Medienkolumne

Medienjournalist Christian Bartels wirft jede Woche einen ausgeruhten Blick auf die deutsche Medienlandschaft.

Immer dieser Springer-Konzern

Immer dieser Springer-Konzern
Schlagzeilen macht er viele – sowohl, was die eigene Zukunft angeht, als auch große und oft kritikwürdige mit seiner "Bild"-Zeitung. Aber seinen Gegnern so einfach, wie sie es gerne hätten, macht er es nicht.

Der Springer-Verlag ist längst kaum mehr ein "Verlag". Schließlich hat er die meisten gedruckten Medien verkauft (selbst die "Hörzu", durch die er enstand). Seine rein digitalen Onlinemedien wie das Portal "Business Insider", das international zu Springer gehört, sind nicht besonders präsent. In den Schlagzeilen der Medienressorts ist die Axel Springer AG bzw. SE dennoch pausenlos.

Einerseits, weil derzeit ein Finanzinvestor groß einsteigt, den sogar das seriöse Springer-Medium "Welt" gerne mit dem schwierigen Begriff "Heuschrecke" belegte (Altpapier). Welches Ziel Kohlberg, Kravis & Roberts einerseits, die größte Aktionärin Friede Springer sowie Vorstandschef Mathias Döpfner andererseits verfolgen, ist völlig unklar. Soll Springer "Weltmarktführer im digitalen Rubrikengeschäft und digitalen Journalismus" werden, wie meedia.de mutmaßt? Zumindest so eine Unklarheit könnte zu den Zielen gehören. Offenbar soll Springer wieder von der Börse genommen werden. Das würde bedeuten, dass der Konzern öffentlich weniger über seine Pläne informieren müsste.

Andererseits machen die "Bild"-Zeitung bzw. ihr Internetauftritt derzeit noch mehr Schlagzeilen als sowieso immer. Sowohl ihre Berichterstattung über eine spektakuläre Mordtat in Stuttgart als auch die "über ein angebliches Schweinefleisch-Verbot in Kindertagesstätten" in Leipzig zogen viel Protest und schnelle Beschwerden beim Deutschen Presserat nach sich. Die Zeitung "agiert ... heute unter Julian R. (39) wie der mediale Arm der AfD", ärgerte sich Jupp Legrand von der Otto-Brenner-Stiftung im "Tagesspiegel". Im deutschen Twitter sorgte der Trend "BILDloeschen" für Furore.

Solch einen Furor erregt die "Bild"-Zeitung seit Jahrzehnten. Dazu ausnahmsweise eine Anekdote aus meiner Kindheit: Als Schüler mussten wir uns anhand eines Kinderbuchs (nicht von Günter Wallraff, sondern wohl: "Schlagzeile. Ein 'Bild'-Reporter berichtet" von Hans Schulte-Willekes) mit dem Blatt beschäftigen. Eine aktuelle Ausgabe zu untersuchen, war Teil der Aufgabe. Im Zeitschriftenladen, in dem ich sonst Comichefte kaufte, nahm ich also eine "Bild"-Zeitung und erklärte der Verkäuferin: "Die brauchen wir für die Schule". Frau Kramer antwortete: "Das ist mir egal."

"Eine Menge Journalisten vor der Kita"

Das ist immer noch ziemlich aussagekräftig. Ob das Medium zur kritischen Analyse oder affirmativ zu Unterhaltungs- (oder gar Informations-)Zwecken genutzt wird, spielt fürs Geschäftsmodell keine große Rolle. Natürlich sinkt die verkaufte Auflage der "Bild"-Zeitung wie bei allen gedruckten Medien (oder noch stärker, weil von höherem Niveau aus), wie alle Kritiker zufrieden erwähnen. Die "Bild"-Zeitung stecke im "Existenzkampf einer Zeitung, ein letztes Geschäft zu machen", sagte gerade Michael Spreng, der einst Chefredakteur der "Bild am Sonntag" war, dem Deutschlandfunk.

