Direkt zum Inhalt
Glaube und Theologie
Lieber Herr Muchlinsky,
die Bibel beinhaltet bekanntlich so manchen Widerspruch wie auch Aussagen, die aus heutiger ethischer Sicht z. T. äußerst problematisch sind. Den Umgang mit solchen Stellen erleichtert mir der Grundsatz Martin Luthers, das biblische Zeugnis von seinem Zentrum, von Jesus Christus aus zu beurteilen. Doch wie verhält es sich, wenn ich in der einen oder anderen Frage zu Christus selbst im Gegensatz stehe? Ein gutes Beispiel bietet hier seine eindeutig ablehnende Haltung zur Ehescheidung. Ich dagegen denke, dass es Situationen gibt, in denen die Scheidung einer Ehe zum Wohle eines oder beider Partner dringlich geboten sein kann. Ich weiß natürlich, dass u. a. die Evangelische Kirche das auch so sieht. Aber was ist dann der Maßstab für den Umgang mit den überlieferten Äußerungen Jesu? Mir ist bis jetzt kein besserer Weg eingefallen, als jener, im Zweifelsfall innerhalb der Lehre Jesu zu gewichten und dem Gebot der Gottes- und Nächstenliebe unbedingt den ersten Rang einzuräumen. Schließlich war Jesus ja – auch – „wahrer Mensch“ und müsste als solcher bis zu einem gewissen Grade der Vorstellungswelt und den Denkweisen seiner Zeit verhaftet gewesen sein. So hat er ja auch meines Wissens weder die damals übliche und heute zu Recht verurteilte Sklaverei, noch die Todesstrafe grundsätzlich in Frage gestellt (bei der Begebenheit mit der Ehebrecherin scheint er mir weniger auf die Steinigung als vielmehr auf die Gewissenserforschung der versammelten Menge abgezielt zu haben.). Doch wo ist eher der Mensch am Werk und wo waltet die göttliche Autorität? Verlasse ich den Boden des Christentums, wenn ich mir die Entscheidung darüber selbst anmaße?
Ich hoffe, ich konnte mein Problem deutlich machen und würde mich sehr freuen, wenn Sie mir einen Weg zeigen könnten, damit in verantwortlicher Weise so umzugehen, dass ich immer noch guten Gewissens Christ sein kann.
Vielen Dank schon einmal und herzliche Grüße