Medienkolumne

Medienjournalist Christian Bartels wirft jede Woche einen ausgeruhten Blick auf die deutsche Medienlandschaft.

Die Meinungsfreiheit der anderen

Die Meinungsfreiheit der anderen
Die deutschen "Reporter ohne Grenzen" setzen sich seit 25 Jahren mit vielen guten Ideen auf der Höhe der Zeit für essenzielle Ideen ein.

Ein Jubiläum dieses Jahres ist noch nicht sehr ins Bewusstsein gerückt und soll auch gar nicht ganz groß gefeiert werden: Die "Reporter ohne Grenzen" werden ein Vierteljahrhundert alt. Beziehungsweise ihre "organisatorisch und finanziell eigenständige" deutsche Sektion wird es; die internationale Organisation "Reporters sans frontières" mit Hauptsitz in Paris ist neun Jahre älter. In Berlin fand vor kurzem eine "Büroeinweihungsparty statt". Es war eng und sehr voll, obwohl die "ROG" in ein größeres Büro umgezogen sind. Und vor der Tür stand Security –  weil Can Dündar ein paar Grußworte sprach. Der türkische Journalist bleibt im Exil durch das türkische Regime, das ja auch in Deutschland Einfluss verfügt, bedroht. Was schon zeigt, wie viele Gründe es gibt, die ROG gut und wichtig zu finden.

Zu ihrem Jubiläum haben sie in ihrem Internetauftritt eine Chronik eingerichtet. Sie beginnt mit einem Foto, des 1991 in Kroatien von Scharfschützen erschossenen Reporters Egon Scotland. In den folgenden Jahren starben weitere deutsche Reporter in Kriegen, Jochen Piest in Tschetschenien, und Gabriel Grüner und Volker Krämer, ebenfalls vom "Stern", im Kosovo. Und die Geschichte der ROG begann mit dem Fotobuch "100 Fotos für die Pressefreiheit" als einer Finnazierungsquelle (das es in ähnlicher Form weiterhin gibt) und einem Schreibtisch im "taz"-Gebäude als erstem Büro.

Inzwischen arbeiten die rund 30 Mitarbeiter der ROG mit den RSF, wie die internationale Organisation nach der französischen Abkürzung heißt, und einem breiten Spektrum guter Ideen auf der Höhe der dynamischen Zeiten nicht mehr allein für Presse-, sondern Medienfreiheit. Früh haben sie das Thema "Internetfreiheit" erkannt, das mit klassischem Journalismus große  Schnittmengen hat, aber nicht identisch ist. Das internationales ROG-Projekt "Media Ownership Monitor" zeigt die Eigentumsverhältnisse an Medien in Staaten wie dem Libanon und Ägypten und – gerade unter Internetfreiheits-Aspekten wichtig – veröffentlicht sie auch "auf einem Tor-Server, um die Online-Zensur im Projektland zu umgehen". Schließlich ist der Zugang zum Netz in vielen Staaten keineswegs frei (wozu Internetkonzerne aus dem freien Westen ja gerne beitragen, wenn Rendite winkt).

Der Nutzen von "Kollateralschäden"

Unter dem Schlagwort "#CollateralFreedom" entsperren die RSF regelmäßig solche Online-Medien, die in den Staaten, an die sie sich vor allem richten, technisch gesperrt wurden. Das geschieht mit Hilfe von Hackern und auf "Cloud-Servern großer Anbieter", die Regierungen von Staaten wie Saudi-Arabien und China nur sperren könnten, "indem sie den gesamten jeweiligen Cloud-Server blockieren", was wiederum wirtschaftliche "Kollateralschäden" nach sich zöge. Daher der Name.

Die für die Reichweite in Deutschland erfolgreichste Idee ist die "Rangliste der Pressefreiheit" (PDF), die in jedem Frühjahr einen Nachrichtenanlass bildet, dem Bedürfnis nach schnellem Überblick in der Informationsflut entspricht und in so gut wie jeder Meldung über bestimmte Staaten ("... steht die Türkei auf 157. Stelle – von 180 Staaten") erneut vorkommt.

