Emotionales Grundrauschen

Schade, dass ZDF-Reporterin Claudia Neumann nicht das WM-Finale kommentiert. Etwas mehr Mut zu Experimenten würden die immer längeren Jubel-Sendungen des Fußball-Fernsehens ohne Weiteres vertragen.

Das Positive an der der Fußball-Weltmeisterschaft: Sie funktioniert als Medieninhalt weiter, auch in Deutschland, nachdem die deutsche Nationalmannschaft so sang- und klanglos wie vielleicht noch nie ausgeschieden ist. "Trauer und Entsetzen bei den deutschen Fans" hatte die ARD-"Tagesschau" schon gleich nach der Auftakt-Niederlage vermeldet. Vielleicht war dieses Entsetzen beim letzten Gruppenspiel bereits verbraucht und hielt sich nach dem deutschen Ausscheiden daher in Grenzen.

Im Fernsehen blieb das Interesse groß. Das Halbfinalspiel zwischen Frankreich und Belgien war laut ARD "mit 18,25 Millionen Zuschauern ... die meistgesehene Live-Übertragung ohne deutsche Beteiligung" – aber nur bis zum nächsten Tag, an dem das nächste Halbfinale den Wert noch übertrumpfte. Und überall wird über vieles rund um den Fußball viel diskutiert. In der Summe ist es erwartungsgemäß redundant. Es berichten eben alle Universalmedien über das zwar aufgeblähte, im zunehmenden Turnierverlauf dennoch begrenzte Reservoir an Spielen, sodass Nutzern unterschiedlicher Medien alles sehr, sehr oft begegnet. Doch das ist gewohnt. Und oft wird vernünftig über Aspekte wie Russland und sein Regime, Integration am Beispiel der Nationalmannschaft oder Sexismus besonders am Beispiel der angefeindeten ZDF-Reporterin Claudia Neumann diskutiert.

Dass es eine Menge hämische Kritik bis über den Rand justiziabler Hasskommentare hinaus gibt, ist leider auch ein gewohntes Zeichen der Zeit. Aus diesen Gründen verdienen die gerne "sozial" genannten Medien oft ein "sogenannt" davor. Bei der privaten Nutzung kann es helfen, dumme oder Hasskommentare weder zu suchen noch zu teilen. Gesamtgesellschaftlich hilft das nicht. Gut also, dass das ZDF "nach der Hetze ... in den sozialen Medien Strafanzeige gegen zwei unbekannte Täter erstattet" hat; das hilft vermutlich am ehesten.

"Ob es weibliche Kommentatoren sind oder homosexuelle Spieler, Fußballer mit Migrationshintergrund – manche Menschen scheinen nicht akzeptieren zu wollen, dass ihnen das Altbekannte abhandenkommt. (…) Ihnen fehlt anscheinend die Fantasie, sich auszumalen, welche Chance es für die Gesellschaft bedeuten könnte, dass Frauen Fußballspiele kommentieren",

sagte Neumann selbst im "Zeit"-Interview. Schade, dass sie das Finale am Samstag nicht kommentieren wird. Auch solche Forderungen, "der Hetze zum Trotz", gab es. Allerhand Solidarität hat Neumann also ebenfalls erfahren. Wenn sie, hoffentlich bald, demnächst kommentiert, wird sie fürs Publikum etwas altbekannter sein.

"Toor"-Jubel mit möglichst vielen "o"s

Gut auch, dass über den DFB diskutiert wird. Insbesondere das Interview, das "Teamchef" Oliver Bierhoff der "Welt" (€) gab, bringt schon durch das diffus doppelte Personalpronomen in der Überschrift "Man hätte überlegen müssen, ob man auf Özil verzichtet" kongenial auf den Punkt, wie sehr der mächtige Verband gewöhnt war, nur noch hofiert und überhaupt nicht mehr kritisch befragt zu werden. Dies ist ja keine Fußball-Kolumne. Doch nach der unterschätzten oder verschleppten Aufregung um Mesut Özils und Ilkay Gündogans PR-Termine mit dem Autokraten Erdogan mitten in dessen Wahlkampf wäre der DFB gut beraten, Regeln aufzustellen, wie deutsche Nationalspieler mit Migrationshintergrund sich künftig ausländischen Regierungschefs gegenüber verhalten sollten. Solche Spieler gibt es auch im Jugendbereich viele, und dass weniges Integration noch besser fördert als ihre Erfolge, ist eine Binse. Für solche absehbaren Situationen scheinen bisher einfach Maßstäbe gefehlt zu haben, während für jeden Sportschuh, festgelegt ist, wann Spieler ihn tragen dürfen.

