Weniger Trump wagen

Durch die Politik des US-amerikanischen Präsidenten werden andere Partnerstaaten und die EU für Deutschland wichtiger. Dummerweise wird in der deutschen Berichterstattung etwas anders immer wichtiger: alles, aber auch alles, was Donald Trump macht.

Ein gewiss wichtiges Berichterstattungs-Thema am Montag war das Treffen der Präsidenten der USA und Russlands. In den ARD-"Tagesthemen" etwa gab es dazu eine Dreier-Schalte zwischen der Moderatorin und gleich zwei Reportern in Helsinki. Vor allem der US-amerikanische Präsident Trump wurde scharf kritisiert. Es herrsche "Riesen-Empörung" in den USA wegen Trumps anbiedernden Verhaltens gegenüber Wladimir Putin, sagte Pinar Atalay. Das werde als "schändlich, fast an der Grenze zum Hochverrat" gewertet, referierte Stefan Niemann, der Leiter des ARD-Studios in Washington.

An dieser Berichterstattung ließe sich auch einiges kritisieren. Zumindest einmal exemplarisch zu sagen, wer in den USA denn was genau kritisiert hatte (etwa mit Newt Gingrich ein einflussreicher Trump-Unterstützer, der vom "most serious mistake of his presidency" twitterte), hätte den Eindruck gestärkt, dass es sich um aktuelle Berichterstattung handelt und nicht um Kommentieren der selbst empörten Reporter.

Und wie angemessen es ist, "Spekulationen darüber, ob Putin irgendwas in der Hand haben könnte", anhand möglicher Videoaufnahmen von einem "mutmaßlichen Treffen Trumps mit Prostituierten im Ritz Carlton in Moskau" in einer öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendung zu exemplifizieren, obwohl es dazu weder Beweise noch Neues gibt – darüber ließe sich streiten. Immerhin bot Udo Lielischkies, Leiter des ARD-Studios in Moskau, auch noch einen anderen Erklärungsversuch für Trumps Verhalten an (den "Wunsch zu beweisen dass er eben mit solchen Menschen, die bisher niemand wirklich am Verhandlungstisch haben wollte, Deals machen kann") und gab am Ende zu, dass "schwer zu sagen" sei, "was da wirklich diskutiert wurde" zwischen Trump und Putin. Die Reporter waren ja nur bei der abschließenden Pressekonferenz dabei.

Weite Anreisen zur "Ego-Show"

Gewiss ist das Verhalten des Präsidenten Trump aufgrund der historisch gewachsenen Supermacht-Rolle der USA von enormer weltweiter Bedeutung. Und gewiss ist sein Verhalten für alle, die mit ihm zu tun haben, schwer einzuschätzen bis kaum zu fassen. Auch die US-amerikanischen Journalisten liefern sich laufend mehrkanalige Auseinandersetzungen mit ihm. Twitter ist dabei der wichtigste Kanal, aber auch Fernsehsendungen spielen Rollen. Einen wochenaktuellen Eindruck zum Thema Putin-Treffen bietet etwa eine dpa-Analyse ("Und dann kam der ganz große Schock: In Trumps Lieblingssendung am Morgen, 'Fox & Friends', schien sich Moderator Brian Kilmeade am Dienstag direkt an den Präsidenten zu wenden ..."). Deutschen Reportern, die von Trumps Vorgängern verlässliche Medienarbeit gewohnt waren, lässt sich kein großer Vorwurf machen, wenn auch sie das Phänomen nicht zu packen kriegen. Bloß die Bitte, klarer zwischen Berichten und dem Kommentieren anhand der eigenen Ansicht zu unterscheiden, ließe sich äußern. Dann wären in den "Tagesthemen" auch die abschließenden offiziellen Kommentare weniger langweilig ...

Ein anderer Vorwurf lässt sich machen: Warum machen sie immer noch weiter mit bei der Trump-Show oder der "großen Ego-Show der beiden Machtmenschen" (ARD-Chefredakteur Rainald Becker im "Tagesthemen"-Kommentar)? Warum müssen die Studioleiter aus Washington und Moskau nach Helsinki reisen? Um mit der Ostsee im Bildhintergrund US-amerikanische Empörung zusammenzufassen, die sich aus den USA eigentlich besser referieren ließe (weil dann, nur zum Beispiel, der Gingrich-Tweet als Beleg eingeblendet hätte werden können)? Dass die Trump-Putin-Show vor der "gesamten Weltpresse" (Becker) genau so ablaufen würde, es also für die Medien nichts zu sehen geben würde außer einer Pressekonferenz mit dem Showman Trump und seinem Kollegen Putin, war abzusehen.

