Nur noch Privatsache?

Efeu, dazwischen ein kleines, rotes Teelicht.

Foto: Rainer Hörmann

In Gottesdiensten zum Weltaidstag geht es um das Gedenken an die Verstorbenen, wie um die, die heute mit einer HIV-Infektion leben. Und letztlich geht es auch um die Kirche selbst.

Gottesdienste, die sich, wie etwa am Weltaidstag, einem bestimmten Thema widmen bzw. an eine bestimmte Gruppe gerichtet sind, stehen oft unter dem Verdacht, es würden irgendwelche Spezialinteressen bedient. Als würden die einen bevorzugt, die anderen vernachlässigt. "Ach, ist das wieder ein Gottesdienst für Schwule?", wurde ich vor einiger Zeit mal gefragt - die Frage kam übrigens von einem schwulen Mann! Die Antwort ist, dass evangelische Gottesdienste immer für alle Menschen sind und allen Menschen offenstehen.

Zudem scheint im Falle von HIV/Aids die Dringlichkeit nachzulassen, die "Bedrohung" zu schwinden. Durch die passenden Medikamente - dauerhaft eingenommen und regelmäßig ärztlich kontrolliert - kann bei immer mehr Infizierten die Viruslast dauerhaft unter die Nachweisgrenze gesenkt werden (womit die Infizierten dann eben auch nicht mehr "infektiös" sind). Das sind eigentlich gute Botschaften ...

Eine Formulierung wie "Die Kirche hat Aids" scheint dadurch obsolet zu werden. Sie versuchte einst deutlich zu machen, dass der Versuch der Kirche, die Immunschwächekrankheit als etwas, was nur außerhalb ihrer Reihen existiert, zu ignorieren, scheitern muss. Die von der Kirche selbst errichteten Tabus führten dazu, dass sie einem zentralen christlichen Gebot - zu helfen statt zu verdammen -, nur zögerlich nachkam, dass sie das Problem gern von oben herab anging, anstatt bei und mit denen zu sein, die Unterstützung brauchten.

Vor Kurzem führte ich ein Gespräch mit Pfarrerin Dorothea Strauß, die vor 25 Jahren die Initiative Kirche PositHIV mitbegründet hat. Sie schilderte dabei auch das Bemühen, damals die Akzeptanz und Bestätigung der offiziellen Kirchen zu erhalten. "Es ging ja nicht um ein privates Hobby, sondern es war ein kirchlicher Auftrag."

Kann es sein, dass heute wieder, dass heute immer noch ein Gottesdienst wie der zum Weltaidstag als Privatangelegenheit anstatt als Ausdruck ureigensten christlichen Seins und Handelns gesehen wird? Ein Gottesdienst mit und für Menschen mit HIV/Aids, für die Angehörigen, für die Seelsorgerinnen und Seelsorger, für die Ärzte und die Pflegekräfte, für die Engagierten, die für sich und für andere beherzt gegen Diskriminierungen angehen, die dafür kämpfen, dass weltweit der Zugang zu Medikamenten/medizinischer Behandlung ermöglicht wird?

Gottesdienste wie die zum Weltaidstag sind nicht nur dazu da, um an die Toten und an die weltweiten sozialen Auswirkungen der Immunschwächekrankheit zu erinnern. Sie sind auch dazu da, um die Kirche selbst daran zu erinnern, was sie getan, wie sie reagiert hat. Hat sie etwas aus dem Umgang mit HIV/Aids gelernt? Wenn ja, was? Wird das erworbene Wissen, die Erfahrungen, schwinden, wie die "Bedrohung" schwindet?

In diesen Gottesdiensten ergibt sich die Chance, den eigenen Umgang mit solchen Themen, den Menschen, den Gruppen, mit Krankheit allgemein zu reflektieren. "Prüfet aber alles und das Gute behaltet", wie es im Paulus-Brief heißt (1. Thessalonicher 5,21). Ein Gottesdienst zum Weltaidstag ist sicher Gedenken und Erinnern, aber hoffentlich auch Impuls für das eigene Leben und Handeln und ein Moment, um Kraft zu schöpfen für die Tage, die da kommen mögen.

