Skandale haben ihre Vor- und Nachteile

Hilft "Herzensbildung" gegen "moralistische Hypersensibilisierung" links und rechts? Wenn Wissenschaftler über Empörung und Skandale in der Digitalära diskutieren, gibt es auch keine Patentrezepte. Aber aufschlussreich ist es.

"Skandal! Öffentliche Empörung und die (digitalen) Medien" hieß das Thema, über das am Mittwoch in der Berliner Bertelsmann-Repräsentanz diskutiert wurde. Hans-Georg Maaßen, um den es vorige Woche hier ging, und Horst Seehofer waren indirekt sehr präsent. Schließlich ist Maaßens Name der erste, der derzeit beim Stichwort Skandal fällt, und Seehofer da nie weit. Allerdings ist der Bayer skandalresistent, woran Joachim von Gottberg, Chef des Diskussions-Veranstalters FSF, erinnerte: Nachdem Medien vor elf Jahren über eine Geliebte des CSU-Politikers berichtet hatten, schien er ihnen den damals angestrebten Vorsitz der konservativen Partei nicht mehr erringen zu können – den Seehofer jedoch Ende 2018 noch immer innehat. Was zeigt, dass Medien manchmal die Empörung überschätzen, die sie hervorrufen.

In den USA bereiten Sexskandale Politikern nachhaltig Probleme, erklärte der Bamberger Kommunikationswissenschaftler André Haller mit Blick auf Bill Clinton und Anthony Weiner. In der "deutschen Skandalkultur" seien es eher erinnerungspolitische Skandale, wofür er Philipp Jenninger und Eva Herman als Beispiel nannte. Zunächst gab der Moralphilosoph Arnd Pollmann eine aufschlussreiche Begriffsgeschichte. Hätten Sie aktiv gewusst, dass im "schönen Wort mit altmodischem Beiklang" das Sich-Emporstrecken steckt? So hätten Prozesse der Empörung tatsächlich ihr Positives: als "öffentliche Medien einer kollektiven Selbstvergewisserung". Zugleich werde die Gesellschaft durch Skandale aber auch desintegriert. Da konnte Pollmann von der Hochschule berichten, an der er inzwischen selber lehrt: Die Berliner Alice-Salomon-Hochschule erregte 2017 viel Aufsehen, nachdem die Studierendenvertretung beschlossen hatte, das spanischsprachige Gedicht "avenidas" des Dichters Eugen Gomringer von der Außenwand des Gebäudes entfernen zu lassen.

"Diskurspolizei" und "Diskursguerilla"

Zunächst habe das, so Pollmann, "die rechte Springer-Presse" skandalisiert. Stichworte wie "Genderwahn" und Bücherverbrennungs-Vergleiche fielen. Und "wenn etwas erst mal skandalisiert worden ist, lässt es einen kaum noch kalt", führe also reflexartig zu Gegenreaktionen. Dann stünden sich destruktive Kräfte gegenüber: eine "linke Diskurspolizei" auf der Suche nach "diskursiven Verfehlungen" und eine "rechte Diskursguerilla", die nur darauf warte. Diese "diskursiv immungestörten" Lager würden sich nicht etwa abstoßen, sondern symbiotisch anziehen. Durch "moralistische Hypersensibilisierung links wie rechts" werde das Diskursklima zerstört. Zum einen, weil sich kritische liberale Stimmen dann gar nicht mehr zu Wort melden, so dass zum anderen Reaktionäre als letzte Verteidiger der Meinungsfreiheit erscheinen würden. "Übrig bleiben die Halbverrückten", sagte Pollmann später in leicht anderem Zusammenhang. So ungefähr lässt sich seine negative Haltung zum Diskussionsklima in den (sogenannten) sozialen Medien zusammenfassen.

Kommunikationswissenschaftler Haller suchte erst noch mal das Positive an Skandalen: Sie seien "Zeichen, dass jemand wacht" und "Messinstrumente, ob Werte und Normen noch intakt sind". Aber sie sind natürlich nicht nur das. In einer kleinen Skandale-Typologie zeigte er das "Schäfchenplakat" der schweizerischen SVP, das mit gezeichneten weißen Schafen und einem schwarzen zur "Ausschaffung krimineller Ausländer" aufrief und 2007 jede Menge Kritik hervorrief: von der (eigentlich neutralen) Schweizer Bundespräsidentin, der (in der Schweiz ansässigen) UNO und in der Auslandsberichterstattung. Doch konnte die Partei ihre Stammwählerschaft erst recht mobilisieren. Es habe sich um "intendierte Selbstskandalisierung" gehandelt.