Dass sie wieder Anlass zu mehr oder minder küchenpsychologischen Interpretationen geben würde, war natürlich auch abzusehen. Die haben durchaus ihren Reiz und werden auch in den USA angestellt:

"Und von seiner Mutter habe er gelernt: Falls man wirklich etwas zurücknehmen muss, dann so, dass es sich wie ein sinnentleertes Ritual oder wie eine förmliche Verpflichtung anfühlt. Dem Zuhörer soll klar werden, dass die zuerst gemachte Aussage zählt und nicht die formale Entschuldigung",

referiert die dpa die "Washington Post". Was zeigt: Solche Analysen lassen sich von überall auf der Welt aus anstellen (oder: am besten aus Washington).

Mal nicht, mal nicht "nicht"

Auf noch einen problematischen Aspekt der deutschen Trump-Berichterstattung machte Altpapier-Autor Ralf Heimann (auch bei Twitter) aufmerksam:

Wenn Trump-Sätze wie "Unsere Beziehung zu Russland war niemals schlechter ...", immerzu in den Nachrichten zitiert werden, obwohl sie sowohl nicht stimmen als auch ihre kurzfristig strategische Bedeutung offensichtlich ist, bekommen sie unangemessene Bedeutung zugewiesen. Tatsächlich äußert Trump ja vieles, was früheren Äußerungen von ihm widerspricht.

"... Trump stellte Putin daraufhin nicht zur Rede, sondern sagte: 'Ich sehe keinen Grund, warum es (Russland) wäre.' Dies legte den Schluss nahe, dass Trump auf einer Linie mit Putin sei und seinen eigenen Geheimdiensten während einer Pressekonferenz mit dem beschuldigten Putin in den Rücken fällt.

Trump stellte den ganzen Streit dann am Dienstag als großes Missverständnis dar. Er habe bei einer Durchsicht einer Abschrift seiner Aussagen gemerkt, dass er sich versprochen habe. Der Satz müsse richtig lauten: 'Ich sehe keinen Grund, warum es nicht Russland wäre.'",

heißt es zum weiteren Fortgang der US-amerikanischen Empörung im erwähnten dpa-Text. Trump sagt also mal "nicht", mal nicht "nicht", und es kommt ihm auf die Wirkung im jeweiligen Augenblick an. Diese Masche sauber, vielleicht ohne zu viel Empörung zu analysieren, besäße natürlich Berechtigung. Seine Aussagen als Zitate zu verbreiten, ist schwierig. Nachrichtensendungen wirken ja nicht nur unmittelbar, sondern auch mittelbar, zum Beispiel, wenn im Radio  stündlich (oder zwanzigminütlich) immer weitgehend identische Nachrichten verlesen werden, denen die Hörer, weil sie zugleich Auto fahren oder in der Küche arbeiten, nur beiläufig zuhören. Wer darin mit seinen Äußerungen in seriösem Nachrichtensprecher-Sound oft vorkommt, gewinnt im Lauf der Zeit allein dadurch weitere Bedeutung. Und solche Nebenbei-Medien, in deren oft ähnlich wiederholten Formaten Nachrichten-Inhalte auch durch die Frequenz wirken, sind  Fernsehen und Internet ja auch.

Insofern: Es wäre sinnvoll und gut, den Trump-Anteil in deutschen Nachrichtensendungen zurückzufahren. Deutschland muss sich auf andere Partner besinnen, heißt es mit Recht in vielen Kommentaren, und "die Partnerschaft mit den USA ... neu vermessen", wie Bundesaußenminister Maas (visuell ansprechend) twitterte. Der Tag, an dem die "Tagesthemen" so ausgiebig von der selbst für wertlos befundenen Trump-Putin-Show aus Helsinki berichteten, war der, an dem die franzsöischen Fußball-Weltmeister heimkehrten und gefeiert wurden. Das kam natürlich vor in der Sendung, aber zwei, drei der üblichen Drei- oder Vier-Minuten-Beiträge mehr wären locker drin gewesen. Über französische Fußballer mit Migrationshintergrund und ihre aktuelle Bedeutung in der Gesellschaft, oder über das französische Parteiensystem (das jahrzehntelang dem deutschen ähnlich war, dann aber erodierte, sodass sich bei der letzten Wahl ja Emmanuel Macron als Vertreter einer Bewegung, die gar keine Partei ist, und die Partei Front National gegenüberstanden). Wie entwickelt es sich? Wäre das zu erfahren nicht auch wichtig?

Über die und aus den USA zu berichten, bleibt natürlich sinnvoll. Die gewachsene, historisch berechtigte mediale Fixierung auf sie ein wenig runterzufahren und in den Nachrichten auch dann öfter aus anderen Ländern zu berichten, wenn dort keine Anschläge, deutschen Staatsbesuche oder entscheidenden Wahlen stattfinden, würde der derzeit oft gerne beschworenen Wertegemeinschaft helfen, niemandem schaden – und wohl nicht Donald Trump, aber vielleicht Medien-Mitarbeiter seines Stabs ein bisschen ärgern.