Übrige Zeit ruft Echtzeit

Das Internet wächst und wächst, nicht nur um jede Menge neue Videos, Artikel und alles, was in sozialen Medien gepostet wird. Sondern zum Beispiel auch um Romane von Tolstoi, Bestseller von Hans Fallada und Gedichte von Paul Gerhardt – dank des "Projekt Gutenberg-DE".

"Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit" heißt ein Spielfilm Alexander Kluges aus der auch schon tieferen Vergangenheit der 1980er Jahre. Sein Titel jedoch klingt noch viel aktueller als er damals sein konnte. Inzwischen bedeutet Gegenwart ja vor allem Echtzeit. Wer sich bei Twitter, Facebook oder anderen sogenannten sozialen Medien eine halbwegs gut sortierte "Timeline" eingerichtet hat und ein paar der laufend neu empfohlenen Videos und Artikel aufruft, ab und zu selbst etwas postet und darüber (oder über anderes) diskutiert, kann ohne weiteres mehrere Stunden oder einen Arbeitstag allein mit dem verbringen, was neu einläuft. Zurückzuschauen ist überhaupt nicht nötig; für andere Mediennutzung – etwa eine in der Nacht davor gedruckte Zeitung oder ein Buch zu lesen – bleibt wenig Zeit. Die Echtzeit frisst die übrige Zeit auf: Das ist ein ziemlich zentrales Merkmal der Gegenwart. Das hat Schnelligkeits-Vorteile, ist unter anderen Aspekten aber auch schade. Etwa, weil zu den Vorzügen des Internets eigentlich auch gehört, dass so gut wie alles Überlieferte aus allen übrigen Epochen (also den frühereren, der Zukunft bislang noch nicht ...)  besser zugänglich denn je ist.

Wo rund 50 ältere Bücher pro Monat neu im Netz erscheinen: bei "Projekt Gutenberg-DE". Wer dort die aktuellsten Neuerscheinungen überfliegt, stößt zum Beispiel auf Lew Tolstoi, auf den Arzt und Schriftsteller Ernst Weiß, der sich 1940 am Tag nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Paris das Leben nahm, und auf Felix Dahn (dessen Völkerwanderungs-Roman "Kampf um Rom" vor einem halben Jahrundert Robert Siodmak für Atze Brauner verfilmte). Paul Gerhardt, der im 17. Jahrhundert lebte und vor allem aus dem Evangelischen Gesangbuch noch bekannt ist, ist mit Gedichten vertreten, und mit Helene Böhlau auch eine Schriftstellerin.

"Neuer Lesestoff 1000 Meilen entfernt"

Insgesamt sind beim nach eigenen Angaben "größten Online-Literaturarchiv in deutscher Sprache" noch nicht ganz 10.000 Werke von derzeit 1939 Autoren zwischen Edmond About (dessen Name französisch ausgesprochen werden müsste) bis zu Stefan Zweig kostenlos zu haben. Gemeinsam ist den Autoren, bedingt durchs deutsche Urheberrecht, nur eines: Seit mindestens 70 Jahren müssen sie tot sein. Bei nicht auf Deutsch geschriebenen Werken gilt das außerdem für die Übersetzer, und für Grafiker, die Illustrationen anfertigten, gilt es auch.

Wer den Überblick hat und den Anspruch, im Monat 50 neue Titel online zu stellen: Hella Reuters, Inhaberin von Hille & Partner, die hinter dem Projekt steht. Wie es entstand? "Mitte der 1990er Jahre hatte Gunter Hille am Informatik-Institut der Uni Hamburg die Idee, gemeinfreie Texte ins noch junge Internet zu stellen. Am Anfang haben wir draufgezahlt: Jeder Abruf kostete 1 DM. Wir waren froh, als dann AOL die Texte auf seine Server nahm", erzählt sie. Nachdem AOL, das es als Internetzugangs-Anbieter ja längst nicht mehr gibt, übernahm Spiegel Online die digitalisierten Texte. Es beherbergt sie bis heute.

Die Idee zur Literatur-Digitalisierung hatte Hille auf einer Weltreise per Segelboot gehabt, "als er wegen eines Orkans auf Neuguinea festlag, alle mitgebrachten Bücher schon zweimal gelesen hatte, und neuer Lesestoff 1000 Meilen entfernt war", heißt es. Er starb 2015. Heute sitzt Hille & Partner in einem Büro in Harmburg-Barmbek, das vor allem viele antiquarische Bücher enthält. Überwiegend sind sie in Folien verpackt. Schließlich wurden sie aufgetrennt und der Einband abgeschnitten. Jede Seite einzeln einzuscannen, ist Arbeitsalltag bei "Projekt Gutenberg-DE", den Hella Reuters mit einem Mitarbeiter erledigt. Ein leistungsfähiger Scanner, der etwa 13.000 Euro teuer wäre, ist "unser Arbeitspferd", sagt sie. So wie die eher noch teurere OCR-Software wird er von (hier, unten, genannten) Sponsoren zur Verfügung gestellt.

