Über Apps

Gespeicherte Online-Daten können theoretisch alles verknüpfen und tun es auch ziemlich oft. Was leider selten verknüpft wird: die Berichte über solche Skandale und über Lösungsideen wie europäische "ePrivacy". Bräuchten wir ein "digitales Tschernobyl"?

Ein paar Ferner-liefen-Meldungen der vergangenen Wochen:

"Android-Smartphones übermitteln heimlich den Standort an Google" übersetzte sueddeutsche.de eine Enthüllung des US-amerikanischen Portals Quartz. "Selbst bei deaktiviertem GPS, abgeschalteten Positionsdiensten und ohne Sim-Karte" wurde der Aufenthaltsort der vermutlich "hunderte Millionen" Besitzer der betroffenen, äh, Smartphones an Googles Server übertragen. Womöglich wird er das noch immer, denn Google "is now taking steps to end the practice", hieß es vergangene Woche im qz.com-Artikel. Dieser, wie Google ebenfalls versprach, bloß versehentlich angehäufte und angeblich noch niemals benutzte Datenhaufen entstand aufgrund der auf Android-Geräten vorinstallierten App Firebase ("Backed by Google, trusted by top apps"), also lediglich einer einzelnen.

Dass Android-Nutzer parallel durch "rund 300 Apps" ausspioniert würden, übersetzte wired.de gerade erst eine The Intercept-Meldung, die wiederum auf Forschungen der Universität Yale und der französischen Non-Profit-Organisation "Exodus Privacy" basiert. Ein paar dieser Apps: "OkCupid, Weather Channel, Superbright LED Flashlight, Skype, Lyft, Accuweather, Microsoft Outlook" seien darunter, aber auch die besonders bekannten und beliebten Uber, Tinder und Spotify. Beim Ausspionieren handelt es sich ums Tracken von Nutzern über unterschiedliche WLAN- und Mobilfunknetze hinweg. Die Daten ließen etwa "auf Geschlecht, Alter, Ethnie oder Einkommen schließen".

Marktanteil 86 Prozent

Falls Sie sich sicher fühlen, weil Sie ein Apple-Gerät ohne Android benutzen: dass "sich die Befunde auch auf iOS übertragen ließen", steht ebenfalls in der Meldung. Die Anzahl der Mobiltelefon-Betriebssysteme (oder -"Ökosysteme", wie sie sich selbst auch gerne nennen), ist übrigens überschaubar geworden: "Mit 86 Prozent Marktanteil ist Googles Android der große Platzhirsch auf den Smartphones. ... 14 Prozent entfallen auf iOS", meldete der Standard im Juli. Damit sind die 100 ja voll. Microsoft ist aus diesem Rennen ausgestiegen und konzentriert sich auf sein Quasi-Monopol auf stationären Computern.

Da es gerade um Uber ging: Wie alles, was den legendär disruptiven Taxi-Killer betrifft, gingen vergangene Woche die Meldungen über einen " immensen Datenklau" relativ weit herum: den der "Daten von 50 Millionen Passagieren und 7 Millionen Fahrern". Z.B. hat heise.de die Original-Nachrichten des "Wall Street Journals" und der Bloomberg-Agentur sowie die Nachdrehs (dass Uber in Absprache mit seinen Investore  lieber die erpressenden Hacker bezahlt als seine Fahrer und Kunden informiert habe) übersetzt. Kreditkarten-Daten seien übrigens nicht betroffen gewesen. Beteuert Uber.

Neben internationalen Recherchen zu den globalen Datenströmen finden auch deutsche statt. Z.B. fuhr Hakan Tanriverdi von der "Süddeutschen" kürzlich nach Erlangen, wo Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität demonstrierten, dass sie per "Hack 31 Finanz-Apps austricksen und sie übernehmen" können, "bis hin zum Ändern der Iban-Nummer und dem Versenden der Transaktionsnummer (Tan) auf beliebige Geräte." Betroffen seien "31 Finanz-Apps" von bekannten deutschen Banken und Sparkassen, und zwar, da sie alle "offenbar auf denselben Dienstleister zurückgreifen: Promon", ein norwegisches Unternehmen.

Whatsapp in Delaware & Hersfeld

Noch frischer ist eine deutsche Studie zur Apps-Nutzung auf sogenannten Smartphones. Der  Online-Marktforscher yougov.de nannte Anfang dieser Woche darin die beliebtesten App der Deutschen:

"35-mal blicken Smartphone-Nutzer eigenen Angaben zufolge durchschnittlich pro Tag auf ihr Smartphone. Immerhin neun Prozent geben an, 100-mal oder häufiger pro Tag auf ihr Smartphone zu schauen. Mit diesen Apps verbringen die Deutschen nach eigenen Angaben dabei die meiste Zeit: WhatsApp (74 Prozent), E-Mail-Programme (35 Prozent), Facebook (29 Prozent), Wetterapps (27 Prozent) und die Google Suche (25 Prozent)."

Was die also allerbeliebteste App betrifft, den Messengerdienst Whatsapp (der ja zu Facebook gehört, allerdings global nur rund halb so viele Nutzer hat, gut eine Milliarde Menschen ...), bewegt sich die deutsche Rechtslage streng genommen in beträchtlichen Grauzonen, dank des HmbBfDI und des Familiengerichts Bad Hersfeld.

