Ein Radio-Programm aus lauter Podcasts

Der digitale Sender "Deutschlandfunk Nova" erreicht seine Zielgruppe weniger über Radiogeräte als über Apps und Streamingdienste. Weil es längst zwei völlig unterschiedliche Publika gibt, erlebe das Radio eine Renaissance, sagt der Deutschlandradio-Intendant.

Der Berliner Sitz des Deutschlandradios befindet sich am Hans-Rosenthal-Platz. Das RIAS-Funkhaus entstand im Zweiten Weltkrieg, den der Namensgeber des Platzes als deutscher Jude in der Laubenkolonie "Dreieinigkeit" versteckt überlebte, für einen kriegswichtigen bayerischen Konzern. In der Nachkriegszeit zog der "Rundfunk im amerikanischen Sektor" ein. Rosenthal wurde mit Sendungen wie "Allein gegen alle", "Spaß muß sein" und "dalli, dalli" zu einem der beliebtesten Unterhaltungsmoderatoren im westdeutschen Radio und Fernsehen. Für den RIAS arbeitete er auch. Die Abkürzung steht zwar noch auf den Türknäufen des denkmalgeschützten Funkhauses, doch der Sender ging nach dem Ende der Teilung Berlins im Deutschlandradio auf – das 2019 sein bereits 25-jähriges Bestehen feiern wird.

Es entstand 1994 aus mehreren Nachkriegszeits-Anstalten, außer dem RIAS auch dem Kölner Deutschlandfunk sowie der DDR entstammenden Programmen. 2016/17 – jetzt geht's in die Gegenwart! – erfreute es noch mal mit Namensänderungen für seine drei Programme (die Juliane Wiedemeier damals im Altpapier an Loriots "Lord und Lady Hesketh-Fortescue" erinnerten ...). Das vormalige "D-Radio Wissen", dessen "D-" gar nicht für "Deutschland"-, sondern für "Digital-" stand, heißt nun Deutschlandfunk Nova. Ausschließlich digital sendet es aber immer noch.

Das Programm wird weitgehend in Köln gemacht, bloß die Abend-Strecke "Ab 21 - Willkommen im Nova-Club" in Berlin, aus einem Studio, das aus Tennisbällen hergestellte Ananas-Symbole ein bisschen jugendlich verzieren. Schließlich bilden junge Menschen bis 29 die Zielgruppe. Verbreitet wird Nova erstens über das Internet und Apps sowie zweitens über den Digitalradio-Standard DAB+, über dessen Zukunftsaussichten weiterhin die Experten streiten, während es den meisten Zuhörern weiterhin egal ist (solange die vielen vorhandenen Radiogeräte im analogen Standard UKW auch genug Auswahl bieten) und am ehesten EU-Regeln für die Autohersteller entscheiden werden. Schließlich kommen in der "Drivetime", wie Radiomenschen die Prime-Time nennen, am meisten neue Radiogeräte zum Einsatz. So einfach, dass es allein die zwei eben skizzierten Empfangsarten gäbe, ist es natürlich nicht. Via Satellit und über Kabel lässt sich Radio ja auch verbreiten. Es ist kompliziert.

Für Spotify und die iTunes-Charts ...

"Es ist kompliziert. Dazwischen guter Pop", heißt Novas Slogan. Zu komplex geht's aber doch nicht zu; für überall rumposaunte Stefan-Effenberg-Meldungen bleibt durchaus Platz. Knapp 300.000 Hörer zählen zum "Weitesten Hörerkreis (4 Wochen)", wie eine Kategorie der herkömmlichen Radio-Marktforschung heißt. Die wichtigste Empfangsart sind Podcasts – also Audio-Formate, die nicht gehört werden, weil sie im gerade eingeschalteten linearen Radioprogramm laufen, sondern über spezielle Geräte, am häufigsten Smartphones, bewusst abgerufen werden. Das ist, zumal im großen öffentlich-rechtlichen Radiobereich, ziemlich einzigartig. DLR-Intendant Stefan Raue beobachtet angesichts der "Rekordzahlen", die die Media-Analyse für seine drei Sender feststellte, "eine von uns nicht erwartete Renaissance" der Audio-Formate.

