Vinylgottesdienst öffnet Kirche für Subkultur

Vinylgottesdienst in Frankfurter Kirche
epd-bild/Aaron Kniese
Das Thema des jüngsten Vinylgottedienstes in Frankfurt lautete "Kraft".
Zwischen Beats und Gebeten
Vinylgottesdienst öffnet Kirche für Subkultur
Beim Vinylgottesdienst in Frankfurt am Main kommen DJs in die Kirche. Zwischen Beats und Gebeten entsteht ein Dialog über Glauben und das, was Menschen bewegt.

Auf dem Kirchplatz trinken Menschen Bier und essen Pizza aus Kartons. Vor dem Eingang steht DJ Dag, gebürtig Dag Lerner, lässig in Jeans und "The Clash"-Band-Shirt. Der bebrillte "Godfather der Trancemusic" unterhält sich mit Gästen, ein Fan hat eine Schallplatte mitgebracht, die er signieren lässt. Viele weitere kommen mit der Autobiografie des DJs und erbitten ein Autogramm darin.

Um 19.35 Uhr begrüßt Lars Heinemann die "Vinylgemeinde" in der Frankfurter evangelischen Johanniskirche. Im April 2022 hat der Pfarrer mit diesem Format begonnen. Vier Vinylgottesdienste veranstaltet er im Jahr. "Musiker:innen und Künstler:innen bringen ihre Tracks zu einem der großen Themen des Lebens mit - und kommen darüber ins Gespräch", wirbt die Kirche. An diesem Abend lautet das Thema "Kraft".

Luft wie in einer Kneipe

Es ist andächtig still. Neben dem Eingang steht ein großer Kühlschrank, daneben ist eine provisorische Bar aufgebaut. Alle Plätze auf den Kirchenbänken an den Wänden und auf Stühlen sind belegt, viele Menschen stehen. Sie lauschen mit einem Glas Wein oder einem Bier in der Hand. Es riecht wie in einer Kneipe, ein Scheinwerfer taucht den Raum in orangenes Licht. Heinemann spricht knapp zwanzig Minuten. Er zählt auf, dass unter anderem auch die Subkultur, der Fußballklub Eintracht Frankfurt oder das Waldstadion Kraft geben könnten.

Seit 2022 bringt Pfarrer Lars Heinemann in Frankfurt-Bornheim populäre Musik in die Kirche und lockt damit viele Besucher an. Mit DJ Dag, einem Frankfurter Techno-Urgestein, hat er sich über Songs zum Thema Kraft unterhalten. Zwischen Beats und Gebeten entsteht ein Dialog über Glauben, Kultur und das, was Menschen bewegt.

 

"Danke, dass du mich als Atheist in Gottes Gnaden eingeladen hast", sagt DJ Dag nach der Begrüßung und erntet viele Lacher im Publikum. Der 66-Jährige mit tätowierten Armen ist aus der evangelischen Kirche ausgetreten, sei als Kind aber gerne zum Konfirmandenunterricht gegangen, erzählt er dem Evangelischen Pressedienst (epd). Auf dem Sofa spricht der in Mörfelden bei Frankfurt Geborene über seine "super behütete" Kindheit und darüber, dass er mit zwölf Jahren das erste Mal in einer Disko war. In den 1980er Jahren, also mit Anfang 20, wusste er, dass er DJ werden wollte. "Mein Traum war es immer, im Dorian Gray aufzulegen." Dieser Traum wurde 1988 wahr, und Lerner legte bis in die 1990er in dem Club im Frankfurter Flughafen auf.

Nur zu Konzerten in Kirche

Die Atmosphäre in der Kirche ist locker. Während Tracks laufen, die DJ Dag zum Thema "Kraft" ausgesucht hat, bewegen sich Füße im Takt, Gäste gehen an die Bar oder rauchen draußen eine Zigarette. Petra Hagenbucher erzählt, dass sie nur zu Konzerten in die Kirche komme. Das neue Format gefalle ihr, sie sei auch schon bei Moses Pelham und Ata hier gewesen. "Wir bringen auch Menschen in die Kirche, die sonst keine Kirchenschwelle übertreten", sagt Pfarrer Heinemann.

Der "eingefleischte Dag-Fan seit 1989", wie sich Marco selbst betitelt, ist mit seiner Clique aus Wiesbaden gekommen. Er war das letzte Mal vor 25 Jahren in einer Kirche. Für den 52-Jährigen ist die Atmosphäre in der Kirche "cool", der Klang gut und das Konzept "neu und frisch". "Aber es war ein bisschen viel Gottesdienst, bisschen wenig Vinyl", sagt er lachend.

Die meisten Tracks, die Dag Lerner ausgesucht hat, werden von DJ Matthias Westerweller abgespielt. DJ Dag kann derweil auf einem schwarzen Ledersofa Platz nehmen. Westerweller und Heinemann teilen sich die Moderation der Vinylgottesdienste.

Für Dag Lerner war am Ende der Abend schön, er sei angenehm überrascht gewesen. "Ich weiß nicht, ob ich Leute gezogen habe, die dann am Sonntag in den Gottesdienst kommen. Ich glaube eher nicht", sagt er und lacht. "Aber ich finde cool, dass der Lars die Kirche öffnen will."

Der nächste Vinylgottesdienst findet am 5. November um 19.30 Uhr mit dem Frankfurter Musikkollektiv Mauve statt.