Ein Jahr ohne CSD?

Bild zeigt Mundschutz in Regenbogenfarben

Mundschutz - genäht von der Drag Queen des Vertrauens / Foto: Rainer Hörmann

Ein Jahr ohne CSD?
Coronabedingt sind viele geplante CSD-Paraden bereits abgesagt, manche Organisatoren überlegen noch, manche wollen online "feiern". Aber braucht es in diesem Jahr wirklich einen CSD um des CSD willen?

Kaum zu glauben, dass ich Ende Januar im "kreuz & queer"-Blog die Frage nach der Sinnhaftigkeit von CSD-Mottos gestellt habe. So wie es aussieht, gibt es in diesem Jahr kaum noch Paraden, über deren mehr oder weniger originellen Slogans nachgedacht werden müsste. Coronabedingt bleiben Großveranstaltungen bis Ende August untersagt. Vorerst. Derzeit ändern sich viele Restriktionen sehr locker und schnell. Und was "groß" meint, das wird je nach Bundesland festgelegt. Insofern sollte die Hoffnung vielleicht nicht ganz aufgegeben werden, dass wir unsere Röcke doch noch raffen, unserer Krönchen doch noch richten und doch noch zur Feier von Liebe und Vielfalt unterm Regenbogen eilen dürfen.

Der CSD Köln wurde auf den 11. Oktober verschoben, in Stuttgart wartet man noch ab ebenso wie in Hamburg, wo es eigentlich im August das 40-jährige Jubiläum zu feiern gäbe und man sich kämpferisch gibt: "Keep on fighting. Together". München und Berlin haben abgesagt, wollen jedoch "virtuell" feiern. Mit "Don't hide your pride" hat die Hauptstadt wahrscheinlich am prägnantesten gefasst, worauf es auch in Corona-Zeiten ankommt.

Aber wie soll feiern online gehen? Ob das virtuelle Lagerfeuer wirklich so wärmt wie das reelle Miteinander inmitten von Menschen, mit denen man sich verbunden weiß, dazu Musik, Fahnen, Boas und lauwarmer, alkoholfreier Sekt auf dem Marktplatz?

Vielleicht gibt der IDAHOT, der weltweite Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie am kommenden Sonntag, den 17. Mai 2020, einen Vorgeschmack, wie das engagierte Miteinander virtuell vonstattengehen kann. Unter Federführung der Präventionskampagne IWWIT, unterstützt von zahlreichen queeren Magazinen und Institutionen, wird unter dem Hashtag #wirfürqueer ab 19 Uhr auf der Facebook-Seite von IWWIT ein Online-Soli-Event aus dem Berliner Schwuz gestreamt.

Als die Organisatoren des Berliner CSD entschieden, einen virtuellen Pride durchzuführen, gab es heftige Kritik von Nollendorf-Blogger Johannes Kram. Er plädierte dafür, die Idee von Aktionen im öffentlichen ‚realen' Raum nicht vorschnell aufzugeben: "Ein digitaler CSD ist kein CSD!" Im Tagesspiegel "träumten" Sebastian Walter und Anja Kofbinger, queerpolitische Sprecher*innen der Grünen-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, davon, "viele kleine, Corona-Schutz-konforme Demogruppen könnten que(e)r über Berlin verteilt – möglicherweise sogar digital vernetzt – die politischen Forderungen der Community verbreiten. Lasst uns Regenbogenbanden bilden!"

Vieles, was derzeit erwogen wird, erscheint mir aus einem (verständlichen) Wunsch nach Aktionismus geboren, der aber, sollte es bei kleinteiligen Aktionen einer handvoll auserwählter Teilnehmer*innen bleiben, das zentrale Moment des CSD verpasst: Es geht beim CSD darum, dass er eine für alle zugängliche Form des Miteinanders ist; es geht um unmittelbare Teilhabe und eben nicht um eine Stellvertreter-Aktion, bei der die Mehrheit vom Sofa zugucken soll/muss. Ich selbst würde momentan eher für eine Absage von CSD-Paraden plädieren, was eben nicht heißt, dass es keine Aktionen, Proteste geben darf und soll. Nur: Müssen sie mit einer zu großen Hausnummer und dem Erwartungen evozierenden Etikett "CSD" überfrachtet werden?

Egal, wie die einzelnen CSD-Organisationen, wie einzelne Communities vor Ort entscheiden, eines bleibt unstrittig: An Gründen für einen sichtbaren, vernehmbaren Protest - sei er real oder online - mangelt es nicht. Mehr denn je ist konkrete Kooperation mit den LGBTQ-Communities anderer Länder gefragt. Mehr denn je muss kritisiert und hinterfragt werden, wie und wodurch unter dem Deckmantel von Religion/Glaube gegen Homosexuelle, Transgender agiert wird.

Das eben verabschiedete Gesetz zum Verbot von "Konversionstherapien" - so sehr es als erster Schritt zu begrüßen ist - bedarf der Nachbesserung. Ex-Papst Joseph Ratzinger lässt es sich nicht nehmen, in einer neuen Biografie erneut gegen die gleichgeschlechtliche Ehe zu wettern, Pastor Olaf Latzel hetzt gegen "die Verbrecher vom Christopher Street Day" (EKD-Ratspräsident Bedford Strohm nennt es "unerträgliche Aussagen", Kirchenbeschäftigte distanzieren sich, zugleich erklären 14.000 Menschen in einer Online-Petition ihre Sympathie für den Pastor). Und laut des Präsidenten der türkischen Religionsbehörde bringen Homosexualität und Ehelosigkeit Krankheiten und "verfaulen" Generationen. Wäre da noch der homophobe US-amerikanische Prediger Franklin Graham ... habe ich schon erwähnt, dass er, Pastor Latzel und überhaupt alle, die gegen Homosexuelle aufstacheln, eigentlich nichts gegen Schwule und Lesben haben? Im Falle von Franklin Graham also hat das Corona-Virus für einen kurzen Moment auch was Gutes: Sein Auftritt in Köln wurde aufs nächstes Jahr verschoben - besser wäre es natürlich, er würde den Auftritt ganz absagen, aber das wäre schon fast zuviel des Guten.

Gegen dieses geballte und in jüngster Zeit wieder massiv zunehmende Dauerfeuer aus ‚Gründen des Glaubens' hilft nur selbstbewusste und öffentliche Gegenrede. Auch wenn es im Moment nur online geht. Selbst wenn es 2020 keine oder nur sehr wenige CSD-Paraden im öffentlichen Raum geben wird, wir müssen uns leider keinen Augenblick der Illusion hingeben, dass sich auch nur einer der Gründe für den täglichen und feiertäglichen Kampf gegen Homophobie, gegen Transphobie, gegen Diskriminierung und für gleiche Rechte, gegen die Spaltung der Gesellschaft und für ein Miteinander verschiedenster Gruppe bis nächstes Jahr erledigt haben wird. In diesem Sinne würde ich sagen: Wenn wir derzeit im Alltag standhalten, dann ist das schon eine ziemlich große Sache. Das Feiern nachzuholen, sollte das geringste Problem sein.

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