"Bist du normal oder bist du christlich?"

Haus in Pasewalk in Mecklenburg-Vorpommern mit AfD-Flagge
Dariusz Bruncz
Jeder dritte evangelische Christ hat in Sachsen Anhalt die AfD gewählt.
Nach den Landtagswahlen 2026
"Bist du normal oder bist du christlich?"
Die AfD behauptet in ihrem Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt, die evangelische Kirche sei der Feind des Glaubens. Bei der Wahl hat zugleich jeder dritte evangelische Christ im Land die AfD gewählt, in Mecklenburg-Vorpommern sah es kaum anders aus. Regionalbischof Dr. Johann Schneider von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland spricht über die müde evangelische Kirche in Sachsen-Anhalt, ihre Glaubwürdigkeitskrise und den Hebel der AfD.

Dariusz Bruncz: Die großen Kirchen schaden dem Glauben – das behauptete zumindest die AfD in ihrem Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt.

Johann Schneider: Natürlich tun sie das nicht. Das ist eine Verdrehung der Tatsachen. Es ist eine antikirchliche Position, die ursprünglich eher linker Prägung war und sich bis zu dieser radikal rechten Haltung gewandelt hat, die sich willkürlich, teilweise aus etlichen evangelikalen und neokatholischen Milieus, ihre Ideen bezieht. Die meisten Leute in dieser Region sind nicht Atheisten, sondern Apatheisten. Sie haben gar nichts mit Kirchen zu tun, aber ihre Ideologie ist oft fundamentalistisch untermauert: "Nur wir repräsentieren das genuin Christliche" – das ist eine klassische Sektenposition. Die Sekte sagt: Wir sind die Wahren, und ihr seid abgefallen, weil ihr politisch für die Progressiven und für den Klimaschutz eintretet.

Und da müssen wir zugeben, dass wir ihnen manchmal auch Futter gegeben haben, nämlich indem wir uns als Kirche für Tempo 130 auf Autobahnen als protestantische ethische Maxime ausgesprochen haben.

Jeder dritte evangelische Christ hat in Sachsen Anhalt die AfD gewählt. In Mecklenburg-Vorpommern ist es nicht viel anders gelaufen. Ist das nicht eine Glaubwürdigkeitskrise für die Kirche, gerade für die evangelischen Kirchen in den beiden Ländern, die sich so stark in den Wahlkampf eingebracht haben?

Bischof Johann Schneider

Schneider: So ist es. Von diesem Glaubwürdigkeitsverlust haben wir schon letztes Jahr in der Bischofskonferenz gehört. Erstens sind die Menschen in unserer Kirche eher älter; die Mehrheit ist 60 plus. Zweitens sind die kirchlichen Verlautbarungen und die Gemeindeebene oft voneinander getrennt. Wir als Kirchenleitung haben uns sehr stark gegen die AfD positioniert. Vorher war das viel unklarer. Man wirft uns vor, dass wir uns politisch eher mit dem mitte-links-liberalen Parteienspektrum identifizieren, mit der SPD und den Grünen, weniger mit der CDU. Die Zahlen zeigen uns deutlich: Den Evangelischen ist es oft herzlich egal, was die Pfarrer oder die Kirchenleitung sagen.

 

Am Tag nach den Wahlen veröffentlichte die FAZ einen aussagekräftigen Text mit dem Titel "Aus tiefer Not schrei ich", was selbstverständlich eine Anspielung auf Psalm 130 war. Er schilderte einen Besuch in der Wittenberger Schlosskirche als Eintritt in eine "bewusstlose Sphäre". Stimmt das?

Schneider: Die evangelische Kirche ist in vielerlei Hinsicht eine müde gewordene Kirche, weil sie vor Ort wenige Kräfte hat und wir immer weniger werden. Wir führen einen ungleichen Kampf mit der Überforderung. Wir sind im Verhältnis die Kirche mit den meisten Gebäuden und den wenigsten Christen in ganz Deutschland, wahrscheinlich in ganz Europa. Wir haben auch Pfarrer, die bis zu 25 Gemeinden zu betreuen haben, und wenn die in den Ruhestand gehen, ist dort erst einmal niemand mehr.

Personalstarke Gemeinden sind die absolute Ausnahme. In den Gemeinden gibt es nur wenige Leute, die Verantwortung übernehmen können und wollen. Hinzu kommt der Mangel an Spiritualität. Das spüren die Menschen, und da muss ich auch selbstkritisch sagen, mich eingeschlossen: Wir sind sehr stark weltlich geworden. Die Themen, die wir öffentlich verhandeln, sind weltlicher Art. Die christlichen Kernfragen hinken hinterher.

Aber braucht es dafür wirklich die AfD, um sich das alles bewusst zu machen? Diese geistlichen Defizite sind doch hausgemacht. 