Scans, die kein menschliches Auge sah?

OCR steht für "Optical Character Recognition", ein Programm, das die Bilder von Buchstaben in Text verwandelt. Vor allem muss die Software Frakturschrift beherrschen, in der die meisten deutschen Bücher bis in die 1940er Jahre gedruckt waren. Dennoch ist zur Fehlervermeidung Gegenlesen erforderlich, also der Vergleich der eingescannten Bilder mit dem daraus ausgelesenen Textkörper. Das übernehmen freiwillige Deutschsprachige in aller Welt.

"Nur bei einer kommerziellen Nutzung, möchten wir an den Einnahmen beteiligt werden", sagt Hella Reuters, "schließlich tragen wir die Kosten der Digitalisierung". Daher betreibt das Projekt einen Online-Shop, in dem sich gedruckte Bücher etwa mit "Nesthäkchen" oder den "Vater und Sohn"-Bildgeschichten des 1944 hingerichteten E.O. Plauen, und "100 erotische Klassiker" auf CD-ROM bestellen lassen. Außerdem lassen sich die bei SPON im Internetbrowser-Format XML angezeigten Werke im epub-Dateiformat erwerben. (Wobei es aber auch den "Gutenberg ePub Generator" auf epub2go.eu gibt, der Datensätze automatisch ins für E-Book-Reader geeignete Dateiformat umwandelt.)

So jedenfalls kommen Einnahmen zusammen, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Und der Aufwand, den das Projekt betreibt, ist groß. Beim Scannen umso aufwändiger sind Titel mit vielen Illustrationen wie "Brehms Tierleben". Außerdem wird bereits "auf Vorrat" gearbeitet: Werke Thomas und Heinrich Manns, Alfred Döblins und Hermann Hesses sind bereits eingescannt, obwohl sie erst in den kommenden Jahrzehnten gemeinfrei werden.

Ein großes Geschäft ist das Veröffentlichen gemeinfreier Werke gewiss nicht, und Konkurrenz gibt es natürlich. Schließlich kann jeder gemeinfreie Werke veröffentlichen. Verwechselt wird das Hamburger Projekt manchmal mit dem älteren, US-amerikanischen "Project Gutenberg", das auf gutenberg.org ebenfalls deutschsprachige Werke anbietet – seit März allerdings vorerst nicht mehr für Computer, die aus Deutschland zugreifen wollen. Das ist die Reaktion auf ein Frankfurter Gerichtsurteil, in dem es um Werke Döblins und der Manns ging, die in den USA mit ihrem anderen Urheberrecht bereits jetzt nicht mehr geschützt sind. Der "weltweit umfassendste Index für Volltextbücher" ist dagegen, nach eigenen Angaben, "Google Books". "Bei manchen dieser Scans hat niemals ein menschliches Auge draufgeschaut", sagt Hella Reuters dazu, "die Bücher bei uns sollen die Leute bitte lesen."

2019 neu: Alfred Kerr, Karl Valentin

"Das Problem ist, dass das Lesen von längeren Texten außer Mode gerät", meint sie, die keine Internet-Enthusiastin ist: "Jede digitale Information lässt sich problemlos verändern. Insofern kann man sich aufs Internet als Wissensspeicher überhaupt nicht verlassen." Dabei erinnert sie an Texte, die sie einst fürs Programmheft des Hamburger "Abaton"-Kinos geschrieben hat und auf Disketten speicherte, mit denen heutige Computern überhaupt nichts mehr anfangen können.

Wobei das "Abaton"-Programmheft noch immer besteht und heutzutage auch (als PDF) ins Netz gestellt wird. Das Internet wächst eben exponentiell um Inhalte aller Art, die zumindest Menschen niemals mehr werden überblicken können. Dass Youtube "Hunderte Jahre am Tag" Videomaterial scannt, ist eine der krassesten Kennziffern dafür (und wer den eingangs erwähnten Kluge-Film dort sucht, findet ihn derzeit übrigens auch). Wenn zu all dem auch ältere Literatur sowie Sach- und Fachbücher kommen, die in anderer Form oft gar nicht mehr erhältlich sind (und wenn doch, sehr schwer wären), so dass jeder Interessierte sich ein paar davon auf seine Geräte laden und, wenn's passt, reinlesen kann statt ausschließlich laufenden Echtzeit-Diskussionen zu folgen, an die sich in der kommenden Woche auch niemand mehr erinnern wird, ist das eine gute Sache.  

Und Beispiele für Brisanz, die vor mindestens 70 Jahren verstorbene Autoren entfalten, gibt es. So avancierte Hans Fallada in den 2010er Jahren international und "besonders auf dem anglo-amerikanischen Buchmarkt" (ndr.de) zum Bestseller-Autor. Weil er 1947 starb, ist praktisch sein gesamtes Werk online gratis verfügbar. Wer ihm, weil 1949 gestorben, 2019 unter anderem zur Seite treten wird: der französische Literaturnobelpreisträger Romain Rolland, Alfred Kerr und Karl Valentin.