der Erdoberfläche hatte führen (oder, was den Neuigkeitswert angeht, auch hätte bleiben lassen) können, ist das jedenfalls.

Orte, die aus Gründen des Denkmal- oder Naturschutzes oder des praktischen Tourismus (da sich der Kölner Dom nun mal nur gemeinsam mit jeder Menge Besucher angucken lässt und jedem dabei viele Details entgehen) nicht oder begrenzt zugänglich sind, digital zu öffnen, ist im besten Sinne nachhaltig. Und wird oft getan. So VR-filmte der SWR die Blautopf-Höhlen unter der Schwäbischen Alb. Und der Naturschutzbund Deutschland gab die "deutschlandweit erste virtuellen Unterwasser-Realität zu einem heimischen Meer" in Auftrag. Wie gut das technisch funktioniert, hängt von den jeweiligen Geräten ab (und wie gerne man die zurzeit gängigen VR-Brillen aufsetzt, wäre ein weiteres Kapitel). Die technischen Entwicklungen laufen ja noch.

Grüne Ostsee, Schnitgers Orgeln

Immerhin erfordert die NABU-Seite kein teures, datenschutz-prekäres Gerät, sondern funktioniert mit preiswerten auch. Und gerade dann, wenn man lange genug auf Bildschirme geschaut hat, entfaltet das schöne Grün der Ostsee beruhigende Wirkung ...

Letztere beiden Projekte wurden in der Nomkomm diskutiert und kamen im dichten Feld der vielen guten Angebote (auch zu völlig anderen Themen) nicht durch. Was für ein eindrucksvoll vor allem zu hörendes Angebot auch gilt: Da vor 300 Jahren der Orgelbauer Arp Schnitger starb, läuft in Hamburg ein "Orgeljahr". Und die Webseite orgelstadt-hamburg.de stellt Schnitgers Leben und Wirken vor. Wie dort Orgelklänge, die zwar nicht so wie in den Kirchen klingen, in denen noch Schnitger-Orgeln stehen, die Raumklang-Faszination des Instruments aber selbst aus schlichten Bildschirm-Lautsprechern sofort spüren lassen (z.B. hier aus St. Jacobi in Hamburg), ist auch phänomenal. (Und am Rande: Auch "Play Arp" bezieht sich nicht auf einen Fußballspieler eines bekannten Zweitliga-Vereins von der Elbe, sondern auf Orgelspielen online ...).

All das also sind ein paar aktuelle Projekte, die den Bestand an "Altigkeiten" neu verfügbar machen. Womit sie natürlich in Aufmerksamkeits-Konkurrenz zu all den Neuigkeiten stehen. Es lohnt sich, auch in so was mal einzutauchen. Schon weil bei ziemlich vielem, das aktuell schnell und oft breit durchs Netz geht, sich hinterher häufig zeigt, dass es auch ausgereicht hätte, bloß eine kurze Meldung darüber zu lesen oder zu sehen (oder zu ignorieren).

 

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