Medienkolumne

Medienjournalist Christian Bartels wirft jede Woche einen ausgeruhten Blick auf die deutsche Medienlandschaft.

Kultureller Enthusiasmus!

Kultureller Enthusiasmus!
Das Internet füllt sich schon wieder mit noch mehr neuen Inhalten an: mit Filmklassikern on Demand à la française. Sich online um "Filmerbe" zu kümmern, ist eine erstaunlich gute Idee.

Internet-Enthusiasmus ist nicht mehr sehr verbreitet in Deutschland, ganz besonders, wenn es um Kultur geht. Am vergangenen Sonntag jedoch wurde mitten in Berlin kultureller Enthusiasmus versprüht – von Franzosen. Am Rande der Berlinale stellten die Regisseure Laurent Cantet und Cédric Klapisch die von ihnen mit-gegründete "Cinémathèque des Réalisateurs" vor. Um "die großen Filmklassiker des 20 Jahrhunderts" geht es dabei. "Menschen, die alte Filme sehen, sind glücklich", sagte Klapisch ("…und jeder sucht sein Kätzchen"). Ihm und seinen Partnern sei "ein Manko für junge Leute, die Klassiker sehen wollen", aufgefallen. Daher hätten sie die Cinémathèque, online abgekürzt lacinetek.com, initiiert. "Wir dachten erst, es ist eine Nische", doch die Klassiker der Literatur – Goethe und Molière nannte Klepisch schwärmerisch – seien ja auch keine Nische. Hm, gibt es in Deutschland jemanden, Staatstheater-Intendanten vielleicht ausgenommen, der Medieninhalte von Goethe und Molière nicht für nischig hält?

"Wir konnten alle, die mit unserer kulturellen Vergangenheit zu tun haben, leicht überzeugen", ergänzte sein Partner Cantet und zählte eine Reihe von Sponsoren und Förderern zwischen dem Centre Pompidou und der Europäischen Kommission (die mit komplizierten Initiativen wie "MEDIA" länderübergreifende Projekte fördert, auch wenn in Deutschland wenig davon zu spüren ist). Klapisch hat einen Werbefilm (Youtube) gedreht, in dem junge Leute ungefähr mit dem Enthusiasmus, mit dem in deutscher Werbung in online bestellbares Fast-food gebissen wird, via Messenger und Smartphones diskutieren, ob sie einen Klassiker von Hitchcock ansehen wollen. Schließlich landen sie, gemeinsam, vor Jean-Luc Godards "A bout de souffle" ("Außer Atem").

In Deutschland, wo der "Junge" oder "Neue Deutsche Film" der 1960er und 1970er Jahre seit den 1980ern für so langweilig und irrelevant gehalten wird wie die einst jungen Wilden (auch nicht ganz zurecht) die der Filme 1950er Jahre fanden und der Begriff "Filmerbe" wenn, dann abschreckend wirkt, kaum vorstellbar. Dennoch startete das nichtkommerziell angelegte Projekt als lacinetek.de nun auch hierzulande.

"Neun Leben hat die Katze"

Die Original-Cinetek bietet eine imposante Liste von mehr als 1.000 Filmen zu günstigen Abo-Preisen an. Zum Konzept gehören "Kuratoren" – aktuell aktive Regisseure wie Costa-Gavras, Aki Kaurismäki und die Brüder Dardenne, die eigene Lieblings-Klassiker zusammenzustellen und so dafür sorgen, dass der Bestand laufend erweitert wird. Als solch ein Kurator wirkte auch Wim Wenders, der ebenfalls auf dem Berliner Podium saß. "Als ich jung war, war die Institution, die mein Leben am meisten beeinflusst hat, die Cinémathèque française", sagte er. Er sei nach Paris gereist, um Filme zu sehen, die es nur dort zu sehen gab. "Das war das analoge Zeitalter". Im digitalen Zeitalter habe er dann gehofft, dass nun "die Filmgeschichte zu allen kommt". Der Traum hatte sich nicht im geringsten erfüllt – bis jetzt.

