Medienkolumne

Medienjournalist Christian Bartels wirft jede Woche einen ausgeruhten Blick auf die deutsche Medienlandschaft.

Plattformen im Karpfenteich

Plattformen im Karpfenteich
Eigentlich ist klar: Im Internet machen die großen Fische große Geschäfte und kleine oft gar keine. Facebook und Google mit seinem Youtube haben das bewiesen, Netflix ist dabei. Dennoch schießen gerade merkwürdig viele kleine deutsche Video-Plattformen aus dem Boden.

Vor kurzem gelang dem ZDF eine echte kleine Überraschung. Unter zdfkultur, dem Namen eines 2016 eingestellten linearen Nischenfernsehsenders, gibt es jetzt nonlinear-online einen "digitalen Kulturraum". Über einiges an dieser Kulturplattform ließe sich streiten: wie sinnvoll es ist, das erste von sieben Ressorts "Reise/Genuss" zu nennen, oder ob Reihen wie "World's Best Design Bars" zu einem erweiterten Kulturbegriff passen. Immerhin verbrät das ZDF seine Kochshows nicht als "Kultur". Und Lukas-Cranach-Gemälde in einer "digitalen Kunsthalle" zugänglicher zu machen als sie bisher waren, ist eine sympathische öffentlich-rechtliche Idee.

"Insgesamt 35 Partner, darunter Kulturinstitute, Museen, Theater und Opernhäuser aus allen 16 Bundesländern" sind beteiligt. Ungefähr so was, eine "gemeinsame Medien- und Kulturplattform", in die neben öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern auch "die Portale von Verlagen und Kultureinrichtungen wie Universitäten, Museen" Inhalte einbringen können, hatte 2018 der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm vorgeschlagen. zdfkultur sei "etwas anderes", sagte ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler im "FAZ"-Interview (€), da es ja nicht europäisch ist. "Als nationaler Sender" konzentriere das ZDF sich "auf unsere Kulturprogramme und auf Partnerschaften mit relevanten Kulturinstitutionen". Was natürlich heißt, dass das ZDF lieber allein agiert, eigenen Inhalte verbreitet und sich dazu exklusive Partner sucht, und legitim ist (solange dafür nicht Kultur im engeren Sinne in den Fernsehprogrammen noch weiter zurückgedrängt wird).

"M" gibt's nicht in der "Megathek"

Gerade auch viel Aufmerksamkeit erregt die neue Serie "M – Eine Stadt sucht einen Mörder". Kultur ist's auch, schon weil das schwarzweiße Original aus der ganz frühen Tonfilmära in vielen Listen der besten deutschen Filme ganz oben steht. Kritiken machen gespannt, etwa im "Standard" (da es sich um eine primär österreichische Produktion handelt), aber auch in der "FAZ". Wie kann man das gucken? In Deutschland bei tvnow.de, dem neuen Streamingdienst von RTL. Für 4,99 Euro im Monat ließe sich dort allerhand ansehen. "Zu den Inhalten der Sender RTL, Vox" und ihrer vielen Schwestersender "gesellen sich zahlreiche Actionfilme, Liebesfilme, Kinderfilme und spannende, lustige, wie auch herzerwärmende Serien", neben solchen aus den USA wie "Grey's Anatomy" und der RTL-Gruppe wie "Alarm für Cobra 11" auch ZDF-Sendungen wie "Der Bergdoktor" und "Das Traumschiff", steht blass unten auf der Startseite. Dieses "TV Now" ist eine völlig andere, weniger kulturorientierte und großenteils kostenpflichtige weitere neue Plattform.

Falls wer nun ältere "Traumschiff"-Ausgaben sehen wollen sollte: Das ist überdies in der "Megathek" möglich. Dabei handelt es sich um ein "riesiges Angebot an kostenfreien Inhalten auf Abruf", das auch "Das Beste von ARD & ZDF" enthält. Das "kostenfrei" gilt allerdings nur für Kunden, die in bestimmten Tarifen Fernsehen und Internet über die Deutsche Telekom beziehen (z.B., wie diese in ihrem einmaligen Eigenwerbe-Sound sagen würde: "MagentaZuhauseGiga-Kunden"). Auch hier enthält die große Auswahl internationale Serien sowie mit "Deutsch-Les-Landes" bereits eine Eigenproduktion. Spezielle Angebote namens "ARD Plus" und "ZDF select" bieten mehr, nämlich noch ältere Inhalte als die frei online zugänglichen Mediatheken der Sender. Das kann man problematisch finden (vgl. Altpapier) oder gut: "Wenn hier und dort der Wunsch zu lesen ist, eine Art 'Deutschland-Plattform' zu schaffen, dann sind wir der so nah" wie niemand sonst, sagte der Telekom-TV-Chef im dwdl.de-Interview.

