Überfluss ist keine Vielfalt

... sieht aber ähnlich aus. Ist es schlimm, wenn die immer noch vielen deutschen Zeitungen immer noch mehr Redaktionen zusammenlegen? Zumindest muss weniger Hauptstadtjournalismus kein Nachteil sein – wenn im Gegenzug überregionaler aus der sogenannten Provinz berichtet wird.

Die journalischste Mediengattung könnte noch immer die gute alte Zeitung sein. Fernsehgeräte (und Radios, falls sie überhaupt noch eigenständige Geräte sind) werden mehr zu Unterhaltungszwecken genutzt als für journalistische Angebote. Für das Internet gilt das erst recht. Dass noch jemand Zeitung liest, um sich zu unterhalten, dürfte dagegen selten vorkommen.

Was im Zeitungs-Bereich passiert, ist seit Jahren dasselbe: Auflagen und Vielfalt sinken. Solch ein Vorgang erregte gerade etwas Aufsehen: In dem euphemismen-satten Sound, dessentwegen niemand mehr Verlags-Mitteilungen ernst nimmt, kündigten die traditionsreiche Kölner Mediengruppe DuMont und die Madsack-Gruppe aus Hannover "strategische Partnerschaft" und eine gemeinsame Hauptstadtredaktion an. Was bedeutet, dass die bisher bestehenden Hauptstadtredaktionen beider Verlage, die ohnehin schon allerhand deutsche Lokalzeitungen mit überregionalen Inhalten für den Mantelteil versorgten, zusammengelegt werden. In der Summe entfallen Redakteursstellen, die Pressevielfalt schrumpft weiter.

Besonders bitter ist das für die "Berliner Zeitung", die seit 2009 zu DuMont gehört. Die in der Hauptstadt ansässige Zeitung wird hauptstadtjournalistisch jetzt von einer aus Hannover gesteuerten Sammelredaktion versorgt. In Hannover befindet sich der Hauptsitz der Verlagsgesellschaft Madsack (die übrigens zu 23,1 Prozent der SPD gehört, was beim Lesen von Madsack-Zeitungen schon manchmal auffällt). Dass die Sammelredaktion den klangvolleren Namen "Redaktionsnetzwerk Deutschland" trägt und unter diesem durchaus bereits bekannt ist, hilft wenig. "Dann bleibt nicht mehr viel Vielfalt übrig in der überregionalen Berichterstattung", zitierte die "taz" den Zeitungsforscher Horst Röper und zeigte in einer Grafik anschaulich, wie das Lokalzeitungs-Belieferungsgeschäft funktioniert.

Meinungsvielfalt gibt es aber auch zu dem Thema. Altpapier-Kollege Ralf Heimann schrieb:

"Regionalzeitungen müssen sich gegen die großen Medien behaupten. Und das kann nur gelingen, wenn sie sich zusammentun. Ansonsten graben sich Dutzende Korrespondenten kleiner Zeitungen mit schrumpfenden Auflagen nur gegenseitig das Wasser ab, und das Interview mit der Kanzlerin bekommt am Ende doch nur der 'Spiegel'. Die Zusammenlegung überregionaler Redaktionen zeigt aber auch noch etwas anderes: Regionale Blätter sehen die überregionale Berichterstattung nicht mehr als ihr eigenes Charaktermerkmal. Das ist auch gar nicht nötig. Ihre Stärke ist das Regionale ..."

Alle konkurrieren mit allen

"Deutschland ist ein Zeitungsland", betont der Zeitungsverlegerverband bei vielen Gelegenheiten. Das stimmt noch immer und ist historisch bedingt. Nachdem Zeitungen im 17. Jahrhundert hier erfunden wurden, entstand in jedem der früher sehr vielen, sehr kleinen deutschen Staaten mindestens eine eigene Zeitung. Oft entstanden mehrere, weil idealer Wettbewerb sowohl das Geschäft als auch die Qualität belebt. Inzwischen ist diese Vielfalt längst auch Ballast, da in Deutschland soviele Zeitungen miteinander konkurrieren wie nirgends. Seit es elektronische Medien gibt, konkurrieren sie nicht mehr nur mit anderen, am Ort erhältlichen Zeitungen. Seitdem das Internet schnell und preiswert ist, steht jede Lokalzeitung im Wettbewerb mit sämtlichen Medien der Welt.