Allerdings rangiert bild.de im Ranking der "Top 50 Nachrichtenangebote" im Internet, bei allen Schwankungen, meist weit vor (dem auch nicht un-boulevardigen) Spiegel Online ganz oben. Auch bei direkt auf den Startbildschirmen platzierten Apps gehört bild.de zu den wenigen erfolgreichen deutschen Inhalteanbietern (vgl. "Zehneinhalb Stunden am Tag"). Und möglichst viel Aufregung auch bei Gegnern zu erzeugen, gehört seit je zum Geschäftsmodell. Gewiss hat der Bildblog viel dazu beigetragen, die Zeitung zu entzaubern, und womöglich mit dazu, ihre Auflage sinken zu lassen. Ob heute all die heftige Kritik noch potenzielle Nutzer aufklärt oder eher das "Bild"-Geschäft belebt, ist eine andere Frage. Eigentlich neigen Menschen in den 2010ern Jahren ja nur selten dazu, ihre Meinungen aufgrund neuer Argumente zu ändern, sondern eher dazu, sie zu verfestigen. Zumindest lässt all die Kritik die "Bild"-Zeitung mit ihren Schlagzeilen und mit ihrem Logo immer wieder durch alle Medienformen zirkulieren.

Inhaltlich gibt es für viel Kritik an "Bild"-Zeitungs-Schlagzeilen und -Methoden gute Gründe. Wenn etwa was "Irrelevantes zum bundesweiten und gesamtgesellschaftlichen Aufreger hochgejazzt wird" und daher die Leipziger Kitas Morddrohungen erhielten, wie Samira El Ouassil bei uebermedien.de schrieb. Auch aufschlussreich ist allerdings der "Redaktionelle Hinweis" unter dem verlinkten Deutschlandfunk-Beitrag: "Polizeischutz" brauchten die Kitas dann doch nicht, oder wenn, dann "weil sich eine Menge Journalisten vor der Kita versammelt hätten". Vermutlich würden sich die "Bild"-Zeitungs-Macher mehr ärgern, wenn ihre Schlagzeilen mal ignoriert würden. Warum springen so viele Kritiker immer wieder über alle Stöckchen der "Bild"-Zeitung? Vermutlich auch, weil die Springer-Presse sie gut zu werfen versteht ...

"Vorfeldorganisation der AfD"?

Was das Stuttgarter Gewaltverbrechen in angeht: Zurzeit berichten viele deutsche Medien auf ihren ohnehin verwechselbaren Portalen möglichst zurückhaltend über Gewaltkriminalität, auch von Migranten begangene. Zum Teil erklären sie in "in eigener Sache", warum. Das entspricht dem (interpretierbaren) Kodex des Presserats und ist absolut legitim. Den ebenfalls legitimen Informationsinteressen der Gesellschaft entspricht es offenkundig zumindest nicht vollständig. Diese Lücke besetzen Springer-Medien, vermutlich strategisch. Das ist auch legitim. Die "Bild"-Zeitung als "Vorfeldorganisation der AfD" zu bezeichnen, wie Spreng es tut, scheint mir etwas billig. Schließlich wird die Partei dort im üblichen Sound auch scharf kritisiert. Und gerade die unterschiedlichen Herangehensweisen zeugen von der Medienvielfalt in Deutschland, die Pauschalkritiker wie Ex-Verfassungsschutzschef Maaßen bestreiten. Am Rande: Kennen Sie viele deutsche Publikumsmedien, in denen aus Syrien emigrierte Reporter berichten? (Wobei Mo Rabie natürlich schon ein typischer "Bild"-Zeitungs-Reporter ist ...).