Und das ähnelt ein bisschen den Problemen, die Sportreporter (und erst recht -reporterinnen) haben. Sie müssen wohl noch mehr Häme als die Spieler aushalten. Wie gut jemand berichtet hat, ist ja immer ein kaum objektivierbarer Eindruck der Zuschauer und Hörer. Reporter können nicht mal durch geschossene Tore oder errungene Titel Kritik zum Verstummen bringen. Und die Maßstäbe, an denen sie sich orientieren sollen, sind diffus – oder werden nicht öffentlich formuliert.

Einerseits sollen Reporter emotional sein und etwa im richtigen Augenblick zu langem "Toor"-Jubel mit vielen "o"-s (im lateinamerikanischen Stil) ansetzen. Entsprechende Clips lassen sich gut immer wieder in der langen Nachbereitung der Spiele und zur noch längeren Vorbereitung der nächsten einsetzen und werden in den sog. soz. Medien gerne geteilt. Reporterton soll nicht nur akustisch Informationen vermitteln, sondern gehört genauso wie Stadionjubel und Fangesang zum atmosphärischen Begleitgeräusch – zum emotionalen Grundrauschen, das bei den langen Fußball-Sendungen längst die Hauptsache ist.

Lieber emotional oder journalistisch?

Auch am Spielfeldrand werfen aufgewühlte Reporter erschöpften Spielern Satzbrocken hin, um ein paar dem Spielausgang (und vielleicht der Mannschaftsleistung) angepasste Wortbausteine zurückzubekommen. Das "Gratulation. Sie schulden uns eine Packung Beruhigungsmittel" – "Ja. Was soll ich sagen?" zwischen Gerhard Delling und Toni Kroos hätte legendär werden können, sofern sich Kroos' Tor in der Nachspielzeit als Auftakt einer guten Turnierleistung erwiesen hätte. Und wenn dann im Studio nette junge Männer – seltsamerweise auch hier kaum Frauen – das Spiel und das Drumherum zerreden, werden im Bildhintergrund gerne groß bewegte Jubelszenen eingeblendet. Es geht schließlich nicht zuletzt darum, rund um das Produkt Fußballspiel, das die Sender immer noch teurer bezahlen, so ansprechende Shows zu gestalten, dass das Publikum lange nicht ab- oder umschaltet. Dann hat sich die Investion für die Sender halbwegs gelohnt. Und das ist ja auch in Ordnung (zumindest solange andere Sender im öffentlich-rechtlichen Gesamtangebot die Grundversorgung mit aktuellen Nachrichtensendungen aufrechterhalten, was leider nicht immer geschieht ...).

Die Reporter, die live kommentieren, jedoch stecken im Dilemma. Einerseits sollen die Spiele in der geforderten (positiven) Emotionalität präsentiert werden. Andererseits sind sie Journalisten, von denen journalistische Kommentare gefordert werden. Dritterseits haben sie außer dem laufenden Spiel immer auch noch den Bildschirm zu kommentieren und müssen, sobald Sender Werbung für ihre Apps oder Internetauftritte einblenden, auch diese vorlesen. Das alles in Echtzeit unter einen Hut zu bringen ist zweifellos schwer und immer aus einem der Blickwinkel angreifbar. Leichter wäre ihre Aufgabe, wären die Anforderungen an sie transparenter.

Idealerweise könnte das Publikum sogar mitbestimmen, ob es von Livereportern lieber Emotionen und längere Torschreie oder journalistische Einordnung des Spielgeschehens möchte. Oder es könnten bei wichtigen auf unterschiedlichen Kanälen beide Varianten angeboten werden – Knappheit an Kanälen herrscht ja nicht mehr; auch bei dieser WM sendeten manchmal die Nebenkanäle "ARD One" und "ZDFinfo" Fußballspiele. Die Reporter könnten Routine entwickeln und Neues ausprobieren, das Publikum könnte Vergleiche ziehen und Qualitäten schätzen oder Vorurteile ablegen lernen. Maßstäbe würden sich entwickeln.

Natürlich wäre das ein Experiment. Aber solche Experimente würde der Fußball, der als Medieninhalt auch ohne konkurrenzfähige deutsche Mannschaften funktioniert, sowohl tragen als auch vertragen. Das hat die WM wieder gezeigt.