Also mit den überregionalen Zeitungen und wöchentlich erscheinenden Printmedien wie "Spiegel" und "Zeit", die ihre Internetportale ja auch laufend aktualisieren. Und mit den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, die über unvergleichlich sichere, regelmäßige Einnahmen verfügen und ebenfalls jede Menge Nachrichten online anbieten. Und mit internationalen Wettbewerbern. Gut möglich, dass sich inzwischen mehr junge Deutsche eher ein Online-Abo der "New York Times" oder des "Guardian" leisten als eines einer Lokalzeitung aus ihrem Wohnort, wegen der internationalen Blickwinkel und weil sich damit das Englisch verbessern lässt.

Dass der "Guardian" trotz des globalen Online-Wettbewerbsvorteils der Sprache und seines Renommees noch immer Verluste macht, ist das krasseste Zeichen dafür, dass derzeit sehr viel mehr Onlinejournalismus erscheint als durch Einnahmen finanziert werden kann. Im Medien-Alltag der Nutzer herrscht eben Angebote-Überfluss, und für Journalismus (mehr als den Rundfunkbeitrag) bezahlen muss niemand.

Der Internet-Vorteil Dezentralität

Das mit den internationalen Blickwinkeln gilt übrigens auch auf Deutsch. So richten der österreichische "Standard" und die "Neue Zürcher Zeitung" Online-Angebote speziell an deutsche Leser, die durchaus lesenswert sind. Nur zum Beispiel, weil der gewohnte deutsche Medien-Blick auf die EU, dem zufolge die meisten anderen Mitgliedsstaaten auf der falschen Spur sind, sich etwas anders darstellt. Und als DuMont-Chef Christoph Bauer sich gerade, natürlich in strikt positivem Tonfall ("Umsatz und operatives Ergebnis steigen weiterhin"), vom Wirtschaftsressort der "Süddeutschen" interviewen ließ, erzählte er gerne, dass er morgens als erstes das E-Paper der "NZZ" zu lesen pflegt. Die Frage, warum keine der Lokalzeitungs-gesteuerten Hauptstadtredaktionen ähnliche Relevanz entwickelte (oder auch nur anstrebte), wurde leider nicht gestellt.

Was also auch heißt, dass der deutsche Hauptstadtjournalismus wenige Mediennutzer wirklich fesselt. Der Eindruck, dass viele Journalisten aus vielen Regionen und daher vielfältigen Perspektiven einander (und die von allen Seiten scharf beobachtete Politik) zu Höchstleistungen antreiben, ist nicht weit verbreitet. Die Onlineportale vermitteln zwar schon den, dass alle Wettbewerber sich aneinander orientieren, aber mit dem Ergebnis, dass oft überall dasselbe steht und ähnlich gewichtet wird. (Und, schlimmer: dass das, worüber niemand groß berichtet, nirgends Aufmerksamkeit bekommt).

Wenn nun die Vielfalt im Hauptstadtjournalismus etwas weiter sinkt, wird die Masse der Mediennutzer wenig davon bemerken. Sogar sinnvoll könnte die Entwicklung tatsächlich sein, falls der Journalismus im Verbreitungsgebiet der Lokalzeitungen wieder gestärkt statt weiter abgebaut würde. Theoretisch besteht ein Vorteil des Internets ja in seiner Dezentralität. Gute Politikjournalisten aus der sogenannten Provinz, die Auswirkungen der Bundes- und europäischen Politik besser im Blick haben als Hauptstadtjournalisten, könnten von überall aus überregional berichten und Debatten in Gang setzen. Ein breiteres Spektrum an dezentralen Perspektiven im Journalismus könnte helfen, den Eindruck von beliebigem Überfluss in den von kostbarer Vielfalt umzuwandeln.

Um aber nicht zu euphorisch zu werden: Viel Anlass, DuMont und Madsack so etwas zuzutrauen, besteht nicht. Die Verlagsgruppen managen genau wie ihr Hauptkonkurrent Funke ("WAZ") seit Jahren das Zusammenlegen und Einsparen von Redaktionen an sämtlichen Standorten.