Die Frage der Woche, Folge 98: Was hat @kirchentag_de mit der AfD?

Der heftig umtoste Tweet der Kirchentags-Redaktion zur Kirchentags-Veranstaltung "Christen in der AfD?" war echt unglücklich. Den Reaktionen hätte aber gutgetan, nicht zu vergessen, wofür der Kirchentag eigentlich steht.

Liebe evangelisch.de-Nutzerinnen und -Nutzer,

was ein Tweet alles auslösen kann, durfte der Deutsche Evangelische Kirchentag am Himmelfahrts-Donnerstag selbst erfahren. Die Veranstaltung "Christen in der AfD?" war im Vorfeld schon hoch umstritten. Die Vorsitzende der Vereinigung "Christen in der AfD", Anette Schultner, war eingeladen, um mit dem Berliner Landesbischof Markus Dröge und der Publizistin Liane Bednarz zu diskutieren.

Weil die Veranstaltung im Vorfeld schon viel beachtet und umstritten war, hatte sich die Kirchentagsredaktion vorgenommen, die wichtigsten Aussagen aus der Debatte auch per Twitter zu verbreiten. Das ist eine Form der Live-Berichterstattung, die in vielen Medien gängig und üblich ist.

(Die Kirchentagsredaktion sind Journalist*innen und Journalistenschüler*innen unter anderem aus der Evangelischen Journalistenschule in Berlin, die auf der Webseite des Kirchentags selbst über die Veranstaltung berichten.)

Diese Kirchentagsredaktion hatte für die Tweets aus der AfD-Diskussion ein Vier-Augen-Prinzip: Einer schreibt die Aussage auf, eine andere schaut drauf. Dann geht die Aussage als korrektes Zitat mit Anführungszeichen auf Twitter raus. Der erste dieser Tweets kam um 11:17 Uhr, aber erst der zwölfte um 12:27 Uhr sorgte für Aufruhr. Denn der Kirchentags-Account twitterte eine völlig unbelegte und unbelegbare Behauptung von AfD-Frau Schultner über die Zahl der Terroristen, die inmitten von Flüchtlingen nach Deutschland kämen.

Der Widerspruch von Bischof Dröge kam im Anschluss auch als Zitat über den Account. Aber der Schaden war schon getan und nicht zurückzuholen. Denn weil Tweets in dieser Form als eigener kleiner Eintrag für sich stehen, hatte der Kirchentag also gerade eine AfD-Aussage unwidersprochen veröffentlicht. Im Gesamtbild der Tweets von der Veranstaltung stimmt das nicht, für den einzelnen Eintrag aber eben schon. Dass die Twitterer das Zitat mit Anführungszeichen kennzeichneten und mit "…meint  @AnetteSchultner von der AfD" beendeten, fiel dann schon nicht mehr ins Gewicht.

Denn diejenigen, die im Vorfeld schon meinten, dass der Kirchentag der AfD gar keine Bühne geben dürfe, auch nicht im antagonistischen Gespräch, sahen ihre Befürchungen in diesem Moment bestätigt.

Die mehr als 330 Antworten, die dann folgten, kann man wahlweise als Twittersturm oder Shitstorm bezeichnen. Ich halte "Shitstorm" hier für falsch, weil ein echter Shitstorm eben keine legitime Kritik enthält, so hat er ja seinen Namen bekommen. Die Kritik an dem Kirchentags-Tweet ist aber teilweise berechtigt.

Denn wenn man im Namen einer Organisation twittert, muss man sich immer darüber im Klaren sein, dass jeder Tweet als Einzelaussage dieser Organisation wahrgenommen wird. Gerade wenn ein Tweet in einer Reihe von mehreren, wie hier, besonders viel Aufmerksamkeit bekommt, wird er als isoliertes Ereignis in die Timeline der Nutzer gespült.