Womöglich steigt die Vielfalt in der Medienlandschaft mit der Fülle von Angeboten im Internet, vielleicht scheint es eher bloß so, weil oft dasselbe zirkuliert. Jedenfalls bieten viele Presseverlage mit noch klangvollen Namen nurmehr wenig aktuelle Publizistik: Gruner+Jahr allenfalls noch den "Stern" und die Beteiligung am "Spiegel". Um Burda mit seinem "Focus" als dessen inhaltlichen Rivalen zu sehen, müsste man sehr wohlwollend sein. Und dass derselbe Verlag mit "TV Spielfilm" gerade seinen Marktführer im noch viele 100.000e Hefte starken Segment der Programmzeitschriften gerade aufgab (bzw. an die Konkurrenz ab-), ist ein krasses Menetekel für weiteren Niedergang. Die Entwicklungen werden ähnlich verlaufen, die Auflagen weiter sinken. Und dafür, mit noch oft guten, bloß perspektivisch schrumpfenden Einnahmen neue Geschäfte aufzubauen, haben die deutsche Verlage (wie die meisten internationalen) wenige funktionierende Ideen. Außer Springer.

"Black Friday, Halloween, Weihnachten"

Nachdem dem Verlag der Kauf der Fernsehsendergruppe ProSiebenSat.1 verboten wurde – was ich immer für einen großen kartellrechtlichen Fehler der überforderten deutschen Aufsichtsbehörden hielt – ist er ins Rubriken-Anzeigen-Geschäft eingestiegen. Immonet und Stepstone werden als hierzulande bekannte Marken gerne genannt. Angebote wie das französische seloger.com sind mindestens so wichtig. "Classifieds Media" nennt Springer den Geschäftsbereich, was in die Irre führt: Mit Medien hat das wenig zu tun.

Bloß könnte man es so sehen, dass so erzielte Gewinne die im Vergleich zur "Bild"- seriöseren "Welt"-Zeitungen und -Medien finanzieren (zu denen auch der Fernsehsender gehört, der früher N 24 hieß und jetzt den hochgestochenen selben Namen, "Welt" also, trägt). Auch über die "Welt" ließe sich streiten. Zumindest der Binnenpluralismus zwischen z.B. Deniz Yücel und Don Alphonso scheint mir ziemlich beispielhaft. Genau so ein Quersubventions-Modell dürften Finanzinvestoren, die sich nicht für Traditionen, sondern nur für Profite interessieren, allerdings kippen. Das ist einer der Anlässe für die Schlagzeilen über Springer.

Vielleicht aber gelingt es Springer-KKR ja auch, seine "Welt"-Medien profitabel genug aufzustellen. Falls Sie die oben verlinkte "Top 50- Nachrichtenangebote" klickten: Da belegt welt.de Platz 5 – unmittelbar vor "Upday", noch einem Springer-Angebot. Dabei handelt es sich um, nach eigenen Angaben, "Europas größte News-App". Groß wurde sie, weil sie auf Samsung-Geräten vorinstalliert ist. Zu ihrem Geschäftsmodell gehört etwa ein Vermarktungsangebot mit "Deutschlands größter digitaler Plattform für lokale Handelskommunikation", die auf den Kunstnamen Bonial (und ebenfalls zu Springer ge-) hört: Das lässt sich "im Rahmen eines shopping-relevanten Ereignisses wie Black Friday, Halloween, Weihnachten oder Silvester buchen".

Weihnachten als "shopping-relevantes Ereignis" wie Halloween (also der Tag, für den viele Menschen den Reformationstag halten ... ) – das lässt sich auch kritisieren. Es müsste aber auf der Basis kritisiert werden, dass größere Medien-Werbe-Geschäfte auf genau diesem Niveau gemacht werden. Springer ist, was immer man von seinen – längst wenigen – inhaltlichen Angeboten hält, der deutsche Medienkonzern, der in der Konkurrenz mit global agierenden US-amerikanischen (und auch mit den mit sicheren Milliarden-Einnahmen ausgestatteten Öffentlich-Rechtlichen) mit neuen Ideen mithält. Gewiss verdienen viele davon Kritik, aber differenziertere, als sie oft reflexhaft geäußert wird.

 

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