Um zwei Meldungen aus dem Sommer zu zitieren, die die geltende Rechtslage weiterhin spiegeln: Ein überraschendes Hersfelder Urteil verlangte im Juni sozusagen von Whatsapp-Nutzern (bzw. deren Erziehungsberechtigten) "schriftliche Einverständniserklärungen aller WhatsApp-Kontakte" einzuholen. Das Urteil hat Verwirrung ausgelöst (zeit.de), aber einstweilen keine Folgen. Praktisch ist es  unmöglich solche Einverständniserklärungen einzuholen, zumal Whatsapp standardmäßig alle Nummern in den Telefon-Adressbüchern seiner Nutzer ausliest und in den USA übermittelt, auch die von denen, die selbst gar nicht Whatsapp nutzen. Der Gesetzgeber wird in den nächsten Jahren wohl nicht zur Klärung beitragen, vielleicht tut es eine höhere Gerichts-Instanz.

Indes beim Verwaltungsgericht Hamburg hat der HmbBfDI, der Hamburgische Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit, im Frühjahr einen Erfolg gegen Whatsapp und Facebook errungen und den "Massendatenabgleich" zwischen beiden Milliarden-Netzwerken, den neue AGBs global angekündigt hatten, erst mal untersagen lassen. Ob die "nach dem Recht des Staates Delaware gegründete und registrierte Gesellschaft" Whatsapp, die nach eigenen Angaben in 180 Staaten aktiv ist, sich an Datenschutz-Gebote eines kleineren deutschen Bundeslands hält – wer weiß. Einen namentlich bekannten Vertreter und einen Sitz in Deutschland hat Whatsapp eher nicht.

Ein Narrativ fürs "Digitalbewusstsein"

All diese Meldungen regten niemanden wirklich auf. In den ohnehin weiter unten auf den Startseiten rangierenden Digital-/ Netzwelt-Ressorts der Nachrichtenportale tauchen sie mmer mal wieder zwischen den Meldungen über das auf, was das nächste iPhone können soll und was denn hinter dem Bitcoin-Trend steckt. Wenn man sie sie zu verknüpfen versucht – ungefähr so wie eben Tracking-Cookies Daten verknüpfen – kann einem allerdings schwummrig werden. Daher ist kein Wunder, dass die leider wenigen Experten, die tief in der Materie stecken, wie just netzpolitik.org-Gründer Markus Beckedahl ein "digitales Tschernobyl" erhoffen: damit endlich ein Narrativ entsteht, anhand dessen sich ein "Digitalbewusstsein" so entwickeln kann, wie sich seit den 1980ern Umweltbewusstsein entwickelt hat. Wobei so ein Narrativ auch starke Bilder bräuchte. Bislang werden sämtliche News, auch die kritischen wie die eingangs verlinkten, meist mit Smartphones (gerne zuzüglich lackierter Frauenfinger) illustriert. Oder mit dem Android-Männchen, das Googles Designer natürlich so designt hatten, dass es sympathisch rüberkommt.

Die deutsche Medienlandschaft bemüht sich zu selten, solche Meldungen zu verknüpfen. Gewiss wird in den Digital-/ Netzwelt-Ressorts alles gemeldet, was alle melden, also außer den klickstarken Geräte-Gerüchten auch alle Skandale, die international zirkulieren. Aber ein umfassenderes Digitalbewusstsein, das zum Beispiel unklare Rechtslagen benennt, helfen sie nicht zu fördern. Was spricht dagegen, in Smartphone-Vergleichen wie "Die Besten der Besten der Besten!" zumindest auf Probleme hinzuweisen, die sich mit den einzigen beiden Betriebssystemen und den vorinstallierten Apps verbinden?

Was aus Sicht vieler Medien dagegen spricht, nicht darauf hinzuweisen, dass Apps zwar oft bequem, aber ebenso oft nicht nötig sind, da beispielsweise Wetter-Daten und Bahnverbindungen sich genauso gut (und Daten- sowie Akku-sparsamer) über mobile Browser abrufen lassen, liegt nahe: Alle Medien bieten selber Apps an und haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, auf diese Weise nennenswertere Online-Einnahmen zu erzielen. Schließlich sind die App-Stores mit Kreditkarten- oder Kontodaten verknüpft (was auch bequem ist, aber "Datenklau" umso gefährlicher macht).

Was aus Sicht vieler Medien dagegen spricht, auf die heftig umstrittene, im EU-Parlament inzwischen angenommene "ePrivacy-Verordnung" als mögliche Lösung von Tracking-Problemen hinzuweisen (wie es der oben genannte wired.de-Text tut), ist noch offensichtlicher: Die Verlage sind selbst massiv dagegen.

Tatsächlich ist noch völlig unklar, ob werbefinanzierten europäischen Onlinemedien dadurch nicht neue Nachteile gegenüber den US-amerikanischen Konzernen erwachsen, die (auch mit ihrer Hilfe) immer stärkere Quasi-Monopole aufbauen und sich bisher nur, wenn es wirklich nötig ist, an Gesetze europäischer Staaten halten. Doch wäre gerade die Notwendigkeit, Rechts- und Chancengleichheit herzustellen, ein dankbares Thema für Redaktionen. Über neueste Gerüchte zu neuen sog. Smartphones, äh, berichten könnten sie ja parallel trotzdem.