Eine Studie der Universität Münster hat Formen und Ursachen spirituellen Missbrauchs in zwei katholischen Geistlichen Gemeinschaften untersucht. Im Mittelpunkt standen die "Christusgemeinschaft" im Bistum Osnabrück und die 2021 aufgelöste Gemeinschaft "Totus Tuus Neuevangelisierung" im Bistum Münster. Die Wissenschaftler:innen Prof. Dr. Judith Könemann und Dr. Bernhard Frings haben die Ergebnisse nun in dem Buch "Macht durch Charisma. Geistlicher Missbrauch in Geistlichen Gemeinschaften" veröffentlicht.
Nach Definition der Forscher:innen handelt es sich bei spirituellem Missbrauch um einen unzulässigen, machtgesteuerten Eingriff in das geistliche Leben und Gewissen eines Menschen. In den untersuchten Gemeinschaften sei Macht unter anderem durch Indoktrination, Kontrolle, Überforderung und die gezielte Auswahl von Mitgliedern ausgeübt worden.
Zum Einsatz gekommen seien zudem Beschämung, Druck, "Liebesentzug" und Willkür. Besonders stark hätten Normierungspraktiken Frauen betroffen.
Theologische Begriffe als Rechtfertigung
Die Studie kommt außerdem zu dem Ergebnis, dass auch theologische Begriffe und Vorstellungen als Rechtfertigung für missbräuchliches Verhalten dienen können. Dazu zählen nach Angaben der Forscher:innen unter anderem Gehorsam, Demut, Freiheit, Nachfolge und Hingabe. Zugleich habe eine positive Grundhaltung der Bistumsverantwortlichen gegenüber den Gemeinschaften dazu beigetragen, dass Bedenken zurückgestellt, Missstände bagatellisiert und Kritiker:innen teilweise in ihrer Glaubwürdigkeit infrage gestellt worden seien.
Für die Studie führten die Wissenschaftler:innen 117 Interviews, darunter 81 mit Menschen, die sich als Betroffene oder ehemalige Mitglieder gemeldet hatten. Hinzu kamen umfangreiche kirchliche Akten und Recherchen in Bistumsarchiven. Die Forscher:innen fordern, spirituellen Missbrauch als eigenständige Form von Missbrauch anzuerkennen und durch geeignete Strukturen und Haltungen künftig besser zu verhindern.
Die Studie wurde unter anderem von den Bistümern Osnabrück und Münster sowie der Deutschen Bischofskonferenz finanziert; nach Angaben der Universität arbeitete das Forschungsteam unabhängig von den Auftraggebern.




