Die Frage der Woche, Folge 56: Sind virtuelle Wunder echte Wunder?

Die Frage der Woche, Folge 56: Sind virtuelle Wunder echte Wunder?
Was passiert, wenn man in der Virtual Reality selbst ein biblisches Wunder erlebt?

Liebe evangelisch.de-Nutzerinnen und -Nutzer,

nach meinem Aurfuf von vergangener Woche erreichte mich über Facebook eine spannende Frage nach der "Reformfähigkeit der evangelischen Kirche". Für die Antwort darauf brauche ich aber etwas mehr Zeit, die ich in der vergangenen Woche noch nicht hatte.

Diese Woche möchte ich daher stattdessen eine etwas ältere Frage beantworten. Am 9. Januar hatte ich in einem Blogpost ganz am Rande von Virtual Reality gesprochen, weil damals die Launch-Termine von Oculus Rift und Samsung Gear VR bekannt wurden. Das hat eine Nutzerin auf Facebook damals schon verwirrt - sie fragte, ob ich dafür bezahlt würde, über diese Produkte zu reden.

Nein, das werde ich nicht - aber mir Gedanken über die Frage zu machen, wie Kirche diese Virtual Reality nutzen kann, ist Teil meines Berufs. Also: Was könnte Kirche mit Virtual Reality anfangen?

Wer sich unter VR nichts vorstellen kann: Für das Erleben von Virtual Reality setzt man sich ein taucherbrillen-ähnliches Gerät auf den Kopf, das einen Bildschirm vor jedes Auge setzt und mit einem Computer (Oculus Rift, HTC Vive) oder einer Playstation verbunden ist. Dadurch bekommt man ein 360-Grad-Bild in 3D direkt vor Augen. Weil man nichts anderes sieht und das Bild und die Bewegung so echt wirkt, reagieren die Spieler*innen auf diese Erlebnisse genauso wie in der Kohlenstoffwelt. Die Illusion ist fast komplett. Ich hatte die Gelegenheit, das auf der GamesCom mit einem Autorennspiel selbst zu testen, und es funktioniert.

Aber fast jeder von uns hat inzwischen ein eigenes VR-Gerät in der Tasche. Denn die drei großen VR-Brillen sind noch sehr teuer (Playstation VR ist das günstigste System und liegt bei etwa 450 Euro, und man braucht noch eine Playstation 4). Viele Smartphones sind aber schon ein guter Einstieg. Denn Google hat mit seinen "Cardboard"-VR-Brillen eine günstige Variante aus Pappe und Plastik (manchmal Glas) im Angebot. In diese Konstruktionen legt man sein Smartphone ein und kann sich dann ein grafisch nicht so ausgefeiltes, aber funktionierendes Virtual-Reality-Erlebnis anschauen.

Das geht nicht nur mit speziellen Apps, sondern auch mit 360-Grad-Videos auf YouTube. Die funktionieren auch auf dem Computer - mit der Maus oder mit dem Bewegungssensor im Smartphone kann man sich rundum umschauen, während das Video weiterläuft. Das sieht dann zum Beispiel so aus, wenn zwei Menschen einen Fallschirmsprung vom höchsten Gebäude der Welt machen:

Wie kann Kirche das also nutzen? Dazu muss man wissen, dass sich ein VR-Erlebnis einfach echt anfühlt. Es ist eben nicht nur "Virtual", sondern auch "Reality". Ein Beispiel: Es gibt eine VR-Simulation von "The Walk", produziert als Werbung für den Film über den Drahtseil-Lauf von Philippe Petit zwischen den Türmen des World Trade Centers 1974. In diversen Demonstrationen wurden Menschen aufgefordert, mit dem Virtual-Reality-Bild vom Abgrund vor Augen auf einem am Boden liegenden Seil vorwärts zu gehen. Es gibt Menschen, die diesen ersten Schritt nicht machen können, obwohl sie wissen, dass sie nicht auf dem Dach des WTC stehen. Aber das sensorische Erlebnis ist stärker als das rationale Wissen um ihre aktuelle Position im Raum. (Ein bisschen sieht man das hier im Beispiel-Video: Die Testerin kniet sich hin, um das Balancieren auf dem Seil auszugleichen.)

Wenn das Erlebnis also auf diese Weise echt sein kann - lassen sich damit auch Glaubenserlebnisse erzeugen? Was passiert, wenn man in der Virtual Reality selbst ein biblisches Wunder erlebt - einen brennenden Dornbusch, das sich teilende Meer, oder gar selbst auf dem Wasser laufen, wenn Jesus zu einem sagt: "Du kannst das?" Welche Folgen hat das für die Glaubensvorstellung von Menschen?

Ich weiß es nicht. Aber ich fände es sehr spannend, das mal auszuprobieren. Dafür braucht es allerdings einen Produktionsaufwand von hoher Qualität, der nicht ganz einfach zu leisten ist. Denn natürlich kann man jetzt schon 360-Grad-Videos von Kirchenräumen drehen, oder einen Gottesdienst rundum erlebbar machen und hat auch dann schon schöne Inhalte für YouTube und Google Cardboard. Aber der wahre Trick von VR besteht im Erleben von ansonsten nicht erlebbaren Dingen, und dafür braucht es etwas mehr Aufwand. Videospiele machen das schon seit Jahrzehnten möglich, und nicht umsonst ist diese Branche der größte Antreiber von VR. Aber auch Reiseveranstalter und (natürlich) die Porno-Branche haben jetzt schon Interesse an VR.

Journalismus übrigens auch - 360-Grad-Reportagen liegen im Trend. Wenn Sie Lust haben, laden Sie sich die Google-Cardboard-App auf ihr Smartphone (für Android und iOS), schauen Sie es sich mal an und erfoschen Sie die 360-Grad-Videoseite auf YouTube an. Wenn Sie Ideen haben, wie das dann über das Filmen von Kirchen und Gottesdiensten hinaus auch für die Kirche interessant sein könnte, schreiben Sie ihre Ideen in die Kommentare!

Ich wünsche euch und Ihnen ein gesegnetes Wochenende!


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