Allerdings ist das Angebot in Deutschland, noch, sehr überschaubar. In dieser Woche sind genau sechs Filme deutscher Regisseurinnen aus der aktuellen Berlinale-Retrospektive verfügbar, etwa "Neun Leben hat die Katze" von Ula Stöckl. Preiswerte Abos werden demzufolge noch nicht angeboten, sondern die Möglichkeit, "einzelne Filme zu einem Preis ab 2,99 Euro als Stream zu leihen oder ab 7,99 Euro als Download zu erwerben". Und wie immer im Internet sind das Anmelden und erst recht weitere Transaktionen, abhängig von Geräten, Betriebssystemen und Browsern, schwierig. Die Nutzererfahrung enthält Luft nach oben. Ich konnte dennoch ohne zu große Probleme einen Film ansehen: "Tue recht und scheue niemand - Das Leben der Gerda Siepenbrink" von Jutta Brückner.

Der Film besteht auf der Bildebene ausschließlich aus Schwarzweißfotografien, oft von August Sander. In einer Collage mit unterschiedlichen Audio-Elementen, vor allem der Stimme der Mutter der Regisseurin, wird ein Frauenleben im 20. Jahrhundert dokumentarisch erzählt. Oder doch nicht ganz dokumentarisch? Das Ganze funktioniert trotz scheinbarer Sprödigkeit über seine gut einstündige Dauer soghaft. Es entstand 1975 als "Kleines Fernsehspiel"  des ZDF, zeigt sich am Ende. Was auch zeigt, dass das deutsche Fernsehen das "Filmerbe", an dessen Herstellung es oft beteiligt war, nicht pflegt, sondern sich lieber darauf beschränkt, seinen unglaublichen Ausstoß an neuen Gebrauchs-Fernsehfilmen meistens aus dem Krimi-Genre durch möglichst viele Wiederholungen in möglichst vielen Kanälen möglichst rationell zu verwerten. "Frankreich ist ein so viel besseres Filmland", sagte Jutta Brückner auf der Berliner Pressekonferenz. Und erzählte eine aufschlussreiche Anekdote von einem internationalen Filmfestival, auf dem eine junge deutsche Regisseurin nach ihren Bezügen zu ihr, die ebenfalls eingeladen war, gefragt worden sei – den Namen Jutta Brückner aber gar nicht gekannt habe.

Bis Mai rund 500 Filme

Der Filmbestand bei lacinetek.de soll schnell steigen. Gut 500 Filme peilt der deutsche Projektleiter Andreas Wildfang in einem Vierteljahr bereits an. Eigentlich gelten digitale Rechtefragen bei älteren Filmen als enorm kompliziert. DVD-Veröffentlichungen scheiterten häufig daran, dass Anbieter die zeitraubende Rechteklärung angesichts sowieso nicht großer Renditeerwartungen scheuten. Was lacinetek.de helfen könnte, ist ausgerechnet das bisherige deutsche Desinteresse an Filmklassikern. Viele Rechte gehörten ursprünglich dem "Filmverlag der Autoren", einer 1970er-Jahre-Gründung von Regisseuren (und Autoren, schließlich war damals der Begriff "Autorenfilm" en vogue) wie Wenders, Hark Bohm und Hans W. Geissendörfer, dem Produzenten der "Lindenstraße". Im Zuge der ersten, sehr kurzen Internet-Euphorie ums Jahr 2000 herum kaufte die durch einen Börsengang schnell reich gewordene "Kinowelt" der Brüder Kölmel den stets krisengeschüttelten Filmverlag. Nach der ähnlich schnell folgenden Pleite landeten alle Rechte bei der Studiocanal GmbH – die ihren Namen trägt, weil sie zum französischen Pay-TV-Konzern  Canal+ gehört. Und der zählt in seinem filmbewussten Stammland natürlich zu den Sponsoren der Cinetheque.

Auch US-amerikanische Filmstudios, die das französische Filmerbe-Bewusstsein respektieren (schon weil das wiederum die Produktionen der Studios hochhält), wollen kooperieren. Und die Berliner Kinemathek, die als deutsche Partner-Institution fungiert, hält selbst Verleihrechte an "über 20.000 Filmen". Es handelt sich natürlich um nischige Filme. Aber selbst kleinste Nischen angemessen bedienen zu können, zählte ja zu kulturellen Versprechen des Internet.

Gut möglich also, dass in der deutschen Cinetek eine nennenswerte Anzahl an Filmen zusammenkommt. Und gut wäre es, wenn zum längst unüberschaubaren Angebot an Internet-Inhalten neben allem Neuen, das Ausmaß pausenlos neu einläuft, auch ein paar hundert oder tausend relative Klassiker des letzten Jahrhunderts gehören, die ein Entdecken oder Wieder-Sehen lohnen.

 

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