Medienkolumne

Medienjournalist Christian Bartels wirft jede Woche einen ausgeruhten Blick auf die deutsche Medienlandschaft.

Besser, weil es anderswo schneller schlechter wurde

Besser, weil es anderswo schneller schlechter wurde
Die neue "Rangliste der Pressefreiheit" stößt auch auf Kritik. Auf der re:publica in Berlin ging es unter anderem darum, was ARD und ZDF in punkto "nicht-linearer Online-Logik" von Youtube lernen könnten.

Die neue Rangliste der Pressefreiheit (PDF) der "Reporter ohne Grenzen", deren deutsche Sektion 2019 25 Jahre alt wird, erschien im April. Sie fand das gewohnte, fürs Thema vergleichsweise große Echo – und stieß auch auf Kritik:

"Pressefreiheit wird damit scheinbar zu einem relativen Wert: Nicht allgemeine Kriterien machen mein Land zu einem, in dem die Medien wirklich frei sind, sondern der Vergleich mit anderen Ländern, in denen die Lage schlimmer ist",

ist nur einer der Vorwürfe, die  Lea Fauth bei uebermedien.de erhob. Er bezieht sich auf Deutschlands Rang in der Rangliste: Es "ist um zwei Plätze nach oben auf Rang 13 gerückt, was jedoch vor allem daran liegt, dass die Pressefreiheit in anderen Ländern stärker abnahm", zum Beispiel im benachbarten Österreich, das 2018 noch vor Deutschland stand, aber um fünf Plätze abrutschte (ROG-Mitteilung). Das führt zu tatsächlich schwierigen Fragen. Ist es positiv, wenn sich die eigene Position dadurch scheinbar verbessert, dass andere schneller absteigen? Oder führen Schlagzeilen à la "Deutschland steigt auf ..." in die Irre?

Klar ist die ROG-Rangliste eine auf die Informationsfluten der Internet-Ära zugeschnittene Idee, die dem Bedürfnis nach schnellem Überblick in Form von Top 5/10/100-Listen entspricht. Wer in der sich rasant weiterverändernden Medienlandschaft wirken will, muss vor allem: in den Info-Partikeln, die an sämtlichen Nutzern in immer mehr Kanälen so vorbeiströmen, dass auch die aufnahmewilligsten nur einen Bruchteil davon konzentriert wahrnehmen können, oft genug vorkommen, um insgesamt von möglichst vielen wahrgenommen zu werden. Und natürlich wären konkrete Verbesserungen von Missständen schöner als nach unten verrutsche Maßstäbe.

Solche Verbesserungen gab es 2018 ebenfalls. Nur zum Beispiel in Äthiopien, wo ein neuer Präsident "alle inhaftierten Medienschaffenden aus dem Gefängnis" entließ und "mehr als 200 Medien und Webseiten ..., die bis dahin blockiert waren", freigab, was sich in einem 40-Plätze-Sprung in der Rangliste äußerte. Über solche positiven Entwicklungen geben die ROG so detailliert Überblick wie kaum jemand sonst. Und dass sich in vielen Regionen, mitten in der EU wie in den USA (die gerade in Deutschland jahrzehntelang als Inbegriff sämtlicher westlicher Freiheiten galten), vieles verschlechtert, ist offenkundig. Das in schnell erschließbare Zahlen zu fassen, zeigt, dass Aufwärtsentwicklung kein Selbstläufer ist – auch wenn das in westlichen Bündnissen und in der lange vorherrschenden Internet-Euphorie so geschienen haben mag. Insofern denke ich: Die Rangliste ist trotz der Kritik sinnvoll. Sie ersetzt möglichst genaues Benennen von Problemen ja nicht, sondern ergänzt es. Nur den Eindruck, dass rasche Blicke auf übersichtliches Zahlenmaterial Beschäftigung mit Hintergründen ersetzen können, darf niemand erwecken.