Gottesdienste anlässlich des Welt-Aids-Tags 2018 (Auswahl)

BERLIN | Sonntag, 2. Dezember 2018 | 18 Uhr:

Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, Breitscheidplatz. Pfarrerin Dorothea Strauß und Pastor Thomas Lienau-Becker, Aids-Seelsorge Hamburg, Der Gottesdienst wird gestaltet von KIRCHE positHIV. Musik: Jocely B. Smith (Link)

BIELEFELD | Samstag, 1. Dezember 2018 | 19 Uhr:

Süsterkirche, Güsenstraße 22. Motto: "Dranbleiben". Gottesdienst mit der HuK, der Infektionsambulanz Mara, der AIDS-Hilfe Bielefeld, dem WOZA-Chor im Welthaus Bielefeld. Predigt: Pfarrer Bertold Becker und Team (Link)

FRANKFURT a.M. | Samstag, 1. Dezember 2018 | 16 Uhr:

St. Katharinenkirche, An der Hauptwache 1. Pfarrerin Petra Babylon, Pfarrer Matthias Struth, Organist: Martin Lücker (Link)

HAMBURG | Freitag, 30. November 2018 | 18 Uhr:

Hauptkirche St. Petri, Motto: Rundum sorglos? Grußwort: Bischöfin Kirsten Fehrs, Predigt: Pastor Lienau-Becker, Aids-Seelsorge Hamburg. Anschließend (ab 19.30 Uhr): Candle-Light-Walk durch die Innenstadt (Link)

KÖLN | Samstag, 1. Dezember 2018 | 18 Uhr:

AntoniterCityKirche, Schildergasse 57. Musikalische Gedenkstunde (im Anschluss an den Lichtergang, 17 Uhr), mit Pfarrer und Beiratsmitglied der Aidshilfe Köln Markus Herzberg. (Link)

NÜRNBERG | Samstag, 1. Dezember 2018 | 20 Uhr:

St. Jakob - Jakobskirche, Jakobsplatz 1. Organsisiert von AIDS-Beratung Mittelfranken und AIDS-Hilfe Nürnberg-Erlangen-Fürth. Das Motto ist "Labyrinth des Lebens". (Link)

PADERBORN | Samstag, 1. Dezember 2018 | 16 Uhr:

Treffpunkt: am Pürting (Kreuzgang) der Busdorfkirche, Am Busdorf 6-8. Spaziergang durch die Innenstadt mit Aktionen und Gesprächen zum Motto "Du hast HIV? Damit komm ich nicht klar! Streich die Vorurteile". Veranstaltet vom Ev. Kirchenkreis Paderborn und Aids-Hilfe Paderborn. (Link)

SAARBRÜCKEN | Sonntag, 2. Dezember 2018 | 18 Uhr:

Kirche Maria Hilf in Brebach, Saarlandstr./Ecke Kirchstr. Organisiert von der Initiativgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK). (Link)

STUTTGART | Samstag, 1. Dezember 2018 | 20 Uhr:

Alt-Katholische Kirche St.Katharina, Katharinenplatz 5. Gestaltet von der Evangelischen AIDS-Seelsorge (Pfarrer Eckhard Ulrich), der Katholischen AIDS-Seelsorge (Pastoralreferent Uwe Volkert), dem Chor Rosa Note sowie Martin Kohler an der Orgel. (Link)

TRIER | Mittwoch, 28. November 2018 | 19 Uhr:

Ev. Kirche zum Erlöser (Konstantin-Basilika), Konstantinplatz. Thema: "Da ist ein Sehnen tief in mir, nach dir, mein Gott". Musikalische Gestaltung: Gesangstudio AnKlang. (Link)

WÜRZBURG | Samstag, 1. Dezember 2018 | 18 Uhr:

St. Adalbero, Sanderau, Neubergstr. 1a. Veranstaltet von PG Sanderau, Schwullesbisches Zentrum, und Aidsberatung Unterfranken der Caritas. Musikalische Gestaltung: "Sotto Voce" (Link)

Die Gottesdienste sind in der Regel ökumenisch. Alle Angaben ohne Gewähr und ohne Anspruch auf Vollständigkeit; Stand: 18.11.2018