Die Nova-Sendungen werden "als Podcasts geplant", und erst daraus entstehe lineares Programm, sagten Raue und Programmdirektor Andreas-Peter Weber bei einem Hintergrundgespräch diese Woche in Berlin. "Da bilden sich zwei unterschiedliche Publika heraus", die nicht nur durch das Alter getrennt seien. Dem Publikum, das "linear gar nicht mehr Radio hört", dürften keine "Abfallprodukte" des linearen Programms geboten werden, sondern welche, die sich durch "andere Ansprechhaltung" und anderer Dramaturgie von diesem unterscheiden. In der Praxis heißt das, dass etwa aus der Abendsendung, in der mit "Caroline (27) aus Hamburg" gesprochen wurde, die ihren Vater nach Jahren via Facebook suchte und in den USA wiederfand, bereits eine Podcast-Folge erstellt wird, noch während die Sendung läuft. Sobald sie um Mitternacht endet, ist der Podcast im eigenen Internet-Auftritt downloadbar und wird bei Spotify eingestellt. Beim Streamingdienst habe "Ab 21" allein im Monat November mehr als 60.000 Abrufe erzielt. Das ist eine der harten digitalen Zahlen, auf die man bei Nova stolz ist.

...  auf Youtube und für "Alexa"

Eine andere sind Erfolge der Geschichts-Sendung "Eine Stunde History" in den "i-Tunes"-Charts des Apple-Konzerns. Noch eine sind die inzwischen sechsstelligen Abrufzahlen der vor einem "Späti" in Berlin gedrehten "Ich würde nie ..."-Folgen mit dem Grünen Cem Özdemir oder, erst recht, AfD-Frau Alice Weidel bei Youtube. Also Video? Ja, zur Bundestagswahl 2017 wurde eine Reihe mit Kandidaten aller Parteien für Youtube gefilmt. Im Radio lief dasselbe ebenfalls, aber in anderer "Ansprechhaltung" und von Moderatorin und Interviewerin Rahel Klein speziell anmoderiert. Das war aber eine Sonderreihe. Sehr viele Youtube-Videos erstellt Nova nicht. Ob es zu den Aufgaben öffentlich-rechtlicher Radios gehört, sogar das Videoportal des Datenkraken Google zu füttern, wäre auch zweifelhaft.

Jedenfalls zeigt das Nova-Konzept exemplarisch die Entwicklungen, mit denen Medien umgehen müssen – und dass sie auch ihnen Vorteile bieten. Eine ganz zentrale Entwicklung ist die Entbündelung der klassischen Lese-, Seh- und eben auch Hör-Medien, die eingespielte Geschäfts- und Nutzungsmodelle erodieren lässt. Gerade Radio aber kann von der immer besseren Verfügbarkeit von Medieninhalten besonders profitieren. Etwas hören lässt sich schließlich fast immer: beim Pendeln in der "Drivetime" im Auto oder in Bahnen, beim Hundeausführen oder bei Hausarbeiten – also auch in Situationen, in denen Medieninhalte, die wie Videos (oder Texte in Schriftform) Hingucken erfordern, eher nicht nutzen lassen. Dann nicht auf lineares Radio mit seinen festen Programmbestandteilen angewiesen zu sein und in der Bahn Stau-Meldungen anhören zu müssen, sondern selbstbestimmt hören zu können, was einem am interessantesten erscheint, besitzt glasklare Vorteile: für Nutzer, die auch ihre Zeit sinnvoll nutzen wollen, wie für Anbieter, die mit gespochenem Wort gut arbeiten.

Beim Lesen und Schreiben lässt sich auch was hören, aber eher kein gesprochenes Wort. Weshalb ich selbst eher selten DLR-Programme hören, sondern Streams des privaten Radiosenders Flux FM oder klassische Musik des allerdings kostenpflichtigen Anbieters Idagio. Und an Gratis-Streams, die genau solche Musik im Überfluss bieten, die lineare Popradios ebenfalls immerzu spielen, herrscht auch kein Mangel – schon allein der unfassbaren Barbara Schöneberger wegen (derzeit auf barbaradio.de: "15 neue Radios für den Advent") . Der ohnehin unüberschaubare Überfluss der Medien-Inhalte steigt auf allen Kanälen auch unüberhörbar weiter an.

Und die Entwicklung der Geräte, die alles vorantreiben, geht dynamisch weiter. Personalisierung, die bei deutschen Medien nicht nur, aber auch aus Datenschützgründen keine große Rolle spielt, während die um Datenschutz unbekümmerten (und auf laufend weiterwachsenden Datenschätzen sitzenden) US-amerikanischen Konzerne sie laufend vorantreiben, sei ein oft unterschätzes Thema, sagt Intendant Raue. Junge Leute seien daran "aus der Amazon-Logik gewöhnt", und dass die "Alexa"-Lautsprecher des Datenkraken Amazon künftig für alle Medienanbieter eine umso großere Rolle spielen werden, liegt auf der Hand. Spannend bleibt die Entwicklung der Medien – und bei Radio- und Audioformaten vielleicht ganz besonders.