Alt genug heißt andererseits: zu alt

"tl;dr", also "too long, didn't read"/ "zu lang, hab's nicht gelesen", hieß die jüngste, just beendeten Ausgabe der re:publica. Diese Berliner Internetkonferenz wird auch jedes Jahr noch größer und unüberblickbarer. Ein interessanter Vortrag lässt sich hier auf Folien verfolgen. "Von Sender-Silos zum Öffentlich-rechtlichen Ökosystem" hieß er, wobei Leonhard Dobusch als "Text zum Vortragsthema" seinen Beitrag in "epd medien" empfahl. Dobusch ist das umtriebigste und inzwischen lässt sich fast sagen: auch bekannteste Mitglied des ZDF-Fernsehrats. Sein Text beschäftigt sich mit den öffentlich-rechtlichen Video-Plattformen im Internet (siehe auch diese Medienkolumne) und beginnt so:

"Zu den häufigsten Suchbegriffen, die in der Mediathek des ZDF eingegeben werden, zählt 'Tatort'. In der ... Mediathek der ARD wiederum ist Oliver Welkes 'Heute Show' unter den meistgesuchten Sendungen ..."

Was daran bemerkenswert ist, fällt vermutlich nur Menschen auf, die alt genug sind, um zu wissen, dass "Tatort" neben der "Tagesschau" das bekannteste Markenzeichen der ARD ist, wohingegen "heute" und also auch die "heute show" solche des ZDF sind. Wobei sich statt "alt genug" auch sagen ließe: Menschen, die zu alt sind, um zu wissen, wie gleichgültig solche Marken-/Sender-Strategien in der "nicht-linearen Online-Logik" gerade werden.

Zu einer "öffentlich-rechtlichen Auftragslogik" der Internet-Ära würde "die Etablierung eines vielfältigen und offenen öffentlich-rechtlichen Ökosystems" gehören, argumentiert Dobusch. Das sollte sich, wie es Youtube "über Empfehlungen und Autoplay von Folgevideos" tut, um "Netzwerkeffekte" bemühen. Und könnte das ja transparent statt manipulativ tun, etwa mit "Hinweisen auf alternative Einschätzungen zum selben Thema einer anderen Redaktion" oder durch "von Zuschauerinnen und Zuschauern kuratierte Playlists", ähnlich wie es das bei Spotify (dem einzigen kommerziell erfolgreichen europäischen Netzwerk-Konzern) gibt. Es stecken viele sehr konkrete Ideen in dem Text, wie sich das, was an Youtube und Co Kritik verdient, auf ergänzenden öffentlich-rechtlichen Plattformen besser machen ließe.

Zumal als Fernsehratsmitglied weiß Dobusch natürlich, was für gewaltige Hürden dem noch entgegen stehen. Zuallererst wohl, dass die ARD und ZDF sich gegenseitig als die größten Konkurrenten sehen (weil das Publikum, das alt genug ist, um diese Sender zu schauen, bzw. zu alt, um die Fülle der anderen Angebote lange zu nutzen, häufig zwischen den beiden Programmen wählt).

Aber Dobusch betreibt sein Bemühen, Verkrustungen in den Rundfunkanstalten aufzubrechen, auf vielen Kanälen bemerkenswert öffentlichkeitswirksam. Das von ihm und weiteren Wissenschaftlern verfasste Konzept für eine öffentlich-rechtliche "Internetintendanz", die mit der praktischen Umsetzung solcher Ideen beginnen könnte, veröffentlichte die "Medienkorrespondenz". Kontinuierlich aus dem Fernsehrat berichtet Dobusch im netzpolitik.org-Blog "Neues aus dem Fernsehrat", der gerade für den Grimme Online Award nominiert wurde [Offenlegung: woran ich als Nomkomm-Mitglied beteiligt war].

Und auf der, was den Angebotsumfang betrifft, sämtliche Dimensionen sprengenden Videoplattform Youtube ist er natürlich auch zu sehen. Noch nicht mit dem erwähnten re:publica-Vortrag, aber in einer Diskussionsrunde einer parallel stattfindenden Berliner Medienkonferenz, in der es auch wieder ums Thema ("Kommt Europas Super-Mediathek?") ging. Es wird eben alles immerzu in einem Ausmaß diskutiert, das auch die aufnahmewilligsten nur bruchstückhaft wahrnehmen können. Auch damit müssen alle umgehen.  

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