"Gott ist rund und fliegt, wohin er will"

Pfarrer Thomas Klenner
epd-bild/privat
Pfarrer Thomas Klenner mischt wieder aktiv beim Bayerischen Fußballverband mit. Von der Grundlinie aus lassen sich Unterschiede zwischen Religion und Fußball besser bestimmen, sagt er.
Nach dem deutschen WM-Aus
"Gott ist rund und fliegt, wohin er will"
Die Niederlage der Deutschen Elf bei der Fußball-WM treibt auch Thomas Klenner um. Von der Grundlinie aus ließen sich interessante Parallelen zwischen Gott und Fußball ziehen, sagt er. Drei Fragen an den Bayerischen Fußball-Verband-Funktionär und Theologen Thomas Klenner.

In seiner Jugend schnürte er selbst die Fußballschuhe, später schaffte er es als Schiedsrichter bis in die Bayernliga. Der evangelische Theologe Thomas Klenner kennt den Fußball aus dem Effeff: Er war Betreuer, Trainer und Funktionär beim Bayerischen Fußballverband (BFV). Nach fünf Jahren Pause mischt der Schulreferent aus Regensburg wieder aktiv beim BFV mit und hat die Spielleitung der Landesliga Mitte übernommen. Über die Vergötterung des Balls und die Frage, ob Gott beim Fußball seine Hand im Spiel hat, sprach er mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).

epd: Herr Klenner, Fan-Sein ist anders als Funktionär-Sein. Was macht ein evangelischer Pfarrer beim Bayerischen Fußballverband?

Thomas Klenner: Voriges Jahr habe ich eine Segens-Aktion beim Nachwuchsfußball ins Leben gerufen, bei der sich Mannschaften vor dem Spiel segnen lassen konnten. Das wurde hervorragend angenommen - und das ist auch dem Bayerischen Fußballverband aufgefallen. Ich denke, dass Religion und Fußball gar nicht so weit auseinander liegen, sondern viel gemeinsam haben. Ich bin nicht nur Spielleiter der Landesliga Mitte, sondern bin auch in der Bildungskommission des BFV und kann meine Ideen einbringen. Ich denke, dass Gott Freude am fairen Fußball hat.

Apropos fair - war das nun ein WM-Debakel oder einfach Elfmeter-Pech für die deutsche Mannschaft am Montagabend?

Thomas Klenner: Bei besserem Ausgang wäre die Fußball-WM für uns - frei nach Karl Marx - wie Opium des Volkes gewesen, wie so eine Art Rauschmittel, das uns ein wenig beglückt in bedrückenden Zeiten. Jetzt ist das Opium nass geworden und wirkt nicht mehr. Das ist typisch für den lieben Gott, der ist rund und fliegt, wohin er will. Er hat den Elfmeter von Nationalspieler Jonathan Tah übers Tor gehoben. Wir glauben, Gott zu kennen und zu wissen, wo es langgeht, und sind doch wieder auf seine Gnade angewiesen. Demütig muss man sagen: So ist das im Leben. Aber wir sollten nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern die Konsequenzen daraus ziehen und überlegen, wie es weitergeht. Und wir sollten uns gegenseitig Mut machen und trösten.

Was mir nicht gefällt, ist, dass Bundestrainer Julian Nagelsmann jetzt so richtig ans Kreuz genagelt und für alles verantwortlich gemacht wird, was schlecht gelaufen ist. Wenn jetzt in der Boulevard-Presse über Nagelsmanns Schicksal abgestimmt wird, ist das nichts anderes als damals, als Pontius Pilatus das Volk über den Tod Jesu abstimmen ließ und seine Hände in Unschuld wusch.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn ein Spieler wie Felix Nmecha auf dem Spielfeld Gott feiert?

Klenner: Ich finde es spannend, dass jemand sich zu seinem Glauben öffentlich bekennt. Die Frage ist, ob es auf den Fußballplatz gehört, sich so zu äußern. Man könnte es auch im Privaten oder in der Kabine machen, wo es keiner sieht. Ich bin mir nicht sicher, zu welchem Zweck das gemacht wird: Ist es eine Glaubenseinstellung oder ist es eher so eine Art Promotion? Ich habe ein zwiespältiges Gefühl und weiß nicht, ob es so in Ordnung ist. Den Glauben so zur Schau stellen, kann ausgrenzend und provozierend wirken. Der Segen dagegen ist eine Handlung, die jedem gilt und die jedem gegeben werden kann. Der Segen ist eine runde Sache und für alle da - auch für Moslems oder für Nicht-Gläubige.

Die Fußballer sollten es lieber durch Handlungen zeigen, wie Schwalben unterlassen und Fair Play im Spiel an den Tag legen. Oder dem respektvollen Umgang mit dem Schiedsrichter, damit wäre viel mehr geholfen. Das wäre für mich das richtige Zurschaustellen des Glaubens, als sich etwa vor dem Spiel zu bekreuzigen.