Natürlich gab und gibt es oft auch Kritik an den ROG/ RSF, ältere spiegelt etwa der Wikipedia-Eintrag. Es gibt sie auch deswegen, weil die Zahl der Informationskriege, die nicht nur (aber auch) von staatlichen Stellen geführt werden, steigt. Die Reporter setzen auf die bestmöglichen Gegenmittel: Transparenz, dezentrale Organisation und das Einfordern ihrer Ideale nach allen Seiten. Zum Beispiel, wie erwähnt, aktuell (auf englisch) gegenüber China, – das von europäischen Regierungen (aus dem auf einigen Ebenen einleuchtenden Grund drohender wirtschaftlicher Kollateralschäden) selten laut kritisiert wird.

Nachbarschaft mit Somalia

Ein aktuelles indivduelles Beispiel betrifft den deutschen Reporter Billy Six, der für weit rechts stehende Medien wie die "Junge Freiheit" arbeitet und außer Journalist zweifellos auch Aktivist ist (vgl. etwa Altpapier 2016). Nun saß er monatelang in Venezuela im Gefängnis. Ob seine Freilassung schließlich mit Hilfe der Bundesregierung erreicht wurde oder bloß mit der der AfD sowie Russlands, wie diese Partei behauptet, auch darum tobt Streit (Achtung, der Link führt zur "Jungen Freiheit"). Vermutlich haben für deutsche Diplomatie-Verhältnisse ungewöhnliche Verwicklungen nicht geholfen. Allerdings muss auch offenkundig diplomatisches Engagement der Bundesregierung sogar gegenüber Verbündeten nicht immer zu schnellen Erfolgen führen. Das hat der Fall Deniz Yücel bewiesen. Jedenfalls: Auch Journalisten, deren Meinung man nicht teilt, müssen frei arbeiten können und frei sein. Wer sich nachweislich früh und eindeutig für Six' Freilassung einsetzte, solange, bis sie erfolgte, und damit eine größere Öffentlichkeit überhaupt auf den Fall aufmerksam machte, waren die ROG. Die Meinungsfreiheit der anderen, die in vielen Auseinandersetzungen schnell unter den Tisch fällt, halten sie eben auch hoch.

An ihrem neuen Berliner Sitz haben sie Büros in zwei Stockwerken bezogen. Dazwischen sitzt ein anderer Mieter: die Botschaft der Bundesrepublik Somalia. Dieser ostafrikanische Staat ist auf der ROG/RSF-Pressefreiheits-Weltkarte schwarz eingefärbt, weil er auf Platz 168 von 180 zu den Staaten mit der geringsten Medienfreiheit überhaupt gehört. In der Potsdamer Straße in Berlin wird die Nachbarschaft wohl kaum zu Konflikten führen. Symbolisch könnte sie sozusagen erneut zeigen, wie viele gute Gründe es gibt, die ROG wichtig zu finden.

 

weitere Blogs

Zu lesen bei Ratlosigkeit
Eine Buzzfeed-Recherche über die kriminellen Methoden der Firma Ads Inc. zeigt, wie weit es mit der totalen Entgrenzung in unserer Welt schon ist.
Eine gezielte Veränderung der sexuellen Präferenz ist nicht möglich. Auch nicht durch Therapie. Trotzdem wehren sich Menschen aus dem christlich- fundamentalistischen Lager vehement gegen ein Verbot solcher pseudotherapeutischer Verfahren. Ihre Argumente bleiben dabei haltlos und verweisen vielmehr auf die pathologisch anmutenden Zustände in vielen ihrer eigenen Gemeinden.
So eine Bibel kann echt richtig gefährlich sein. Jedenfalls am Bodensee.