"Große Gereiztheit" und "Gebrummel"

Zur Diskussion stieß der öffentlich wohl präsenteste deutsche Medienwissenschaftler dazu. Der Tübinger Professor Bernhard Pörksen konstatierte, dass es zurzeit sowohl entfesselte Hasskommunikation als "Begeisterung für wertschätzende Kommunikation" gebe, und griff dann tief in sein gut gefülltes Füllhorn griffiger Formulierungen: In der "Erregungsarena" stehe nun auch die "fünfte Gewalt der vernetzten Vielen" (neben der vierten Gewalt der Presse beziehungsweise Medien, als die Journalisten sich gerne sehen). In der "mentalen Pubertät" als Übergangssituation der "Medienrevolution", in der wir uns befänden, herrsche derzeit "Die große Gereiztheit" (wie Pörksens nach einem "Zauberberg"-Kapitel benanntes aktuelles Buch heißt).

Im herrschenden "großen Gebrummel" steckten durchaus auch relevante Themen, weshalb der Qualitätsjournalismus hinein hören müsse, um dann zum "Hermeneuten der Wut" werden zu können. Das unmittelbar zu empfehlende "Meta-Rezept" sei es, genau hinzuschauen. Wie Öffentlichkeit vor verbaler Gewalt geschützt werden kann, sei die entscheidende Frage. Antworten: durch "kollektive Medienmündigkeit", durch "Prinzipien des guten Journalismus", also indem alle Menschen Informationen erst mal skeptisch hinterfragen und mehrere Seiten anhören, wie Journalisten es tun sollten. Sozusagen als "redaktionelle Gesellschaft" ... Pörksen hat stets viele gute Formulierungen zur Hand, von denen zwar kaum alle jeden im Publikum zugleich überzeugen dürften, aber immer jeweils einige. Es sind halt insgesamt sehr, sehr viele Formulierungen, weshalb Pörksen performativ stets gute Figur macht.

Moralphilosoph Pollmann differenzierte sein negativeres Szenario weiter aus. Als Habermas-Schüler unterscheidet er zwischen "verständigungsorientierter" Kommunikation und "strategischer", die eben nicht der Verständigung, sondern dem Bloßstellen oder der Manipulation von Gesprächspartnern diene. In den sozialen Medien sei die Kommunikation nur noch Strategie, "Hashtag-Kommunikation" sei gar keine Kommunikation mehr, sondern eine "Aneinanderreihung von einseitigen Verlautbarungen". Er würde "niemandem ernsthaft empfehlen, an solchen Debatten teilzunehmen", sagte Pollmann (wobei die Frage, ob noch viele Menschenwissenschaftlichen Rat abwarten, bevor sie sich in Diskussionen stürzen, nicht aufkam).

Medienkompetenz als Schulfach

Haller äußerte die Ansicht, dass Jugendliche durchaus zum Qualitätsjournalismus erzogen werden könnten. Das fand Pollmann "fast zu utopisch" und forderte erst mal "eine Art Herzensbildung" auf dem Weg zu wieder gelingender Kommunikation. Was wiederum Pörksen "zu allgemein" fand. So gerieten die Wissenschaftler – in höflicher Form – in inhaltlichen Streit und bekundeten Persönliches: Pollmann, dass er manchmal eine Nacht lang nicht schlafen könne, wenn er Hasskommentare gelesen hat. Pörksen, dass er im Grunde immer zwischen den Positionen der apokalyptischen und der euphorischen Fraktion schwanke. "Eigentlich ist mein Credo: Es kommt drauf an", sagte der Tübinger Professor.

Und am Ende einer über dreistündigen Veranstaltung aus dem Munde eines Medienwissenschaftlers, der eigentlich für jede Eventualität viele gute Formulierungen zur Hand hat, zu hören, dass sich zur dynamischen Medien-Entwicklung aus wissenschaftlicher Perspektive kaum etwas konkret sagen lässt, das lange gültig bleiben kann, ist viel wert.

Ach so, und mit der Forderung, dass so etwas wie "Medienkompetenz" flächendeckend zu einem Schulfach werden muss (was seit viel Jahren auf vielen solcher Podien einvernehmlich gefordert, bloß nicht umgesetzt wird), hat Pörksen natürlich absolut recht. Was im Detail in den Lehrplänen stehen soll, können die Bundesländer gerne dezentral für sich selbst entscheiden (und sich dabei von der vielstimmigen Medien- und Kommunikationswissenschaft beraten lassen). Wenn sie bloß endlich in den föderalistischen Wettbewerb ums beste Konzept treten würden, wäre das gut für alle.