Die Regel des Plattform-Kapitalismus

Worauf er anspielte? Auf den erwähnten Wilhelm-ARD-Vorschlag und auf die "führende lokale Streaming-Plattform für Deutschland", die ProSiebenSat.1 und sein US-amerikanischer Partners Discovery/ Eurosport im Juni ankündigten –  inklusive "Einladung an RTL, ARD und ZDF, sich anzuschließen". Inzwischen gibt es auch 7tv.de. Fertig ist diese Plattform noch nicht. Angeschlossen hat sich, scheint es, sonst niemand. Rasch ein kurzer Blick aufs Angebot, das freilich nicht ideal überblickbar ist (weil, genau wie bei tvnow.de, alle mit "Der", "Die" oder "Das" beginnenden Titel unter "D" eingeordnet sind): Sendungen wie "Hellfire Heroes" und "Trucker Babes" dürften vorläufig auch in den weitesten Kulturbegriff nicht passen. "Das Traumschiff" fehlt, aber "Grey's Anatomy" ist dabei, wie bei RTLs tvnow.de. Ein Unterschied: Diese Plattform soll ausschließlich werbefinanziert und damit für Nutzer kostenlos funktionieren. Sie erfordert nur eine Registrierung. Noch weitere Plattformen werden dazu kommen, etwa die "führende unabhängige audiovisuelle Inhalteplattform" für die der US-amerikanische Finanzinvestor KKR gerade kleinere deutsche Unternehmen, die ebenfalls Film- und Fernsehrechte besitzen, aufkauft.

Plattformen schießen also aus dem Boden, dass es eigentlich jetzt schon zu viele sind (ohne die Pläne globaler Akteure wie Apple und des groß gewordenen Disney-Konzerns überhaupt erwähnt zu haben). Die Idee leuchtet jeweils ein: Wer viele Rechte an sehr vielen Videos besitzt und sie alle zum Abruf anbietet, kann damit ein paar Euros einnehmen. Dass die Öffentlich-Rechtlichen alte "Traumschiff"-Folgen, die sie nicht in ihren Mediatheken zeigen dürfen (wobei neue Folgen mit gut sechs Stunden Gesamtdauer dort natürlich schon zu haben sind ...), weiterlizensieren und so Einnahmen erzielen, doe "die Gebührenzahler zu entlasten", wie es heißt, schadet nichts. Zumal sich alter "Traumschiff"-Stoff auch bei Youtube gucken ließe.

Bloß wäre es absurd anzunehmen, dass viele deutsche Nutzer all die Plattformen oft aufsuchen und sich den unterschiedlichen Anmelde-Prozeduren unterziehen werden, selbst es kein Geld kostet. Die wesentliche Regel des Plattform-Kapitalismus lautet, dass es mittelfristig immer nur eine Plattform geben wird. StudiVZ und MySpace, das einst der durchsetzungsfähige Medienmogul Rupert Murdoch besaß, zeugen davon. Facebook und Youtube mit ihren vermeintlich kostenlosen Diensten und Milliarden Nutzern sind längst konkurrenzlos. Wer von Suchmaschinen im Plural spricht, ist Idealist.

Alles von Cranach bis zu neuen Serien

Darauf zielten ProsiebenSat.1 und Ulrich Wilhelm ab, als sie zur Bildung gemeinsamer Plattformen aufriefen (sicher nicht ohne Hintergedanken, mit ihren Sendern davon besonders zu profitieren). Nun passiert das Gegenteil. Alle machen eigene Plattförmchen auf. Gewiss haben alle ihre Reize – 7tv.de Eurosports Fußballrechte, die Telekom ihre Kabel- und Mobilfunk-Angebote mit ohnehin vielen Kunden. Dennoch bleibt unwahrscheinlich, dass eine ihrer Plattformen den US-amerikanischen Rivalen lange standhalten wird. Eher dürfte das jeweils recht große Angebot Lust auf die noch größeren Angebote von Netflix und Youtube machen. Hechte freuen sich über viele Karpfen im Teich.

Was hülfe? Eine offene Plattform, die tendenziell allem zwischen Cranach, dem "Traumschiff" und neuen Serien à la "M" Raum böte. Für neue, privatwirtschaftliche Angebote müssten Kunden bezahlen können. In Rubriken à la "Reise/Genuss" eingeordnet werden muss dagegen nichts. Auf Youtube gibt's keine Rubriken, nur den Algorithmus, der nicht von Anfang an perfekt war, sondern es lernend wurde (und weiter lernt). Klar, so etwas würde jede Menge Schwierigkeiten bedeuten – technische und politisch-juristische, weil die deutschen Rundfunk- und Kartellgesetze dem Medienwandel weit hinterherhinken. Doch nur so etwas besäße Potenzial, sich als deutsche und idealerweise europäische Ergänzung neben dem US-amerikanischen Plattformkapitalismus zu etablieren. Ob Privatsender, die in der Wachstumslogik steigende Gewinne erzielen müssen, dazu überhaupt in der Lage wären, ist fraglich. Die öffentlich-rechtlichen Medien mit ihren sicheren Einnahmen wären es und könnten Schnittstellen für Interessenten aller Art offen- und jahrelange Aufbauphasen durchhalten. Bloß, zurzeit sind sie weit davon entfernt:

"Um auch jüngere Zielgruppen zu erreichen, werden die Inhalte von ZDFkultur auch für Drittplattformen wie Facebook erstellt. Perspektivisch sollen auch Instagram und YouTube bespielt werden",

kündigte der ZDF-Programmdirektor im "FAZ"-Interview an.

 

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