Schneider: Natürlich braucht man dafür keine AfD. Ich will nicht falsch verstanden werden: Wir haben sehr gute Leute, die jeden Sonntag und jeden Tag für ihre Kirche einstehen. Wir haben ja fromme und tüchtige Gemeindemitglieder. Nur ist das nicht öffentlichkeitswirksam genug.

"Unsere Veranstaltungen in den Kirchen sind, und das sage ich selbstkritisch, sehr rational. Auch unsere Predigten sind äußerst rational"

Die Analysen nach den Wahlen bestätigen, dass der AfD gelungen ist, woran die anderen Parteien und vor allem auch die Kirchen gescheitert sind, nämlich ein Gemeinschaftsgefühl herzustellen. Die Kirchen sind durch ihre Gebäude und ihre inhaltliche Infrastruktur doch fast in jedem Dorf präsent, gerade auch in Sachsen-Anhalt.

Schneider: Na ja, eben nicht. Dass eine Partei mit Emotionen umgehen kann, während die Position der Kirchen inzwischen beinahe pulverisiert ist, liegt ja auf der Hand. Unsere Kirchengemeinden haben immer noch ein Wir-Gefühl, aber dieses Gefühl ist nicht dualistisch, nicht schwarz weiß. Das hat die AfD geschafft. Bei uns ist das "Wir und die anderen" immer noch inklusiv. Das heißt, die Kirchengemeinde ist nicht so eine warme Stube, wie es eine politische Gruppierung sein kann, die sich immer im Gegenüber zu anderen definiert. Der AfD ist es gelungen, sich als die moralisch Höherwertigen gegenüber den anderen zu definieren. Das gibt es in diesem Ausmaß in der Gemeinde nicht. Wir sind eine bunt gemischte Gemeinschaft, was Weltanschauung, Geschlecht und Alter betrifft. Wenn man ein Gemeinschaftsgefühl durch Ausgrenzung herstellt, muss man es diabolisch nennen.

Und erstaunlicherweise ziehen die linken und rechten Ränder damit vor allem Leute an, die ein Gefühl suchen und wenig Rationalität zulassen. Unsere Veranstaltungen in den Kirchen sind, und das sage ich selbstkritisch, sehr rational. Auch unsere Predigten sind äußerst rational. Und das Personal, das wir haben, ist genau das Gegenteil der Prägung der meisten Leute, die die AfD wählen.

Meinen Sie die von Experten mehrfach genannte Repräsentationslücke?

Schneider: Die Mehrheit unserer Pfarrerinnen und Pfarrer sowie Kirchenmusiker lebt in der Stadt. Die wenigsten leben auf dem Dorf, und sie wollen auch nicht hin. Die Jüngeren wollen überhaupt nicht aufs Dorf. Wir haben große Mühe, unsere ländlichen Gemeinden abzudecken. Ein Beispiel: Wir haben viele solche Orte wie hier im Mansfelder Land. Dort haben rund 60 Prozent die AfD gewählt, und es ist kein Pfarrer mehr vor Ort. Der Gottesdienst findet zwei- bis dreimal im Jahr statt, und das reicht bei Weitem nicht.

Bei jeder Landtags- und Bundestagswahl sind die Kirchen sehr aktiv. Und man hört immer wieder dieses Narrativ: Wir müssen den Leuten zuhören, wir müssen dies und jenes. Was kann die Kirche jetzt wirklich tun?

Schneider: Ich bin eher der Moderate, der manchmal ganz anders denkt, auch weil ich aus Siebenbürgen komme. Wir sind in Mitteldeutschland eine sehr provinzielle Kirche, und ich war skeptisch gegenüber den Kampagnen, die wir gefahren haben, wenn auch nicht vom Inhalt her. Die Parolen "Herz statt Hetze" oder "Unser Kreuz hat keine Haken" sind sehr politisch und haben einen bestimmten Beiklang, als ob alle Nazis wären, die mit der AfD sympathisieren, und das sind sie ja nicht. Bei den Wählerinnen und Wählern gibt es eine ziemlich tiefe Sehnsucht nach einem Gemeinschaftsgefühl, das leider ausgrenzend oder faktisch xenophob ist, und gleichzeitig versuchen sie, die nationale Identität ernst zu nehmen. Nationale Identität ist in Deutschland aber ein Tabu.

Ich sage immer: "Ich bin Siebenbürger Sachse. Ich bin stolz, nicht weil ich auf meine Geschichte stolz wäre, sondern auf das Zusammenleben von sechs Nationen und vielen Glaubensgemeinschaften in einem Land. Ich bin stolz darauf, dass wir es geschafft haben, seit dem Mittelalter über Jahrhunderte hinweg trotz aller Spannungen gut mit Rumänen, Ungarn, Roma, Armeniern und Griechen zusammenzuleben." Das gibt es in Deutschland nicht, und das wissen die rechtsextremen Populisten effektiv zu nutzen. Stattdessen sollte man betonen: Deutsch sollte immer inklusiv sein, nie exklusiv.