Bei denen kam also ein AfD-Zitat mit dem Absender Kirchentag an. Gerade weil der Kirchentag politisch eindeutig eher linke Follower hat, schlägt so ein Satz natürlich stärker ein – weil nicht nur die Kritiker eine Gelegenheit bekamen, ihre Kritik bestätigt zu sehen, sondern auch die vorher nicht beteiligten Follower ganz natürlich empört sind über so eine Aussage, die sie vom Kirchentags-Account nicht erwarten.

Diesen Mechanismus hätten die Kirchentags-Twitterer berücksichtigen können und an dieser Stelle eben kein für sich stehendes Zitat twittern sollen. Besser wäre zum Beispiel gewesen: "Unhaltbare Behauptung von @Anette Schultner: ‚[Zitat]'". Damit zieht man sich dann den Shitstorm von der anderen politischen Seite an. (Die Tweets im Stil von "aber sie hat doch recht, ihr linksgrün-versifften Christen" muss ich mir nicht ausdenken, die gibt's bei anderen Gelegenheiten zuhauf.) Das ist nur insofern anders, dass der Kirchentag damit nicht seine eigene Zielgruppe verärgert hätte, sondern stattdessen eine ohnehin ablehnend reagierende rechte Minderheit.

Bei den Kirchentags-Followern kam dieser Versuch der Neutralität, einfach nur zu berichten, was da war, aber eben gar nicht gut an. Dabei hat sich der Account, der in dem Moment von Journalisten bedient wurde, wie ein Journalist beim Schreiben einer Nachricht verhalten: "Sagen, was ist." Nur steht dann eben der Tweet einzeln für sich, und Nutzer*innen reagieren nicht auf den Kontext, sondern auf die Einzelaussage. Der Folgesatz der Nachricht, dass Bischof Dröge dem direkt widersprochen hat, ging als separater Tweet und oft wiederholte Antwort in dem Twitter-Strang dann eher unter.

Ja, der Tweet war angesichts der Vorab-Kritik echt unglücklich und hätte gleich den Fact-Check enthalten sollen. Er hätte so aber auch von jeder anderen berichterstattenden Redaktion abgesetzt werden können, die Aussagen aus der Diskussion live twittert, und war deswegen vielleicht für die Institution Kirchentag falsch, aber nicht aus der journalistischen Sicht der Kirchentagsredaktion.

Was mich an dem Twittersturm daher am meisten irritiert, ist die Tatsache, dass offenbar viele Menschen dem Kirchentag, der EKD (übrigens nicht identisch) oder gleich der ganzen evangelischen Kirche zutrauen, auf einmal zu AfD-Positionen rüberzuschwenken. Dabei ist es in der gesamten Diskussion um die AfD bisher sehr klar geworden, dass aus evangelischer Sicht die AfD keine wählbare Partei ist, weil ihre deutsch-nationale Exklusionshaltung mit einem gelebten Christentum in der Nachfolge Jesu nicht vereinbar ist. Darum ging es ja auch in der Diskussion auf dem Podium.

Kontext und Intention darf man nicht einfach ignorieren, um die eigene Kritik zu eskalieren. Der Kirchentag hatte und hat nicht das Ziel, AfD-Propaganda zu verbreiten. Die Haltung des Kirchentages zu Flüchtlingen, Nächstenliebe und gesellschaftlicher Vielfalt ist klar. Wenn dann auf einmal so ein Tweet aufploppt, steht er in diesem Kontext, selbst wenn man die anderen Tweets von der Veranstaltung drumherum nicht kennt. Ich habe den Tweet sofort so gelesen: "Da hat die AfD mal wieder Bullshit von sich gegeben." Also als journalistische Darstellungsform "Nachricht", wie er gedacht war, und nicht als Darstellungsform "Kommentar" (also als Meinungsäußerung). Aus dieser Sicht wirken einige der eskalierten Anfeindungen dann eher wie ein herzliches "Er hat Jehova gesagt!" als wie der Versuch, ernsthaft einen anderen Umgang mit Berichterstattung über die AfD anzumahnen.

Ich wünsche euch und Ihnen ein gesegnetes Wochenende!


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