"Eine Kirche zu betreten ist, würde ich sagen, mit Folgendem vergleichbar: Wie oft waren Sie schon im Königreichssaal der Zeugen Jehovas?"

Nach den Wahlen haben Soziologen und Politologen darauf hingewiesen, in Sachsen-Anhalt seien zigtausend Kneipen dichtgemacht worden. Das heißt, es gebe für die Menschen dort keinen Begegnungsort, an dem sie sich treffen können. Man muss sich fragen, warum man über Kneipen und nicht über Kirchengemeinden als Begegnungsorte spricht.

Schneider: Zunächst einmal gibt es in Sachsen-Anhalt, in Brandenburg und ähnlich in Teilen Mecklenburg-Vorpommerns tatsächlich kaum öffentlichen Räume mehr. Orte, wo man öffentlich lästern kann, sind weg. Die allermeisten Bewohner Sachsen-Anhalts sind keine Atheisten, sondern Apatheisten nach dem Motto "I don’t care". Das ist auch ein DDR-Erbe. Die kriegst du nicht ins Kirchengebäude, die würden da nie hineingehen. Es gibt eine Scheu. Eine Kirche zu betreten ist, würde ich sagen, mit Folgendem vergleichbar: Wie oft waren Sie schon im Königreichssaal der Zeugen Jehovas?

Kein einziges Mal.

Schneider: Sehen Sie. Und warum gehen Sie da nicht hin? Genauso denkt der "normale" Bürger in Sachsen-Anhalt über uns. Wir sind wie die Zeugen Jehovas. Er kommt nicht auf die Idee, hinzugehen. Das ist eine Barriere. Das macht man nicht. Acht Prozent der Bevölkerung Sachsen-Anhalts vertrauen der Kirche, 92 Prozent haben kein Vertrauen in die Kirche. Das ist so.

Warum haben sie kein Vertrauen?

Schneider: Weil sie keine Kenntnis davon haben. Sie wissen gar nicht, was das ist. Das ist etwas Fremdes. Ich mache es an einem Beispiel deutlich, wo es uns gelingt: In Halle und vor allem in den Städten gibt es sogenannte Segensfeiern oder Lebenswendefeiern. Das machen die evangelische und die katholische Kirche, aber eigentlich sind wir die Vorreiter.

Wir ersetzen die sozialistische Jugendweihe neben der normalen Form der Konfirmation durch eine kirchlich-säkulare Feier im Kirchenraum. Das sind sechs Treffen, und dann findet in einer großen Kirche die Feier statt, mit Eltern und weiterer Verwandtschaft, wie bei der Konfirmation. Für die allermeisten ist das der erste Kontakt mit einem Kirchenraum. Eine Oma sagte mir einmal im Nachhinein: "Ja, es war schön, obwohl es in der Kirche war." "Wie meinen Sie das?", habe ich nachgehakt. "Na ja, man hätte ja auch in einen schönen Saal gehen können. Aber gut, es hat ja auch nichts gekostet."

Das kommt hinzu: Bei der Kirche kostet es nichts, deshalb ist es nichts wert. Die meisten Beerdigungen werden von freien Rednern gehalten. Und wenn ich Leute hier in der Nachbarschaft frage, höre ich: "Wissen Sie, so arm sind wir nicht, dass wir zur Kirche gehen müssten. Wir können uns die 300 Euro für den Redner leisten." Kirche gilt sozusagen als Sondergruppe von Christen. Man unterscheidet zwischen normal und christlich. Hier ist das die Regel: Bist du normal oder bist du christlich?

Sie haben vorhin gesagt, die Kirche sei zu wenig spirituell. Soll das jetzt bedeuten, die Kirche sollte sich in ihre Kirchenräume zurückziehen und brav beten?

Schneider: Nein, aber sie soll die Fragen des Glaubens stärker in den Fokus nehmen und dabei die Fragen des Alltags nicht ausblenden. Eines muss allerdings betont werden: Als Kirche sind wir keine Agentur für Alltagsprobleme. Eine stärkere Christozentrik ist notwendig, ebenso die Bindung ans Bekenntnis. Das ist nichts Altes, sondern das genuin Reformatorische: das Bekenntnis zu Christus. Das schließt ein, dass unser Nachbar unser Bruder ist und dass der Muslim kein Feind ist, sondern ebenso ein Bürger. Christozentrik setzt Nähe zu den Menschen voraus, soweit diese möglich ist, und den Blick auf jene, die keine Stimme haben.

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